Gipfelbasilisk

Der innere Kritiker

Das Twitch Video zu diesem Text in seinem Rohzustand, findet ihr hier: Link zum Video

Oh man, ich weiß mal wieder nicht, wie ich anfangen soll. Das führt dazu, dass ich wieder total awkward darüber schreiben muss, dass ich nicht weiß, wie ich anfangen soll. Ich hoffe, das dauert heute nicht allzu lange, dass ich nicht weiß, was ich schreiben soll. Gerade im Stream ist mir das total unangenehm, obwohl es ja eigentlich gerade darum geht, den inneren Kritiker abzustellen.

Mein innerer Kritiker sieht fast genauso aus wie ich, nur ähnlich wie meine grausame Muse, ist er schwarz und verzerrt. Er kriecht, wann immer er raus kommt, langsam meine Wirbelsäule hinauf und schickt mir Schauer durch meine Nerven. Gerade beim Schreiben meldet er sich so, langsam… kriechend… und inzwischen bin ich dadurch schon vorgewarnt, wenn er auftaucht. Sobald er meine Schultern erreicht hat, kommen seine zwei Hände und Arme wie Flügel aus meinen Schulterblättern gestoßen und er greift nach meinen Händen. Ich komme das erste Mal ins Stocken. Zu diesem Zeitpunkt vernehme ich schon ein erstes Flüstern, das einen nagenden Tonfall hat. Sobald er einmal geschafft hat meine Hände zu ergreifen, gewinnt er wirkliche Macht über mich und er kann sich weiter materialisieren. Als nächstes taucht sein Kopf auf und küsst mir wie ein feuriger Liebhaber zärtlich auf meinen Hals, sodass ich mich für einen kurzen Moment noch in Sicherheit wiege. Aber ich weiß, was gleich passieren wird. Er liest noch einen Moment mit, was ich schreibe, und dann beginnt es.

„Du bist scheiße!“, kotzt seine lispelnde, schlangenhafte Stimme förmlich heraus.
Ich komme endgültig ins Stocken und muss mich erst einmal mit ihm auseinandersetzen, bevor ich mich wieder dem Schreiben widmen kann.
„Schnauze, lass mich arbeiten!“, fahre ich ihn als Antwort an. Aggressionen gegen ihn helfen nie. Das kenn ich schon. Aber so hat er erst einmal einen neuen Angriffspunkt, über den er sich aufregen kann, und das tut er auch lautstark.
„Nicht nur, dass du geistigen Dünnschiss zu Papier bringst. Nein, der Herr fährt jetzt auch noch völlig aus der Haut und wird aggressiv. Du weißt doch, dass das nichts bringt.“
Ich versuche mich nicht weiter von ihm provozieren zu lassen und konzentriere mich einen Moment völlig auf meine Arbeit. Es fällt mir zwar schwer zu schreiben, wenn er da ist, aber es ist nicht völlig unmöglich. Dass ich ihn ignoriere, bringt ihn dann völlig zum Ausrasten.
„Traust dich doch eh nicht, eine vernünftige Diskussion mit mir zu führen. Du erbärmlicher Wicht. Du bist doch nicht kritikfähig und eine gute Geschichte erkennst du doch sowieso nicht. Selbst dann nicht, wenn man sie dir mit Megaphonen in deine Ohren schreien würde.“
Ich lache, seine Hasstiraden sind häufig sehr kreativ und inzwischen erheitern sie oftmals meinen Tag. Vor ein paar Jahren sah das noch deutlich anders aus. Ich bin zusammengefahren. Habe Texte, welche ich geschrieben hatte, gelöscht. Aber ich mag gerade nicht dran denken. Er greift schon wieder nach meinen Händen und ich verkrampfe mich innerlich. Das spürt das Aas natürlich.
„Oh es trifft dich. Das spüre ich doch ganz genau. Du weißt es und ich weiß es. Deine Schreibkunst reicht gerade Mal für die Mülltonne.“
Ich reagiere: „Und für 5-10 Personen, welche mir regelmäßig auf Twitch zuschauen, und für einige Leser, welche mein Buch gekauft haben. Ich glaube nicht, dass du die als Mülltonne bezeichnen solltest.“
Er kommt ins stocken. Ich setze nach.
„Und was ist mit meinem Fernlehrer, der mich hart, aber Sachlich kritisiert. Aber eben auch hier und da Dinge lobt und Dinge hervorhebt, welche ihm besonders gut gefallen.
Er stockt noch mehr und sein Kopf wird kleiner. Ich versuche es weiter damit, ihn zu ignorieren und schreibe weiter.
„Du bist Scheißeeeee, Scheißeeee, Scheißeeee!“, versucht er es erneut und flüstert die Worte immer wieder in mein Ohr.
Ich lache, ich bin mir sicher, dass ich ihn heute schnell besiegen werde, aber noch ist er nicht ganz weg.
„Kannst du mir mal meinen Becher Tee reichen? Ich würde gerne weiter schreiben, während ich etwas trinken möchte“, sage ich und muss grinsen. Er ist so irritiert, dass er meinen Becher greift und zu meinem Mund führt. Ich trinke.
„Dankeschön, dass machst du gut. Also hör mal, wenn du mich so unterstützt, darfst du mich gerne noch länger beleidigen.“
„Was? Ich bin doch nicht dein Diener. Ach, eh ich es vergesse, du bist scheißeeeeeeeee“, schreit er in einem letzten verzweifelten aufbäumen.
Ich lache, greife nach dem Becher, bevor er ihn fallen lässt und schreibe weiter. Seine Hände sind noch nicht ganz in meine Schulterblätter zurückgefahren, sein Kopf allerdings ist schon ganz weg. Er versucht noch einmal nach meinen Händen zu greifen und ich schlage ihn sanft auf seine immer kleiner werdenden Patschehändchen. Dann verschwinden sie endgültig. Ich schreibe weiter. Ja, ab und an lass ich ihn mit Absicht spielen, er ist nämlich gut, wenn es darum geht, Texte zu überarbeiten. Inzwischen findet er sogar hier und da Rechtschreibfehler. Aber beim Schreiben selber, kann ich ihn nicht gebrauchen, sonst komme ich garnicht vorran.
Ich konzentriere mich inzwischen immer besser auf meinen Text und spüre wie er langsam, an meiner Wirbelsäule wieder hinab kriecht. Ich rolle meine Schulterblätter und genieße das Gefühl ihn wieder einmal besigt zu haben.

Ich muss lachen, dann erschrecke ich.
„Was gibt es da zu lachen?“, sagt eine strenge weibliche Stimme. Eine schwarzer Tentakel legt sich auf meine rechte Schulter und beginnt sich an meinem Arm hinunter zu winden.
Ich schaue hinauf und sehe in das vor wahnsinn verzerrte Gesicht, meiner grausamen Muse. Heute lassen sie mir auch beide keine Ruhe.
„Nichts“, antworte ich.
„Gut, dann schreib, ich diktiere und wehe du schreibst etwas anderes, dann hole ich deinen Freund von eben wieder und werde ihn mit einigen Argumenten, tatkräftig unterstützen“, sie lacht.
Ich konzentriere mich auf meine Arbeit und schreibe.

Ja, das ist der Wahnsinn, mit dem ich mich tagtäglich rumschlage, aber was soll man machen? Es macht einfach zu viel Spaß. Ich könnt euch jetzt noch von meinem Kumpel Prokrastination berichten, aber das würde deutlich zu weit gehen.