Gipfelbasilisk

Marietta und das Wahrheitspulver

von _linda_bier_

Marietta war langweilig. Dicke Schneeflocken tanzten vor dem Fenster und ein eisiger Wind zerrte an den Spitzen, der uralten Fichten vor ihrem Haus. Hinter ihr verströmte das knisternde Feuer im Kamin eine wohlige Wärme und sie kuschelte sich enger in ihren Wollpullover. Es war früher Morgen, doch die grauen Wolken würden es heute nicht mehr hell werden lassen. So sehr Marietta den Oberharz liebte, so sehr hasste sie die ewig dunklen Tage in den Bergen. Schon oft hatte sie es bereut, in das Bergmannshäuschen ihrer Großeltern gezogen zu sein, doch ihre finanzielle Lage hatte ihr keine andere Perspektive gelassen. Niemals wäre sie gedacht, einmal mitten im Wald zu wohnen, ohne Nachbarn, umgeben von Fichten, Felsen und regelmäßig ausgeräumte Mülltonnen. Der Kalender zeigte den 5. Januar und damit höchste Zeit auszumisten. Der Weihnachtsbaum sah schon mehr als traurig aus und auf den Holzmöbeln ihres Großvaters hatte sich eine dicke Staubschicht angesammelt. „Gut, dann wollen wir mal.“, dachte sie sich, band Omas alte Kittelschürze um, fasste die langen, braunen Locken zu einem Zopf zusammen und kramte unter der Spüle nach den Putzmitteln. Sie hatte fast alles, was sie für einen vorgezogenen Frühjahrsputz benötigte, da fiel ihr eine verbeulte Schatulle in die Hände. „Na nun? Noch so ein Geheimnis der Oma?“ Sie hatte in dem Häuschen schon viele merkwürdige Dinge gefunden, die ihr zeigten, dass ihre Oma doch mehr war, als ein kauziges Kräuterweib. Die Schatulle war verrostet und das Metall, fühlte sich rau und spröde an. Vorsichtig hob sie sie hoch und schüttelte. Sie war schwerer, als sie aussah. Darin klapperten weitere Gläschen und Dosen.
„Omas Zaubermittelchen!“, sprach Mariette zu sich selbst und war neugierig genug, sich das genauer anzusehen. Es dauerte einige Minuten und bedarf etwas Gewalt, um an den Geschützen Inhalt zu kommen. Sie hatte Recht behalten, man konnte zwar nicht mehr lesen, was auf den Tiegeln und Fläschchen stand, aber es waren Omas selbstgebraute Hausmittelchen. Eine der Dosen gefiel Marietta, darin war ein weißes, leicht glitzerndes Pulver. Alles, was sie auf dem Etikett noch lesen konnte, war ein Satz: „Nur bei größter Sorge verwenden!“ Was sollte das wieder heißen? Vorsichtig öffnete sie die Dose und roch an dem Pulver. Doch das war so fein, dass es ihr direkt in die Nase zog und kribbelte. Sie musste niesen und wirbelte damit eine dicke Pulverwolke auf. Mariette war eingehüllt in weißem Glitzerschnee. Es brannte in den Augen, schmeckte bitter auf ihrer Zunge und ließ sich nur schwer aus der Kleidung und von der Haut abwischen. „Na super! Danke Oma! Jetzt muss ich wirklich putzen.“, rief sie in den Raum. Schloss die Dose wieder und verstaute sie dort, wo sie sie gefunden hatte. Hoffentlich war das Zeug nicht giftig … Ein paar Minuten später, hatte sie das Pulver vergessen und begann zu putzen. Sie räumte die Kissen auf, schwang den Staubwedel, stellt eine Wäsche zusammen und ging in die Waschküche. Sie verschloss das große Bullauge und griff nach dem neuen veganen Waschpulver, das ihr eine Freundin empfohlen hatte. Ihr wurde schwindelig und Marietta musste einen Moment innehalten. Sie atmete tief durch, dann öffnete sie ihre Augen und erschrak. Ihr Blick war geschärft und sie konnte so gut sehen, wie schon Jahre nicht mehr. Selbst das Kleingedruckte auf der Waschmittelpackung war kein Problem und sie konnte es problemlos lesen. Doch der Text verschwamm vor ihren Augen und wie durch Geisterhand bildeten sich neue Worte und Sätze: „Die Firma Sauberwasch garantiert Ihnen eine Reinigungswirkung von weniger als 50%. Betrachten Sie unser altes Produkt einfach als wirkungslos! Das Biozertifikat haben wir uns für die nächsten 5 Jahre erkauft und die Inhaltsstoffe sind zu 100% nicht vegan. Wir testen unsere Produkte ausschließlich an Tieren und die jüngsten Testergebnisse haben gezeigt, dass es beim Anwender vermehrt zu Hautirritationen führen kann.“Geschockt las Marietta die Zeilen wieder und wieder. Doch egal, wie sie die Packung drehte, der Text blieb der gleiche. „Ist das deren erst? Was für eine Frechheit!“ Sie stellte es beiseite und schaltete die Waschmaschine aus. Damit konnte sie ihre Wäsche nicht waschen. Sie musste unbedingt mit ihrer Freundin sprechen, warum empfahl sie ihr denn so einen Mist?? Irritiert von ihrer zurückgekehrten Sehkraft sortierte sie die alten Zeitungen und legte die aktuelle oben auf. Dabei blieb sie an ihrem Horoskop hängen und las die drei Zeilen laut vor: „Steinbock – Ihre Woche offenbart dunkle Geheimnisse. Vermeiden Sie den Kontakt zu anderen Menschen und trauen Sie niemandem.“
„Was zur Hölle?“, flüsterte sie und bekam eine Gänsehaut. Sie dachte an das Pulver und ihr wurde schlecht. Unmöglich. Um sich abzulenken kam der Weihnachtsbaum an die Reihe. Vorsichtig begann Marietta die kostbaren Glaskugeln aus der Clausthaler Glashütte zurück in ihre Schachteln zu legen. Darauf folgte die Spitze. Viele schöne Weihnachten hatte die Spitze überdauert und war ein Erbstück der Familie. Sie räumte die restliche Dekoration auf und verstaute sie, im alten Bauernschrank in der Kammer. Sie war vollgestopft bis zur Decke, doch da wollte Marietta sich heute sicher nicht durchwühlen. Beim Hinaustreten blieb sie an einer Diele hängen und stolperte. Sie sah nach unten, eines der Brettchen war verrutscht und gab einen kleinen Hohlraum frei. Marietta griff hinein und ertastete ein altes Buch. Es war in ein Leinentuch gehüllt und musste schon einige Zeit dort gelegen haben. Der Einband war aus Leder und die Seiten waren vergilbt. Es roch nach Staub und Erde. Beim Aufschlagen erkannte sie die filigrane Handschrift ihrer Oma. Die Seiten waren aufwendig verziert und sie hatte sogar ein Inhaltsverzeichnis angelegt. Es enthielt eine Vielzahl heimischer Kräuter Standorte, eine Anleitung sie zu ernten und aufzubewahren. Sie hatte die Blätter und Blüten getrocknet und eingeklebt. Weiter hinten entdeckte sie Rezepte für Salben und Pulver. Eines der Rezepte, weckte ihr Interesse: Wahrheitspulver. Es sollte dafür sorgen, dass derjenige der es einnahm, in allem und jedem die Wahrheit erkannte. Es enttarnte die Lügen. Ihre Großmutter hatte sogar eine Warnung verfasst, es mit der Dosierung nicht zu übertreiben. Die Wahrheit konnte hässlich sein. Die Wirkung steigere sich bis zu 12 Stunden lang, spätestens nach 2 Tagen, sei sie aber gänzlich verflogen. Marietta stöhnte auf und rieb sich die müden Augen. Ihre Großmutter war eine Hexe. Sie legte das Buch dahin, zurück wo sie es gefunden hatte. Sie glaubte nicht an die alten Legenden und hatte sich nie dafür interessiert. Sie fürchtete sich immer vor den gruseligen Geschichten ihrer Oma und jetzt hielt sie ihr Zauberbuch in den Händen. „Was mach ich denn nun?“, fragte sie sich und ging zurück ins Wohnzimmer. Sie packte den trockenen Weihnachtsbaum und stellte ihn raus vor die Tür. Draußen stürmte es und eine dicke Schneedecke verhüllte die Bäume und den kleinen Garten. Hier würde es schon bald kein Durchkommen mehr geben. Marietta saugte und beendete dann ihren Frühjahrsputz. Erschöpft setzte sie sich auf die Couch und griff nach ihrem Smartphone. Sie wollte ihrem Freund Manuel schreiben, dass er sich besser beeilte, denn das Wetter, sah nicht gut aus. Sie öffnete das Chatfenster und las die letzte Nachricht: „Warte nicht auf mich. Bin die Nacht bei Melanie. Gruß Manu.“ Erschrocken fuhr sie wieder hoch und las die Nachrichten davor. Jedes Mal, wenn er gesagt hatte, er wäre länger im Büro, stand dort auf einmal der Name Melanie. Marietta zitterte vor Wut, denn ihr war klar das, dass Pulver wirkte. Manuel hatte eine andere. Sie hatte es geahnt. Ihr Herz begann zu rasen und ein bitterer Geschmack breitet sich in ihrem Mund aus. Sie wählte seine Nummer. Sie musste wissen, ob es stimmte. Es klingelte und Manuel ließ sich Zeit damit, ran zu gehen. „Liebling, was ist los?“, fragte Manuel und wirkte etwas atemlos.
„Wer ist Melanie?“
„Melanie? Welche Melanie?“
„Du verbrachtest deine Nächte mit ihr Überstunden.“
„Melanie ist nur eine Kollegin. Wir arbeiten zusammen, das weißt du doch!?“, redete sich Manuel raus, doch Marietta hörte die Wahrheit.
„Sie ist deine Ehefrau!?“, sprach sie sein Geheimnis laut aus. Manuel fluchte leise und stieß die Luft aus. Marietta war sprachlos. „Du bist ein mieses Schwein. Ich will dich nie wieder sehen, hörst du?“, krächzte sie und dicke Tränen liefen ihr über die Wange.
Nach einem Moment der Stille mache Manuel ihr am anderen Ende ein Angebot: „Ich hatte viel Spaß mit dir. Wegen mir muss die Sache zwischen uns nicht enden. Jetzt, wo ich dich nicht mehr belügen muss, habe ich kein schlechtes Gewissen mehr. Denk mal drüber nach Marietta.“
Marietta legte auf. Rannte ins Bad und übergab sich. Zwei Jahre, solange waren sie schon ein Paar. Er arbeitete im Vertrieb und war in Deutschland unterwegs. Doch in Wahrheit hatte er eine Frau und führte ein Doppelleben. „Wie konnte ich nur so dämlich sein!“, schrie sie ihr Spiegelbild an und verließ mit hängenden Schultern das Bad. Sie legte wieder etwas Holz nach und starrte ins Feuer. Leises Schnurren riss sie aus ihren trüben Gedanken und ihr Kater Balou schmiegte sein Köpfchen an ihrer Hand. „Armes dummes Frauchen, hat diesem Trottel geglaubt. Du hast es sicher gewusst, nicht wahr? Du bist viel schlauer mein lieber Balou. Du hast ihn nie gemocht.“
„Miau?“ Marietta lachte und hob den schwarzen Kater auf ihren Arm. Kurzerhand ging sie ins Schlafzimmer und entsorgte all seine Sachen in einem Müllbeutel. Sie stellte ihn vor die Tür und hoffte, die Waldbewohner würden sich auch darum kümmern. Erleichtert sah sie auf die Uhr und ihr knurrender Magen bestätigte ihren Verdacht. Mittlerweile war es später Nachmittag und sie hatte, seit dem Frühstück nichts mehr gegessen. Sie öffnete den Kühlschrank und schnappte sich das Gemüse, nahm sich vom Schinken und achtete darauf, ja nichts von dem zu lesen, was auf der Verpackung stand. Das waren genug Lügen für einen Tag. Das Essen schmeckte köstlich und Marietta verzog sich mit einer Flasche Rotwein in ihr Schlafzimmer. Das Handy schaltete sie aus und den Fernseher gar nicht erst an. Allein der Gedanke an all die Werbeversprechen, ließ sie erschaudern. Ab jetzt würde sie die Welt mit anderen Augen sehen. Besser, sie verbrachte die nächsten 36 Stunden in ihrem Bett. Oder sollte sie doch mit jemandem sprechen? Ihrer besten Freundin? Oder ihrem Chef? Wollte sie wissen, was die Menschen in ihrem Umfeld für Geheimnisse hatten? Wofür hatte ihre Großmutter dieses Pulver benutzt? Sollte sie sich an Manuel rächen? Marietta wurde neugierig und ihr Blick wanderte wieder zu dem Versteck, in dem das Zauberbuch schlummerte. …

-Fortsetzung folgt-