Gipfelbasilisk

Die Tocher im Arm

Dieser Text ist Teil der Postkartenübung, die Postkarte könnt ihr sehen, wenn ihr diesem Link folgt: https://youtu.be/GtFgCw9BZWM?t=3547 , anschließend lese ich den Text auch vor.

Andrey hielt seine kleine Tochter Luisa in den Armen. Ihr gelbes Kleidchen hing wie eine zweite Haut über ihren Körper. Er spürte ihre Wärme und war froh sie endlich wieder einmal in Armen halten zu können. Er öffnete die Augen, um ihn herum war Nebel. Zwischen den Schwaden schien strahlend gelbes Licht hindurch. Wo war Andrey, träumte er?
Nein, das konnte kein Traum sein. Er spürte die Wärme seiner Tochter, hörte das leise gleichmäßige Atmen des kleinen Körpers, spürte, wie das Gewicht seiner Tochter auf seinem Körper lastete.
Er schmiegte sich an ihr Haar und roch. Er konnte sogar das Lieblingsshampoo seiner Tochter riechen. Kamille mit Rose. Sie liebte blumige Gerüche. Er atmete tief durch und schaute sich genauer um.
Seine Augen fanden keinen Halt an einem Horizont, Gebäude oder ähnlichen Landmarken. Die Welt bestand nur aus diesen dicken wabernden Nebelschwaden, dem gelben Licht seiner Tochter, die ihren Körper noch enger an ihn drückte und ihm.
Er machte einen Schritt nach vorne. Boden hatte diese Welt also schon. Seine Tochter regte sich, öffnete die Augen und schaute ihrem Papa tief in die Augen.
„Halt mich fest und sei ganz still.“, sagte sie mit ihrer freundlichen, sanften Stimme und drückte sich wieder an ihren Papa.
Andrey streichelte mit der Hand über ihr Haar. Dieses glatte seidigweiche, schwarze Haar. Wie sehr er sie vermisste. Beziehungsweise vermisst hatte, jetzt war sie ja bei ihm und alles war in Ordnung. War es das? Tauchte plötzlich ein Gedanke in seinem Kopf auf, war wirklich alles in Ordnung? Er öffnete wieder die Augen. Sie war da. Also war alles in Ordnung. Wieso sollte auch nicht alles in Ordnung sein?
Er lächelte, sie war bei ihm. Glücklich beobachtete er die Schwaden und wie sie ruhig und gleichmäßig im Rhythmus seines Atems hin und her waberten …
Plötzlich hörte Andrey in der Ferne die Stimme seiner Frau Antonia? Was machte sie hier. Seine Frau war doch schon vor langem gegangen, lange vor Antonia.
Wo kam nun dieser Gedanke her, Antonia war doch hier bei ihm.
Panik machte sich in Andrey breit, wo war er hier?
Luisa drückte sich schmerzhaft an ihn, sie schlang ihre kleinen Ärmchen um Andrey und drückte immer fester zu.
Er versuchte, seine Tochter etwas zu lösen. Aber der kleine Körper fühlte sich plötzlich nicht mehr weich und warm an und auch das Haar roch nicht mehr nach Kamille und Rose, sondern nach Seetang, nach Meer. Wasser tropfte auf seine Schuhe und durchnässte seinen Pullover. Verwirrt schaute er auf seine Tochter und schrie auf. Das Ding, welches er umarmte, war nicht seine Tochter, sondern ein grünes froschartiges Wesen, welches nun seinen Mund öffnete und eine Reihe, scharfer Zähne bleckte und dann Zubiss. Schmerzen durchzogen Andreys Schulter.
„Andrey du musst da weg.“, sagte Antonias Stimme von weitem und Andrey öffnete endlich wirklich die Augen.

Strampelnd und keuchend riss er sich von dem Froschwesen los. Er wollte grade Atem holen, als er merkte, dass er unter Wasser war. Er trat nach dem Wesen und machte Schwimmbewegungen in die Richtung, in der er dachte, dass die Wasseroberfläche war. Aber alles um ihn rum war dunkel. Er spürte seine Lungen brennen und auch das Wesen kam wieder näher. Verzweifelt schaute er sich um und sah ein Licht. Er schlug die Richtung ein und dann durchstieß sein Kopf die Wasseroberfläche.
Nicht weit von ihm war der Strand und das Licht, welches er sah, kam von der Beleuchtung der Strandpromenade. Keuchend schwamm er, so schnell er konnte auf den Strand zu. Er musste ein paarmal in Richtung des Wesens treten, es fuhr mit seinen Krallen über seine Wade und Andrey schrie auf, als er spürte, wie die Krallen seine Wade aufrissen. Keuchend kam er an den Strand. Stand auf.
Er spürte die Verletzungen an seinem Körper. Aus dem Biss an seiner Schulter quoll Blut. Andrey hörte ein Platschen hinter sich und rannte. Im Wasser kein leichtes unterfangen. Plötzlich wurde es still hinter ihm, Andrey rannte aber weiter.
Er war nun fast aus dem Wasser. In dem Moment packte etwas seinen Knöchel und er viel mit dem Gesicht in den Sand.