Gipfelbasilisk

Angelique

Wer wissen möchte, wie dieser Kurztext entstanden ist, oder den Text lieber vorgelesen hört, folgt bitte folgendem Link zu YouTube:

Wie der Text entstand: https://youtu.be/QfoF9H6iXv4?t=1693

Text Vorgelesen: https://youtu.be/QfoF9H6iXv4?t=3830

Angelique saß mit einer Tasse Kaffe im Wartezimmer des Tatoostudios und zündete sich eine Zigarette an. Ihr Kaffee hinterließ einen Kreisrunden fleck auf dem Tresen. Es war nicht ihr erstes Tattoo, dass sie sich stechen, lies. Auf ihren linken Arm hatte sie sich nach dem Tod ihrer Mutter Rosen stechen lassen, weil dies die Lieblingsblumen ihrer Mutter waren. Heute war ihr anderer Arm an der Reihe, vor ein paar Monaten war ihre Schwester gestorben, ihre Lieblingsblumen waren Gänseblümchen. Seit dem Tag ihrer Beerdigung wusste sie, dass sie sich welche stechen lassen würde, auch wenn der erste Entwurf des Tätowierers, ihr gar nicht gefiel. Es brauchte drei Entwürfe, bis sie sich endgültig entschied.
Der Erste war einfach zu kindlich, ihre Schwester war eine stolze erwachsene Frau, die Gänseblümchen, sahen aus, als ob ein Kindergartenkind sie gemalt hätte. Gut sie wollte nicht zu kritisch sein, aber das Motiv gefiel ihr einfach nicht. Mit Gänseblümchen verband sie einfach nur Spielplatz, Sandkasten, Wiese und aufgeschürfte Knie. Aber ihre Schwester liebte diese Blume und sie liebte ihre Schwester.
Wann immer Angelique ihre Schwester im Krankenhaus besuchte, setzte sie sie in den Rollstuhl und fuhr mit ihr nach draußen. Sie saßen im Gras und ihre Schwester sammelte Gänseblümchen. Angelique brachte ihrer Schwester immer Blumen mit, wenn sie sie im Krankenhaus besuchte. Tulpen, Rosen, Narzissen, halt solche Blumen, die Angeliques Schwester auch im Garten hatte, damit sie sich an schöne Dinge erinnern konnte. Aber immer landeten diese Blumen irgendwo im Raum, die Gänseblümchen aber, die mussten in einer Vase auf ihrem Nachttisch stehen. Angelique fragt sich bis heute warum. Ihre Schwester hatte es ihr nie erzählt. Vielleicht weil es das Letzte war, das sie aus eigener Kraft machen konnte? Angelique überlegte. Zu Lebzeiten, war ihrer Schwester immer besonders wichtig Dinge selber zu machen. Sie war schon immer auf Hilfe angewiesen, aber sie konnte vieles selber tun. Und auf das, was sie selber tat, war sie immer besonders stolz. Sie hatte sogar darauf bestanden, ihre Zeichen Sachen mit ins Krankenhaus zu nehmen. Das tat sie schon immer gerne. Im zweiten Entwurf wurde dann genau das eingearbeitet. Angelique würde heute ein Tattoo mit Gänseblümchen und Aquarellstiften in ihren rechten Arm gestochen bekommen. Sie hatte mit dem Künstler gesprochen, dass die Gänseblümchen so aussehen sollen, als ob sie grade gemalt werden. Der Entwurf gefiel ihr dann doch wesentlich besser.
Die Zigarette neigte sich dem Ende. Angelique atmete den Qualm tief ein und ließ ihn langsam durch die Nase ausströmen. Sie beobachtete die braunen Kaffeeringe auf dem Tisch. Ihre Schwester war ein toller Mensch. Sie war sich nicht sicher, ob sie jemals so stark wird, wie sie es war, bis zuletzt.
Als Angelique ihre Schwester das letzte Mal besuchte, bevor sie starb, sammelte ihre Schwester so viele Gänseblümchen, dass sie sich eine Krone aus diesen Flechten konnte. Die Krankenschwester, erzählte ihr, dass es ganz schnell ging und ihre Schwester aufgrund der Schmerzmittel wohl nichts spürte. Sie soll ganz ruhig mit ihrer Gänseblümchenkrone im Bett eingeschlafen sein. Sie dachte daran wie schwer es ihrer Schwester viel die Blumen zu einer Krone zu verflechten. Trotzdem durfte sie ihr nicht helfen. Sie war so stolz, als sie es geschafft hatte. Damals wusste sie schon, dass es nicht mehr lange dauern würde, und trotzdem freute sie sich. Die Freude über diese kleine Krone strahlte ihr förmlich aus dem Gesicht.
Bei der Beerdigung hatte Angelique beim Bestatter gebeten, dass sie mit eben einer solchen Gänseblümchenkrone bestattet werden würde. Es wurde ermöglicht. Angelique trank etwas von der bitteren Flüssigkeit und lächelte. Der Tätowierer musste den Entwurf ein drittes Mal ändern und so wurde das Bild nun von einem Kranz aus Gänseblümchen umrahmt. Angelique lächelte. Atmete noch einmal tief durch, nahm ihren Kaffee und ging ins Studio des Tätowierers, es war Zeit, dass die Blumen auf ihren Arm kamen, als Erinnerung an die letzten schönen, aber schweren Tage mit ihrer Schwester.