Gipfelbasilisk

Magische Restaurierung für Anfänger

Von Gipfelbasilisk

„Jetzt nur noch eine Alraune hinzufügen. Zehnmal gegen den Uhrzeigersinn und dreimal im Uhrzeigersinn umrühren. Dann ist das Gebräu fertig“, las Laganja laut aus ihrem großen alten Buch vor. Sie schaute erwartungsfroh in den blubbernden Kessel. Das Gebräu wurde erst schwarz, dann kotz grün und zuletzt glasklar. Zufrieden setzte sich Laganja in ihrem Stuhl zurück. Sie war extra heute Nacht um 02:00 Uhr aufgestanden, um den Trank fertig zu brauen. Endlich war es soweit.

Sie hatte dieses Haus vor einem Monat bezogen. Es war einfach wunderbar, aber die Restaurierungen kamen einfach nicht in die Gänge. Wenn sie erst einmal fertig war, sollte das ganze Anwesen aussehen, wie es in der Viktorianik ausgesehen hatte. Aber die Aufzeichnungen über diesen alten englischen Landsitz wurden in den 80er Jahren bei einem Unglück verbrannt und waren deshalb sehr lückenhaft. Laganja lächelte. Es hatte schon Vorteile, eine Hexe in diesem Gewerbe zu sein. Mit diesem Gebräu konnte sie heute Abend einen Blick in die Viktorianik werfen. So konnte sie sich das Haus sehr genau anschauen und die blinden Flecken auf ihrer Landkarte des Anwesens füllen. Normal reichten ihr dazu die Unterlagen oder Artefakte von ehemaligen Bewohnerinnen, um einen Blick in die entsprechende Zeit zu wagen. Aber wie gesagt, bei diesem Haus gab es mehr als einen blinden Fleck.

Sie pflegte schon immer in den Häusern zu wohnen, welche sie renoviert. Nur so bekam sie dafür ein Gefühl, wie das Haus am Ende aussehen wollte. Dieses war ein altes, ehrwürdiges Haus. Stolz bis in den letzten Balken. Sie musste es einfach optisch in diese Zeit zurückversetzen. Die Schäden vom Brand zu beseitigen, war ein reines Hexenwerk. Sie versuchte immer, so viel wie möglich auf herkömmliche Art und Weise zu restaurieren. Allerdings musste sie den verbrannten Abschnitt nachwachsen lassen. Sie fügte in die kaputten Stellen lebendes Holz ein und fütterte es mit dem Grundriss. Diesen hatte sie zum Glück über einen ihrer Kontakte im Jenseits bekommen. Sonst wäre dieses Vorhaben unmöglich gewesen. Sie versuchte auch, einen ehemaligen Bewohner aus der Zeit zu kontaktieren, aber die waren alle weiter gezogen und nicht mehr im Jenseits auffindbar.

Der Abend kam schneller, als Laganja lieb war. Sie hatte noch so viel zu tun.
Sie freute sich zwar darauf, das Haus in altem Glanz zu sehen, aber der Trank war ungenießbar. Sie stellte sich schon einmal den Eimer für anschließend bereit. Der Trank wollte im Anschluss immer auf demselben Wege hinaus, wie er hineingekommen war. Ihr Kater Olaf kam stoisch in den Raum geschlichen und schaute sie treudoof an. Er leckte sich die Pfoten, schaute sie an und ließ ein langgezogenes “Miaaaau” ertönen.
„Später Olaf, dein Frauchen muss das jetzt erst einmal erledigen, sonst verliert der Trank seine Wirkung“, sagte sie und kraulte ihn hinter den Ohren. Dann nahm sie das Fläschchen, entkorkte es und kippte sich den Inhalt hinter die Binde, wie ihre Schwester immer sagte. “Einfach schlucken und nicht drüber nachdenken”, erklang die Stimme ihrer Schwester in Laganjas Kopf. Sie hatte vor Jahren den Zaubertrank im alten Buch ihrer Großmutter entdeckt und ihr empfohlen. Laganja musste lächeln, ihre Schwester hatte wie immer recht. Laganja schloss die Augen. 21… 22… 23… Augen auf.

Der Prunk und die Überladenheit der Eingangshalle erschlug sie fast. Als sich ihr Blick an diese neue Wahrnehmungsebene gewöhnt hatte, schritt sie ruhig voran. Sie befand sich nicht wirklich im Jahr 1859, mitten in der Viktorianik, nur ihr Blick wurde für diese Zeit geschärft. Sie musste während der Begehung zügig arbeiten, sie hatte nur eine Stunde Zeit. Sonst musste sie einen weiteren Trank brauen und darauf hatte sie keine Lust. Sie musste sich also beeilen, um alle blinden Flecken zu füllen. Mit ihrem Notizbuch in der Hand schritt sie mutig voran.

Sie ging als erstes von der Eingangshalle die Treppe hinauf. Diesen Teil des Anwesens hatte es am schlimmsten getroffen. Die Treppe war aus dunkelem Holz und Frauen aus schwarzem Holz hielten rechts und links von der Treppe Laternen in den Händen. Die Treppe selber war mit einem roten, dicken Teppich versehen, an dessen Seiten goldfarbene florale Muster zu sehen waren. „Scheiße, das wird teuer“, murmelte Laganja vor sich hin. Ihr Blick ging nach oben. An der Oberseite der Treppe befand sich, wie sie schon vermutet hatte, ein Fenster. Aber es war ein kunstvoll verziertes Buntglasfenster. „Sehr teuer“, murmelte sie weiter. Aber sie atmete innerlich auf. Es klappte. Die richtige Zeit zu treffen, war mit diesem Trank nicht immer einfach. Sie ging die Treppe endgültig hinauf in den Westflügel.Es zog gewaltig. Im Jahr 2021, in dem sie sich ja nach wie vor befand, war die Decke noch nicht vollständig gewachsen. Hier jedoch war es eine wunderschöne mit Ornamenten versehene Decke. Das zu rekonstruieren, würde sie mindestens ein Jahr kosten. Ihre Hand fuhr wie wild über die Seiten und zeichnete alles mit. Zur Not konnte sie sich mit diesen Notizen alles anschauen, ohne den Trank erneut trinken zu müssen. Aber sie musste voranschreiten, wenn sie noch den Rest sehen wollte.

Sie kam jetzt in einen Teil des Hauses, den das Feuer zwar auch in Mitleidenschaft gezogen hatte, der aber in seiner Grundstruktur noch vorhanden war. Laut ihren Unterlagen war hier das Elternschlafzimmer gewesen. Sie hatte es sich ganz anders vorgestellt. Sie bekam immer eine Gänsehaut, wenn sie diesen Raum betrat. Die Wände waren rußgeschwärzt, aber das Holz dahinter war noch in Ordnung. Sie musste nur die Vertäfelung abnehmen. In der Viktorianik war der Raum recht hell und angenehm eingerichtet gewesen. Nur das riesige, klobige, schwarzbraune Bett wirkte wie ein Monstrum in diesem sonst so hellen Raum. So ein Bett würde sich heutzutage nur schwer auftreiben lassen. Wenn sie es haben wollte, müsste sie es auch nachwachsen lassen. Sie nahm sich Zeit, um es in ihren Notizen etwas detaillierter auszuarbeiten. Sie erschrak. In ihrem Augenwinkel bewegte sich ein Schatten. Ein Mann schritt in den Raum. Er war alt und trug einen Livree. So etwas sollte eigentlich nicht möglich sein. Der Trank zeigte, wie ein Ort aussah, aber eigentlich nicht die Bewohner, zumal die ja vorangeschritten waren. Der Mann verbeugte sich vor ihr und deutete auf ein großes Bücherregal in der Ecke. Er ging darauf zu und zog einen dicken Wälzer daraus hervor. Ein Klacken, als ob ein Haken sich löste, erklang und das Bücherregal schwang auf und zeigte einen Durchgang. Laganja konnte nur sehen, wie der Mann eine Treppe hinunter ging. Leider konnte sie nicht folgen, denn an dieser Stelle war eine Wand und kein Bücherregal und laut ihren Aufzeichnungen würde der Westflügel auch an dieser Stelle enden. Laganja bekam eine Gänsehaut. Dieses Haus barg ein Geheimnis und sie würde es lüften. Plötzlich wurde ihr speiübel. Sie hatte sich zu viel Zeit gelassen. Sie rannte zurück in die Halle und schaffte es grade so, den Trank, der sich just in diesem Moment wieder meldete, in den Eimer zu erbrechen.

Olaf saß noch immer an der Stelle, an der sie ihn vorhin zurückgelassen hatte. Er miaute sie vorwurfsvoll an. Sie lachte.

„Na komm Olaf, du bekommst ja schon dein Essen. Dein Frauchen hat ein Geheimnis entdeckt. Ich muss gleich einen neuen Trank ansetzen, wir haben viel zu erkunden.“