Gipfelbasilisk

Der weiße Raum

Wenn ihr den Text lieber eingesprochen hören möchtet, folgt bitte diesen Link: https://youtu.be/2xxoZYivrio

Ich öffne die Augen. Strahlend weißes Licht blendet mich. Verwirrt schaue ich mich um. Wo zur Hölle bin ich? Das Bett? In wessen Bett liege ich? Ich werfe die Bettdecke achtlos beiseite und schaue an mir herab. Ich bin komplett weiß gekleidet. Es gibt keinen Horizont und nichts, das meinem Auge Halt geben kann. Ein elektronisches Piepen hallt wie ein Donnerschlag durch den leeren Raum.
Was ist das? Ich kenne dieses Geräusch, nur woher? Ich kann nicht atmen. Es rasselt in meiner Brust. Das Geräusch einer sich öffnenden Tür knallt ebenso laut durch den Raum. Warum bekomme ich keine Luft? Ich kralle mich am Bett fest, weil ich das Gefühl habe, es schwankt. Dann ein weiteres, inzwischen sirenenhaftes Piepen. Und so plötzlich, wie das Atmen schwerer wurde, füllen sich meine Lungen wieder mit Luft. Was ist das nur? Und wo bin ich hier?

„Hallo“, rufe ich verzweifelt in die endlose Weite. Keine Antwort. „Hallo, ist da wer?“ Ich spüre ein warmes Gefühl am Knie. Es ist, als ob mich da jemand berührt. Da ist doch wer? Warum sehe ich niemanden. Eine flüsternde Stimme sagt in einem beruhigenden Tonfall Worte, deren Sinn ich nicht verstehe. Ich höre, wie eine Tür ins Schloss fällt.
Ich will der Person folgen, aber wo ist mein Rollstuhl? Rollstuhl, ich fühle dem Wort nach. Woher kam das jetzt auf einmal? Wozu brauchte ich einen Rollstuhl? Ich kann doch laufen. Ich setze mich an die Bettkante und betaste mit den Füßen vorsichtig den Boden. Es muss einen geben, das Bett steht ja auch fest am Boden. Meine Füße berühren in ihren weißen Pantoffeln den Boden. Wo kommen die so plötzlich her? Waren sie die ganze Zeit schon an meinen Füßen? Egal, es gibt so viel, das ich nicht verstehe. Und nun ist es an der Zeit aufzustehen. Ich kann schließlich nicht ewig in dieser endlosen Weite sitzenbleiben. Irgendwann musste ich etwas essen und trinken. Wie gerufen, steht plötzlich etwas entfernt vor mir ein weißes Tischchen mit einer Stulle und Tee darauf. Vorsichtig prüfend setze ich meine Füße auf den Boden, halte mich am Bettrahmen fest und versuche, die ersten unsicheren Schritte zu gehen. Der Boden hält. Ich kann laufen und das Gleichgewicht halten. Ich gehe auf das Tischchen zu, greife nach der Stulle, den Tee und atme tief ein. Der Geruch von schwarzem Tee am Morgen. Ich schließe die Augen und höre Kinder spielen. Eine Frau geht durch eine Küche und bereitet Frühstück zu. Sie lächelt mich an und reicht mir einen Tee. Dann küsst sie mich. Ich lächele und öffne wieder die Augen und stehe immer noch in dieser endlosen weißen Weite. Ich drehe mich um und stutze. Das Bett ist weg. Frustriert schnaube ich.
„Im Stehen nehme ich mein Frühstück aber nicht zu mir“, schreie ich laut. Frustriert stampfe ich auf, verliere aber das Gleichgewicht und falle. Die Tasse zerspringt auf dem Boden und ihr brauner, heißer Inhalt verteilt sich. „Nein“, schreie ich und reibe mir das schmerzende Knie. Verzweifelt schiebe ich mit der Hand die Scherben zusammen. Ein Schmerz durchzieht meine Hand. Blut dringt aus einer Wunde heraus und fällt auf den Boden. Blutstropfen auf dem weißen Boden… Die Rosen meiner Frau im Garten. Sie sind ihr ganzer Stolz. Sie hat sie gezüchtet und ich durfte ihnen einen Namen geben. Ich wählte ihren. Meine Frau? Ich schaue meine Hand an. Die Wunde ist hinter einem weißen Verband verschwunden und die Scherben sind auch weg. Aber da, an meinem rechten Ringfinger ist ein kleiner goldener Ring. Ich bin verheiratet. Aber wo ist meine Frau und warum kann ich mich nicht an ihren Namen erinnern? Ich weine und dicke Tränen laufen mir über die Wangen. Wo bin ich nur hier und wo ist meine Frau?
In einiger Entfernung erscheint ein warmes Licht. Was ist das? Ich raffe mich auf, wische die Tränen weg und gehe darauf zu. Alles andere außer dieses ewige Weiß ist besser. Beim Näherkommen sehe ich, dass es eine Kerze ist, welche auf einem Tisch mit rot-weiß karierter Tischdecke steht. Stühle, Pizza Margherita, Spagetthi aglio e olio, Rotweingläser und die Frau aus meiner Erinnerung, nur dass sie wesentlich jünger ist. Sie sitzt alleine vor dem Essen. Plötzlich tritt ein junger, gut aussehender Mann hinzu. Wer ist das? Er kniet vor ihr nieder und holt eine kleine schwarze Schatulle hervor. Ihr treten Tränen in die Augen, sie nickt. Dann umarmt und küsst sie ihn. Ich muss lachen und weinen zugleich. Ich will die Freude hinausschreien und dem jungen Mann ergeht es ebenso. Er hebt die Frau an, lacht und wirbelt sie herum. Tränen laufen über seine Wangen. Ich mache einen weiteren Schritt auf die Szene zu. Sie verschwindet.
Dafür taucht ein paar Schritte weiter ein roter Teppich auf. Ich gehe auf diesen zu. Musik erklingt. Ich kenne das Lied. Es ist: Air Suite Nr. 3 von Johann Sebastian Bach. Ich gehe weiter auf dem roten Teppich entlang und lausche der Musik. In einiger Entfernung steht die Frau von eben in einem weißen Kleid. Der junge Mann steht ihr gegenüber.
Ein Pfarrer steht etwas über ihnen und spricht: „Deshalb frage ich dich: willst du die hier Anwesende zu deiner angetrauten Ehefrau nehmen, sie lieben und ehren, in guten wie in schlechten Tagen, dann antworte: Ja, ich will.“
Der junge Mann antwortet. Der Pfarrer wiederholt die Worte und spricht damit die Frau an. Auch sie antwortet mit Ja. Wieso kann ich mich an den Namen eines Musikstückes erinnern, aber nicht an den Namen meiner Frau? Gleich bin ich da, ich komme immer näher. Plötzlich wird der Teppich länger und die Gesellschaft rückt in weite Ferne. Ich gehe schneller. Ich will es nicht entkommen lassen. Es ist etwas anderes als dieses ewige Weiß.
Die Szene verschwindet. Ich mache einen Schritt nach vorne und spüre raue Holzdielen unter meinen Füßen. Die Morgensonne hat sie angenehm erwärmt. Ich rieche schwarzen Tee und höre Kinderlachen. In weiter Ferne entdecke ich eine Küche. Es müssen meine Erinnerungen sein, die ich da sehe. Aber warum kann ich mich an keine Namen erinnern? Die Frau und der Mann sind in der Küche am kochen, kleine Kinder spielen in einer Ecke. Ich komme näher, sehe das Essen. „Hmm… Pancakes.“ Die Pancakes meiner Frau waren immer die besten. Die Sonne geht unter und wieder auf. Die Figuren bewegen sich wie durch ein Puppenhaus, das ich im Schnitt sehe. Die Szene wirkt, als würde man eine Videokassette vorspulen. Die Kinder werden größer, älter und sind dann weg. Wenn das meine Erinnerungen sind, hatte ich Kinder. Aber wie hießen die? Bin ich tot? Vergisst man alles, wenn man stirbt? Die Frau und der Mann sind alleine im Haus, auch sie werden älter. Die Haare werden grau und sie gehen immer gebeugter. Dann verschwinden sie durch eine Tür, welche hinter ihnen zufällt. Ich gehe hinterher, ergreife die Tür und stoße sie auf.

Abermals hat sich der Boden verändert. Stein, ich laufe auf einem kalten, harten Steinboden. Ich höre wieder Musik, diesmal Klavier. Es ist von Chopin der Trauermarsch. Ich habe einen Kloß im Hals. Das Weiß um mich herum verblasst mit jedem Schritt. Es wird erst grau und dann schwarz. Dunkelheit umfängt mich. Tränen laufen über mein Gesicht. Ich weiß nicht warum, sie fließen einfach. In der Ferne leuchten hohe, weiße Kerzen, die einen Kasten umringen. Ich spüre einen Widerstand in mir. Ich will nicht sehen, was in diesem Kasten ist. Ich will zurück. Ich drehe mich um.

Das Piepen erklingt. Es donnert in einem erbarmungslosen Ton durch die Szenerie. Der Boden bebt und bricht hinter mir ab. Ich bekomme Panik. Ich atmete schwer und renne in die entgegengesetzte Richtung, so schnell ich nur kann. Der Kasten rückt immer näher, aber auch der Abgrund folgt mir. Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Der Totenmarsch, der Kasten, die Szene. Ich bin auf einer Beerdigung und das da vorne ist ein Sarg. Jetzt will ich erst recht nicht wissen, wer in diesem Sarg liegt. Bin ich auf meiner eigenen Beerdigung zu Gast? Oder auf ihrer? Ich weiß nicht, was schlimmer für mich wäre. Der Boden bricht weiter ab und der Sarg kommt immer näher. Inzwischen heule ich wie ein Schlosshund, rotz trieft aus meiner Nase, das Atmen fällt mir immer schwerer. Ich wische mit meinem Ärmel durch mein Gesicht. Nun stehe ich direkt vor dem Sarg. Ich schaue hinein. Sie ist es. Es ist ihre Beerdigung, nicht meine. Verzweiflung macht sich in mir breit und ich heule auf. Dann bricht mir wortwörtlich der Boden unter den Füßen weg. Ich falle. Ich japse und bekomme kaum Luft. Das Piepen wird immer lauter und ertönt immer öfter.

Ich öffne die Augen und bekomme wieder besser Luft. Vor mir steht ein junger Mann in weißer Kleidung.
„Ist es jetzt besser?“, fragt er.
Ich atmete tief durch und will ja sagen. Ich bekomme den Mund auch auf, aber es erklingt nur ein Stöhnen. Frustriert schnaube ich.
„Nicht aufregen, der Schlauch ihres mobilen Beatmungsgerätes hatte sich gelöst“, sagt er. Beatmungsgerät?
„So, ich werde sie jetzt für die Nacht fertig machen. Es war wieder ein aufregender Tag, nicht wahr?“, sagt er freundlich, kniet sich hin und zieht mir die Socken aus. Ich schaue das erste Mal hinab. Rollstuhl, ich sitze in einem Rollstuhl. Ich schaue den jungen Mann an und will fragen, warum ich in einem Rollstuhl sitze. Ich kann doch laufen? Aber wieder entfleucht meinen Mund nur ein seltsames Stöhnen. Warum kann ich nicht sprechen?
Eine Frau tritt hinzu. Ist sie schon die ganze Zeit mit im Raum gewesen?
„Traurig, seit er einen Schlaganfall hatte, kann er nicht einmal mehr richtig sprechen, und seit dem Tod seiner Frau ist alles noch schlimmer geworden. Er befindet sich immer öfter in diesen Dämmerzuständen.“
Der junge Mann stellt sich wieder vor mich hin. Mir fällt ein Schild auf, welches er an seiner Brust hängen hat. ‘Pflegeheim Sankt Annen, Demenzstation, Randolph Carter’ steht darauf. Ich lese die Worte, aber wie bei allem anderen zuvor, kann ich den Sinn nicht entschlüsseln.

Ich will wieder zurück in meinen weißen Raum, zu meiner Frau.

Ich schließe die Augen.