Gipfelbasilisk

Marietta in den Fängen des Teufels

Von von _linda_bier_

Was bisher geschah … 

Marietta wohnt in einer kleinen Hütte im Oberharz, die sie von ihren Großeltern vererbt bekommen hat. Beim Frühjahrsputz fand sie, neben dem Zauberbuch eine Dose mit alten Hausmittelchen ihrer Großmutter. Marietta öffnete einen der Tiegel und verteilte unfreiwillig eine große Menge Wahrheitspulver über sich. Eine Woche lang hörte sie mehr Wahrheiten, als ihr lieb waren und ihr Freund Manuel, entpuppte sich als verheirateter Betrüger. Alles, was sie sich jetzt wünschte, war Rache und so nahm sie sich einen Zauber aus dem Buch ihrer Großmutter vor. Bei der Suche nach den Zutaten traf sie Gabriele, eine Hexe aus dem Zirkel der „Kinder der Walpurga“, die Marietta gleich in ihren Kreis aufnahmen. Sie wurde die dreizehnte Schwester und zusammen in der Gruppe vollzogen sie den Gerechtigkeitszauber, der ungeahnte Folgen hatte. Am nächsten Morgen bekam sie eine mysteriöse Einladung zur bevorstehenden Walpurgisnacht…

                                                                       ***

Dicke Tropfen prasselten im steten Takt auf die Frontscheibe ihres Wagens. Mariettas Finger klammerten sich an das Lenkrad. Graue Wolken verdunkelten den Himmel. Der Wind trug den Klang der Glocken, weit über die Dächer der Bergstadt. Langsam öffneten sich die schweren Flügeltüren der Kapelle. Der Pastor trat heraus, die Hände vor der Brust gefaltet und macht sich mit leisen Schritten auf den Weg zum Friedhof. Es folgten die mit Blumen geschmückten Holzsärge, von Manuel und seiner Frau. Zuletzt kam die Trauergemeinde aus Familienangehörigen und Freunden. Marietta kannte niemanden, trotzdem rutschte sie tiefer in ihren Sitz. Sie wollte nicht, dass man sie sah. Tränen rannen ihr übers Gesicht. Sie hatte das nicht gewollt. Hatte keine Ahnung, welche Folgen dieser Zauber haben würde. Jetzt klebte die Schuld am Tod zweier Menschen an ihr, wie schwarzes Pech. Sie startete den Motor und legte den Rückwärtsgang ein. Langsam rollte sie vom Parkplatz und fuhr zurück nach Hause.

Als sie die Tür des alten Hauses aufschloss rumpelte es in der Küche und Marietta kannte den Übeltäter. Balou, ihr schwarzer Kater, hatte die Tür zum Vorratsschrank geknackt und das Dosenfutter gefunden. Nur sein zuckender, buschiger Schwanz war zu sehen, der Rest seines Körpers steckte im Schrank. „Balou!“, schimpfte sie und griff beherzt zu. Schnurrend und sich offenbar über ihre Rückkehr freuend, ließ er sich hinausziehen. Nachdem sie ihn abgesetzt hatte, sah er sie mit seinen großen gelben Augen auffordernd an. Marietta wusste genau, was er wollte. Sie hob die Dosen vom Boden auf und stelle alle, bis auf eine, zurück in den Schrank. Sie nahm einen kleinen Teller, füllte ihn mit dem Katzenfutter und stellte ihn dem Kater vor die Nase. Der miaute glücklich und verschlang den Inhalt. Marietta hingegen sank auf einen der Stühle, denn ihre Gedanken kreisten weiter um Manuel und den schrecklichen Autounfall. Er ereignete sich in der Nacht, in der sie den Zauber gesprochen hatten. Sie glaubte nicht mehr an Zufälle. Seitdem waren vier Wochen vergangen und morgen würde sie mit dem Zirkel die Walpurgisnacht feiern – als wäre nie etwas geschehen. Ihr war nicht danach. Überhaupt nicht. Früher hätte ihr in solchen Situationen, ihre Großmutter ihren berüchtigten Schokoladenkuchen gebacken. „Der heilt alle Wunden“, sagte sie dann immer und man fühlte sie sich nach einem Stück meist deutlich besser. Marietta dachte an das kleine Backbuch, indem ihre Oma die Rezepte sammelte, und fing an zu suchen. In einer der Küchenschubladen wurde sie fündig und fand das Rezept. Beim Blättern fiel ein handschriftlich beschriebenes Papier aus den Seiten und flatterte zu Boden. „Nanu?“ Marietta bückte sich. Sie hob das Papier auf und staunte, als sie in der ersten Zeile ihren Namen las. Sie hielt einen Brief ihrer Oma in den Händen. Sie musste ihn schon vor längerer Zeit geschrieben haben:

Liebe Marietta,

Solltest du diesen Brief finden, sind meine schlimmsten Befürchtungen eingetreten. Ich bin Tod und kann dich nicht mehr in die Geheimnisse meines Lebens einweihen: Ich bin eine Hexe. Doch das hast du sicher bereits selbst herausgefunden. Vermutlich ist dir mein Zauberbuch in die Hände gefallen oder du hast beim Aufräumen die Hausmittelchen entdeckt … Du warst schon als kleines Mädchen immer neugierig und hast vieles ausprobiert. In deinem Blut fließt die Magie einer alten Hexenlinie. Es macht dich besonders! Es tut mir leid, dass ich es Dir nicht mehr beibringen kann. Wie bei allen Dingen im Leben gibt es auch in der Magie gute und böse Hexen. Ich war jahrelang Mitglied eines Hexenzirkels, die sich die „Kinder der Walpurga“ nennen. Zu spät habe ich begriffen, dass ihre Zauber nur dazu dienen, den Menschen zu schaden. Ich habe mich blenden lassen und habe endlich einen Weg gefunden, den Orden zu vernichten. Diesen Brief schreibe ich Dir, für den Fall, dass der Plan missglückt. Marietta, halte dich von ihnen fern! Die „Kinder der Walpurga“ praktizieren dunkle Magie. Solltest du dem Zirkel begegnen, verschwinde von hier! Verlasse den Harz und verbrenne meine Aufzeichnungen. Du musst die Magie, die durch deine Adern fließt binden und für immer versiegen lassen. Zu groß ist die Bedrohung, die von diesem Zirkel ausgeht. Egal was sie dir erzählen, sie haben nichts Gutes im Sinn. Ohne mein Wissen und meine Anleitung, ist es für dich zu gefährlich, deine Magie zu nutzen. Du musst mir vertrauen, Liebes!

Es ist ein einfacher, wie effektiver Zauber und der einzige Weg, der dafür sorgt, dass die Hexen des Zirkels dich nicht mehr finden können. Erinnerst du dich an meinen Schokoladenkuchen? Er ist die Basis dieses Rezepts. In der Dose mit den Hausmittelchen findest du ein schwarzes Fläschchen mit einem Trank. Dessen Herstellung hat mich viele Jahre gekostet. Versetze den Kuchenteig mit ein paar Tropfen, das sollte genügen, um deine Kräfte für lange Zeit zu binden. Backe den Kuchen am Walpurgistag und er wird seine volle Wirkung entfalten.

Mein liebes Kind, es tut mir leid, dass ich Dich nicht mehr beschützen kann. Liebend gern hätte ich Dir die Geheimnisse der Magie verraten, doch ohne Anleitung birgt sie zu viele Gefahren. Ich weiß, du wirst die richtige Entscheidung treffen. Solltest du doch einmal in Not geraten, vertraue auf den Instinkt meines treuen Begleiters und Weggefährten Balou. Sicher ist dir schon aufgefallen, dass er mehr ist, als ein gewöhnlicher Kater. Sorge gut für ihn und er wird dich vor dem Bösen beschützen.

In ewiger Liebe,

Deine Oma Rosa 

In jedem geschriebenen Wort hörte sie den vertrauten Klang ihrer Stimme. Mit zitternden Fingern presste sie den Brief an ihre Brust. Sie vermisste ihre Oma. Nur langsam tropfte der Inhalt dieser Nachricht in ihr Bewusstsein. Marietta bekam eine Gänsehaut und sah in die wachen, wissenden Augen ihres Katers. Er rieb sein Köpfchen an ihren Knien. Marietta wusste jetzt was sie zu tun sollte, doch sie hatte eine andere Idee. Sie suchte das Rezept des Schokolandenkuchens. Ihr blieb nicht mehr viel Zeit, denn morgen war Walpurgisnacht und sie musste einiges vorbereiten.

Lange betrachtete sich Marietta im Spiegel. Wieder trug sie nur das weiße Leinenkleid und darunter nichts.  Allmählich ahnte sie, dass dieses Walpurgis, anders laufen würde. Normalerweise schminkte sie sich, klebte sich falsche Warzen an und zog bunte Lumpen an. Damit fiel sie kaum unter den tausenden Feiernden auf. Dieses Kleid aber passte eher zu einem richtigen Hexensabbat. Marietta dachte nicht länger darüber nach, sie hatte den Kopf voll und mit ihrem Plan genug zu tun. Ein letzter Blick, dann drehte sie sich vom Spiegel weg und griff das Bernsteinamulett. Es würde sie beschützen, davon war sie überzeugt, dunkle Magie hin oder her. Balou miaute und kam auf Samtpfoten in das Schlafzimmer. In seinem Maul trug er ein kleines, schwarzes Säckchen. Sie nahm es ihm ab. Noch ein Geheimnis ihrer Oma? Darin lag ein alter Silberring mit einem roten Edelstein.  Sie setzte ihn auf und ein leichtes Kribbeln breitetet sich über ihren Ringfinger, in den Arm, bis in die Zehenspitzen aus. Vielleicht ein Schutzzauber!? Marietta streichelte Balou zum Dank das Köpfchen und ging in die Küche. Denn der Ofen verströmte einen köstlichen Duft. Der Schokoladenkuchen war fertig. Sie schnappte sich die Topflappen und zog ihn raus. Gabriele hatte heute Morgen schon reingeschaut und gesehen, was sie plante und es war ihr nur knapp gelungen, das Fläschchen mit dem Trank verschwinden zu lassen. Um ein Haar wäre ihr Plan gleich zu Anfang gescheitert. Doch sie wurde mutiger, denn Gabriele schwärmte von „Rosas Schokokuchen“ und stimmte ihrer Idee zu, sich 10 Minuten früher zu treffen und gemeinsam mit Kuchen und Sekt den Abend einzuläuten. Jetzt musste sie nur ihre und Balous Sachen im Auto deponieren, dann konnte es losgehen.

Der Parkplatz auf dem Torfhaus war voll besetzt. Überall tummelten sich die Feiernden. Die Ferienhäuser waren ausgebucht. Die Stimmung ausgelassen und alle warteten auf das große Hexenfeuer. Marietta war dankbar für den dunklen Umhang, denn es war eine sehr kalte Aprilnacht . Sie parkte den Wagen nahe der Hauptstraße und ließ Balou aus seiner Transportbox. Durch sein schwarzes Fell verschmolz er augenblicklich mit der Umgebung. Niemand würde ihn bemerken. Zum Schluss holte sie den Reisigbesen, ihren Korb mit dem Schokoladenkuchen und den Sekt hervor. In ihrer kleinen Handtasche hatte sie einen Rest von dem Trank aufbehalten, falls ihr Plan schiefging und sie flüchten musste. Sie schlug den Weg Richtung Moor ein. Hier traf sie sich mit den anderen Hexen des Zirkels. Nach wenigen Metern, auf dem Wanderweg, machte sich der Nebel auf. Er ließ die Kiefern und das Totholz zu Monstern heranwachsen. Allein der Vollmond spendete Licht. Dann hörte sie leise Stimmen und erkannte Umrisse. Sie hatte die Schwestern gefunden. Ihr Herz schlug heftiger und kalter Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn. Balou schnurrte beruhigend an ihrer Seite. Es gab kein Zurück mehr. Lachend und kichernd begrüßten sie die anderen und zogen sie nacheinander in eine Umarmung. Marietta konnte deutlich den Alkohol riechen, offenbar hatten sie ohne sie angefangen. Gut so. Sie stellte den Korb in die Mitte und reichte einen Stapel Servietten rum. Dann nahm sie den Kuchenteller, mit dem vorgeschnittenen Stücken in beide Hände und hielt ihn feierlich hoch. Sofort machten sie sich darüber her. Die 12 Stückchen verschwanden in den gierigen Mündern der Hexen. „Oh nein! Wir haben dir den ganzen Kuchen weggegessen!“, rief Gabriele erschrocken und schien sich zu schämen. „Kein Problem, ich backe mir einen Neuen.“, antwortete Marietta und zwinkerte. „Außerdem kann ich mir keinen Kuchen leisten…“ Sie warf den Mantel über die Schulter und zeigte mit den Händen auf ihre Hüfte. Die Frauen lachten.  „Gut. Dann wollen wir Mal, der Meister wartet schon auf uns. Habt ihr alle einen Besen?“, fragte Gabriele und nahm einen ernsten Tonfall an. Sie nickten. Marietta fragte sich, was es damit auf sich hatte. Die Älteste schwang den Besen von links nach rechts, als würde sie den Boden vor ihr vom Staub befreien. Sie drehte sich einmal im Kreis und machte einen großen Schritt rückwärts. Sie sah jeder von ihnen in die Augen, dann nickte sie Marietta zu: „Du gehst zuerst! Mach es genauso wie ich es eben gezeigt habe. Geh bis zu der kleinen Kreuzung da vorn, den großen Schritt machst du direkt auf den Felsen zu. Damit trittst du über die Schwelle und der Schleier öffnet sich.“ Ängstlich sah sich Marietta um und suchte nach ihrem kleinen schwarzen Schatten. Seine gelben Augen blitzen in der Dunkelheit, wie kleine Sterne. Balou war bereit. Ob die Tropfen schon wirkten? Marietta ließ sich absichtlich Zeit, dann tat sie wie geheißen und spürte einen kalten Schauer auf ihrer Haut. Dann schlug ihr heiße Luft entgegen und würziger Kräuterduft stieg ihr in die Nase. Sie hatte die Augen geschlossen und als sie sie öffnete, stand sie am Rande eines großen, freien Platzes. Der Himmel hatte sich dunkelrot gefärbt, so hell strahlten die Flammen des Hexenfeuers. Grüner und blauer Rauch stieg daraus empor und drum herum tanzten und sangen nackte Frauen. Ihre Körper bewegten sich im Rhythmus der Trommeln, die von ebenso nackten Männern geschlagen wurden. Wo war sie hier nur gelandet? Hektisch sah sie sich um. Hinter ihr trat niemand ihrer Schwestern durch den Schleier. Der Trank schien zu wirken. Sie hoffte es zumindest. Balou schlüpfte unter ihren weiten Mantel und Marietta lachte auf. Sie hatte mit fast allem gerechnet, aber eine ausgelassene Orgie?

Aus einem großen Kessel wurde eine helle Flüssigkeit ausgeschenkt, auf Steintischen lagen frisches Brot und gebratenes Fleisch aus. Alles bewegte sich im Kreis um das Feuer. Die Hitze der Flammen versengte ihre Haut. Noch beachtete sie niemand und Marietta, handelte schnell. Sie zog das Fläschchen aus ihrer Tasche und ging interessiert zum Kessel. Sie verbarg den Trank in ihrer Hand und beugte sich weiter darüber. Es duftete nach Kokos. Ungesehen verschüttete sie Trank, als eine dicke Alte sie anherrschte: “Nicht so jierisch Teufelsweib. Is jenug für alle da.” Marietta zog sich entschuldigend ein paar Schritte zurück, ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals. Sie schlenderte an den Rand des Platzes und sah hinaus in die Nacht. Sie erstarrte. Überall um sie herum erkannte sie viele kleine Feuer, die in den umliegenden Orten brannten. Kein Baum versperrte ihr die Sicht, die Nacht war klar und sie konnte kilometerweit gucken. Sie stand auf dem Brocken! Kein anderer Ort im Harz bot solch eine Aussicht. Doch wo waren die Gebäude? Der Bahnhof, die Wetterstation und der Brockenwirt? Alles sah so anders aus und doch konnte es nur der Brocken sein.

„Wunderschön nicht wahr?“, fragte eine dunkle, sanfte Stimme in ihrem Nacken. Marietta erschrak und wirbelte herum. Augen wie leuchtendes Karamell zogen sie in ihren Bann. Ein verführerisches Lächeln breitete sich auf seinem makellosen Gesicht aus und betonte seine hohen Wangenknochen. Langes, dunkles Haar umrahmte sein jugendliches Gesicht und betonte die helle Haut. „Du musst Marietta sein, deine Schönheit und deine Aura strahlen um die Wette.“ Der Fremde trat einen Schritt zurück und gab den Blick auf seinen nackten, durchtrainierten Körper frei. Marietta schluckte schwer, ihr Mund wurde trocken. „Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Belial und ich bin der Gastgeber.“ Er reichte Marietta die Hand. Unentschlossen reichte sie ihm ihre und er nutzte den Moment, wirbelte sie, wie beim Tanzen herum, sodass sie in seinen Armen landete. Marietta keuchte. Ihre Haut begann an den Stellen, an denen er sie berührte zu prickeln. Das Blut rauschte in ihren Ohren und ihr blieb die Luft weg.  Zwischen ihren Schenkeln breitete sich die Leidenschaft aus und ihr Schoß zog sich sehnsüchtig zusammen. Sie wollte diesen Mann. Marietta war dabei die Welt und das Treiben, um sie herum zu vergessen. Doch ein kleiner, aber schmerzhafter Schlag durch ihren Ringfinger holte sie zurück. Sie schüttelte sich und löste sich ruckartig aus der klammernden Umarmung. „Was sollte das?“, fragte sie etwas atemlos und brachte etwas mehr Abstand zwischen sich und Belial. „Entschuldige, meine Manieren. Es ist deine erste Walpurgisnacht, ich sollte dir Zeit lassen, dich einzugewöhnen. Wir haben die ganze Nacht, um uns intensiver kennenzulernen. Wie wäre es mit einem Drink?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, griff er erneut ihre Hand und zog sie Richtung Kessel. Balou knurrte leise. Marietta war sich sicher, dass der Ring ihrer Großmutter sie gerettet hatte. Die Alte von eben grinste schelmisch und gab den Blick auf eine Reihe fauliger Zähne frei. Sie füllte ein Horn und reichte es Belial. Sie nahm ein Zweites und füllte auch das mit der hellen Flüssigkeit. Seine goldenen Augen ruhten auf ihrem Körper, er lächelte zufrieden. Offenbar gefiel ihm, was er sah. Sie ahnte langsam, worauf es hier hinauslaufen sollte. Gabriele muss es gewusst haben. „Was ist das?“, fragte sie und nahm ihm zögerlich das volle Horn ab. Es roch noch immer nach Kokos und Limette. „Stoßen wir an, auf ein unvergessliches und fruchtbares Walpurgis.“ Belial setzte an und trank das Horn in einem Zug lehr. Er kleckerte und weiße Flüssigkeit lief über sein Kinn, den Hals und tropfte auf seine Brust. Marietta war wie hypnotisiert. Um nicht aufzufallen, tat sie so als nähme sie einen kleinen Schluck. Dabei fiel ihr das leere Fläschchen aus dem Ärmel ihres Mantels und landete direkt vor Belials Füßen. “Was haben wir denn da? Etwas gegen die Nervosität, hm?” Er hob es auf und roch daran. Plötzlich weiteten sich seine Augen und er drehte sich zum Kessel um. Mit seiner feinen Nase erkannte er den Geruch wieder und ein tiefes Knurren drang aus seiner Kehle. Marietta erschrak und sprang einen Schritt zurück. “Was hast du getan!”, grollte er und sein Gesicht verzog sich zu einer zornigen Fratze. Belial kochte vor Wut und stampfte mit dem Fuß auf. Die Frauen und Männer zogen sich ängstlich zurück. Die Luft begann zu flimmern und seine Gesichtszüge veränderten sich. Wurden länger, seine Augen glühten rot und aus seiner Stirn wuchsen kleine, spitze Hörner. Seine Beine wurden kräftiger, bogen sich leicht und dichtes dunkles Fell wuchs aus seiner Haut. Seine Füße verwandelten sich in Hufe. Belial war der Teufel und Marietta erstarrte zu Eis. Noch bevor er einen Schritt auf sie zu machte, sprang Balou hervor und landete auf Belials Brust. Der Teufel fauchte und zog tiefe Kratzer über seinen Bauch. Er schrie, drehte sich im Kreis, um den Kater abzuschütteln. Marietta drehte sich auf dem Absatz um und nutzte die Ablenkung. So schnell sie konnte lief sie in die Richtung aus der sie gekommen war. Balou überholte sie fauchend und ängstlich sah sie über ihre Schulter. Belial formte einen lodernden Feuerball mit seinen Klauenhänden und schleuderte ihn in ihre Richtung. Die Flammen kamen direkt auf sie zu, doch bevor es sie verbrennen konnte, leuchtete ihr Amulett auf und das Feuer prallte an einem Schutzschild ab. Belial sah es und schrie seinen Zorn in die Nacht. Marietta hatte den Schleier erreicht, schnappte sich Balou und sprang.  Sie hatte keine Ahnung, ob sie durch den Schleier zurückspringen konnte. Ihr blieb keine andere Wahl.

Sanft rauschten die Wellen und zeichneten geschwungene Linien in den Sand. Marietta atmete die salzige Luft ein. Ihre Großmutter hatte ihr nicht nur die Bergmannshütte hinterlassen, sondern auch einen kleinen Bungalow an der Ostsee. Für Notfälle. Er war alt und brauchte eine Renovierung, doch Marietta hatte jetzt genügend Zeit. Sie und Balou waren beim Sprung durch den Schleier im Moor gelandet und waren stundenlang umhergeirrt, bis sie den Weg zurück auf dem Parkplatz fanden. Erleichtert und am Ende ihrer Kräfte, hatte sie den Motor gestartet. Sie fuhr solange, bis die Müdigkeit sie zur Pause zwang. Ein paar Stunden später erreichte sie ihr Ziel.

Der Bungalow gehörte zu einer Campingplatzanlage und stand nur wenige Meter vom Strand entfernt. Die Nachbarn waren freundlich und wirkten normal. Sie hatte nur das Nötigste eingepackt, um neu anzufangen. Marietta hatte nie vorgehabt selbst etwas von dem Trank zu nehmen. Sie hatte eine Schuld zu begleichen und wollte ihre Fähigkeiten dafür nutzen, so vielen Menschen zu helfen, wie sie nur konnte. Vorsichtshalber hatte sie ein paar Schutzzauber gesprochen, um ihr neues zu Hause zu sichern. Sie war sogar einer freien Kirchengemeinde beigetreten – nur zur Vorsicht. Den Anblick des Teufels, des Leibhaftigen, würde sie nie vergessen und auf keinen Fall, wollte sie ihm eines Tages in der Hölle wieder begegnen. Eins war sicher: die „Kinder der Walpurga“ hatten keine Magie mehr und können niemandem mehr schaden.

– ENDE –