Gipfelbasilisk

Hallelujah

Text von: Peri

Trigger: Negative Gefühle, Fremdouting

Foto von Kris Schulze von Pexels


Kennt ihr das Gefühl einen Song zu hören und er passt perfekt zu einer Szene in eurem Leben? Als hätte der große Hans Zimmer, seines Zeichens bester Filmmusiker der Zeit, sich etwas ausgedacht um die Emotionen eines ganz besonderen Moments zu unterstreichen? 

Und wisst ihr, wann ein Film immer von Musik untermalt wird? Bei prägenden Ereignissen. 

Ich stehe hier, auf der Empore einer Kirche, unter mir dutzende Menschen. Über meine Klamotten habe ich eine weiße Kutte gezogen, wie alle in meinem Chor. Heute muss ich Liedstimme singen, bei dem Lied, dass unsere Geschichte so treffend einfängt.

Der Chorleiter winkt mich nach vorne, weg von dem Schutz der Anderen, um der Schar unter mir vorsingen zu können. 

Meine Freunde hinter mir stimmen an und ich atmete nochmal tief durch. Versuchte die Anspannung los zu werden, den Kloß in meinem Hals wegzuschieben und meine Stimme unter gewalt zu bringen. Kein Entkommen mehr, denn der Film fängt vor meinem inneren Auge an, sobald der erste Ton aus der Orgel ertönt. Wie passend theatralisch und dramatisch und mächtig die Noten sind, welche die weihnachtliche Gewölbe erfüllen. 

>> I heard there was a secret chord
That David played and it pleased the Lord
But you don’t really care for music, do you? <<

Als wir uns kennenlernten waren wir noch junge Kinder. Am anfang waren wir beide schüchtern, hatten uns hinter unseren Müttern versteckt und brauchten erst ein wenig Zeit und meine Legosteine, um aufzutauen. Du hattest damals die großartigste Burg gebaut, welche ich je gesehen hatte. “Du bist eine Prinzessin, ja? Und ich bin der Ritter. Mit einem Schwert! Dann beschütze ich dich!”

Du wolltest mich beschützen? Dein Gesicht war schon wieder zu dem Ritter in deiner Hand gedreht, welcher tapfer gegen die Monster kämpfte, die uns angriffen und die Burg stürzen wollten. Sie schafften es nicht, nur wegen dir, dem starken Ritter. Du hast schon damals Souveränität ausgestrahlt. Für jedes Problem hattest du eine Lösung. Und immer eine starke Schulter, wenn ich sie brauchte. Sogar den Mut, dich den Vorschul-Kindergartenkindern zu stellen hattest du. Sie lachten über meine heiß geliebten Enten-Gummistiefel, welche ich Sommer wie Winter trug. Doch dir war egal, ob sie größer und stärker waren. Du hattest dich hingestellt, aufgebaut wie ein kleiner Baum in seiner ersten Blüte mit stolzer Krone und sie einfach angeschnauzt. Die Kinder lachten nie mehr und ich hatte beschlossen, du solltest immer mein bester Freund sein.

>> Well your faith was strong but you needed proof
You saw her bathing on the roof
Her beauty and the moonlight overthrew you <<

Immer konnte ich auf dich bauen. Egal was war. Wir waren gemeinsam durch die Grundschule gegangen. Manchmal mochten wir uns mehr, manchmal weniger, aber wenn es wichtig war, hatten wir uns immer geholfen. Wir hatten herausgefunden, dass du nur ein paar Straßen weiter wohntest und so sind wir immer gemeinsam gelaufen hin und zurück. Waren immer am selben Spielplatz. Oder haben uns immer die Hausaufgaben gebracht, wenn der andere krank war. Selbst als wir eine “das andere Geschlecht ist doof”-Phase hatten, warst du auf meinem Geburtstag. Der einzige Ritter unter 5 Prinzessinen. “Aber das Geburtstagskind ist immer ganz besonders. Emi sollte Königin sein.” 

Damals hatte mein Herz das erste mal schneller geschlagen vor Aufregung und Zuneigung. Du hattest mich immer gesehen wie ich war und mir schon damals das Gefühl gegeben, was ganz besonderes zu sein. Nicht nur an meinem Geburtstag, sondern immer. In jedem Augenblick hattest du mir immer gezeigt, dass du mich kanntest. Egal welches angesagte Shirt ich trug, ob ich ein Handy hatte, oder gerade auf die kitschigsten Sticker der Welt stand. Du sahst mich, genau wie ich war und ich wusste, dass ich das nie verlieren wollte. Du warst nicht nur mein bester Freund, du warst der Bruder, den ich nie hatte. 

>> She tied you to her kitchen chair
She broke your throne and she cut your hair
And from your lips, she drew the Hallelujah <<

Du warst ein Teil von mir. Wir waren jung, gerade mit der Schule fertig, bereit unseren Weg zu meistern. Vor unserem Abschluss paukten wir oft Stundenlang bis spät in die Nacht. Wir halfen uns über den ersten Liebeskummer hinweg und erklärtest mir, warum Jungs so bescheuert waren. Wir waren ein Herz und eine Seele. Zwei Menschen die für immer zusammengehörten und ich wollte das nie verlieren. Unsere Freundschaft war alles für mich. Du warst die Person, für die ich ohne zu zögern eine Kugel einfangen würde, der ich mein Leben jedesmal in die Hand gelegt hätte, bei der ich wusste, dass sie mir nie wehtun würde. Es war egal, ob ich recht hatte oder nicht, du standest immer hinter mir. Du warst mein männliches ich. Du warst das, was ich nie sein konnte, weil du meine zweite Hälfte warst. Nicht nur ein Freund, nicht nur ein Bruder, du warst ich, hast mich ergänzt, immer. Wir waren zusammen laut und leise, waren ein Sturm und Windstill. Wir waren Feuer und Wasser. Immer eine Naturgewalt und unbesiegbar. 

Und dann änderte es sich. Drei Worte von jedem von uns, die unser Leben für immer verändert hatten. Drei Worte von dir und drei von mir. “Bitte heirate mich.” Mir wurde klar: Ich hatte den Absprung verpasst. Verloren in deinen Worten, musste ich dir meine fast gestehen. Es war eine Erkenntnis, die ich seit einigen Wochen hatte, die mich so beschäftigte. Mich freute und ängstigte. Eine Erleuchtung, die ich dir schon längst berichten wollte. Die damals unser Untergang war. “Ich liebe Frauen.”

>> Baby I have been here before
I know this room, I’ve walked this floor
I used to live alone before I knew you.
I’ve seen your flag
On the marble arch
Love is not a victory march
It’s a cold and it’s a broken Hallelujah <<

Ich konnte sehen, wie etwas in dir zerbrach, konnte das klirren deiner Welt hören, es spüren. Ich sah alle negativen Emotionen des Universums im Schnelldurchlauf in deinem Gesicht. Die Wut, die Enttäuschung, wieder Wut, Frust und Aggressionen. Ein Meer aus Gefühlen, dass über dich hinwegschwappte. Und ich wollte dir helfen, aber ich konnte nicht, denn du fühltest all das wegen mir. Die nächsten Wochen waren für uns beide ein Spießrutenlauf. Erst ignorierst du mich. Ich lies es mir gefallen, immerhin brach ich dir das Herz. Und dann hattest du das getan, was du nie tatest, was du nie tun wolltest. Du hattest aufgehört mich zu schützen und selbst das Schwert erhoben. Kein echtes, aber die Hiebe hatten sich echt angefühlt und ich schwöre, die Narben die ich trage sind von echten kaum zu unterscheiden. Wir studierten, es sollte unser Glück werden meintest du. Neue Schule, als Paar, Verlobt, gemeinsam durchs Studium. Doch das war es nicht. Du stelltest mich blos, vor allen. Der ganze Jahrgang wusste, was ich dir gestand. Von dir. Du sagtest, ich hätte dich ausgenutzt, wäre wandelbar, billig und verbraucht. Es fühlte sich an, als würdest du einen Dolch immer wieder in mein Herz stoßen, nachdem es sowieso schon nur die hälfte von dem war, was es einst war. Doch es reichte dir nicht, mein Schmerz über deinen Verlust und Verat zu wissen und zu sehen. Du wolltest mein Herz zerstören, es zerfetzen und unbrauchbar werden lassen. Du wolltest es mir Wegnehmen, weil ich dir deines nahm. Aber tat ich das? 

>> Well, there was a time when you let me know
What’s really going on below
But now you never show that to me, do you?
But remember, when I moved in you
And the holy dove was moving too
And every breath, we drew was Hallelujah <<

Nun stehe ich hier und sehe dich. Meine zweite Hälfte, die keine mehr ist. Die andere Seite meines Herzens, die nun kalt und verdohrt in mir lebt. Ich sehe dich mit deiner Frau und deinem Kind. Wir sind erwachsen geworden, haben uns versöhnt, aber nie mehr zusammen gefunden. 

Voller Inbrunst schreie ich den Schmerz hinaus.

Hallelujah. Hallelujah. 

Die wichtigsten Lektionen im Leben habe ich mit dir erfahren. Und die letzte war, dass egal wer etwas anderes sagt, ich bin gut so wie ich bin. Ich bin richtig so wie ich bin. Und ich muss mich niemanden anpassen, wegen unerfühlter Erwartungen. 

Nun stehe ich hier und sehe dich unter mir auf der Bank sitzen.

Neben dir deine Frau und dein Kind. 

Und ich stehe vor dir, sehe dir voller stolz in die Augen und singe jedes Gefühl hinaus.

Den Frust, den Schmerz, die Liebe, die Zuneigung. Ich lasse los und sehe wie du nun endlich zur Vergangenheit wirst. Und ich mich meiner Zukunft zuwenden kann. 

Hallelujah.