Gipfelbasilisk

Marietta und der Hexenzirkel

von _linda_bier_

Was bisher geschah…

Marietta wohnt in einer kleinen Hütte im Oberharz, die sie von ihren Großeltern vererbt bekommen hat. Beim Frühjahrsputz fand sie, neben dem Zauberbuch auch eine Dose mit alten Hausmittelchen ihrer Großmutter. Marietta öffnete einen der Tiegel und verteilte unfreiwillig eine große Menge Wahrheitspulver über sich. Eine Woche lang hörte sie mehr Wahrheiten, als ihr lieb waren und auch ihr Freund Manuel, entpuppte sich als verheirateter Betrüger.

Marietta und das Wahrheitspulver findet ihr hier.

“Autsch, verfluchter Mist!” Marietta stöhnte. Die Brennnesseln verbrannten ihr die Hand, trotz Gartenhandschuhe. Schnell lief sie rüber zum Bachlauf und kühlte sie im Quellwasser. Das füllte sie auch gleich ab. Sie zog eine leere Flasche aus ihrem Beutel und hielt die Öffnung in den kleinen Strom. Nebenbei sah sie auf die Zutatenliste. Sie hatte die Hagebuttenblüten, die Brennnesseln und das Quellwasser, es fehlten Männertreu, der Urin eines Ziegenbocks und die Alraune. Sie sah auf ihr Smartphone. Im Zauberbuch ihrer Großmutter wurde der Standort von Männertreu benannt und sie hatte ihn sich kurzerhand auf Google markiert. Warum sollte sie nicht von der modernen Technik helfen lassen? 1,2 Kilometer bis zum Ziel. Marietta verlor keine Zeit und lief los. Für Anfang März war es frühlingshaft warm, die Vögel zwitscherten aus vollen Kehlen und überall wuchsen Krokusse, Narzissen und Schneeglöckchen. Sie erinnerte sich an die vielen Sonntage, mit ihren Großeltern und an die Ausflüge zur Rosstrappe, auf den Hexentanzplatz, zur Teufelsmauer und auf den Brocken. Erst jetzt, Jahre später, nachdem sie den Geheimnissen ihrer Oma langsam auf die Spur kam, verstand sie die eigentliche Bedeutung dieser Orte…
Die knorrige Wurzel auf dem Trampelpfad vor ihr überraschte sie. Marietta blieb mit ihrem Fuß hängen, stolperte und fiel der Länge nach auf die Nase. Das Handy flog im hohen Bogen und rutschte unter einen Brombeerbusch. “Aua”, jammerte sie und richtet sich langsam wieder auf. Sie klopfte sich den Dreck von der Jeans und betrachtete die Schürfwunden auf ihren Handballen. “Zum Glück hat das niemand gesehen …”, grummelte sie und suchte ihr Telefon. Eine leise Stimme verkündete ihr unterdessen, das Ziel erreicht zu haben. Sie angelte nach dem Handy und zerkratzte sich den Unterarm an den spitzen Dornen. Glück gehabt, das Handy war unversehrt. Es stimmte, sie hatte das Ziel erreicht, doch weit und breit keine Spur von den hübschen, blauen Blüten. Erneut fragte sie Google und rief ein Bild der gesuchten Pflanze auf. Darunter stand ein Text, der zur Seite mit weiteren Infos führte:

“Standort: sonnig, halbschattig, Boden: sandig oder lehmig, nährstoff- und humusreich, Blütezeit: Mai bis September”

Marietta schlug sich die flache Hand vor den Kopf: “Dreimal verfluchter Mist! Ich bin so blöd. Sicher lachst du mich jetzt aus, da wo du bist Oma …” Deprimiert ließ sie sich ins weiche Moos fallen. “Gut, dann eben Plan B.” Marietta gab “Männertreu” in den Browser ein. 150 Suchergebnisse, drei davon in der näheren Umgebung. “Gabrieles kleiner Hexengarten” nannte sich ein Blumenladen in Goslar. Der sollte es sein, vielleicht bekam sie dort auch die Alraune. Zufrieden machte sie sich auf den Weg nach Hause.

Goslar galt schon früher als reiche Kaiserstadt und war für viele Reisende aus Nah- und Fern ein beliebtes Ziel. Es war Montagmittag und Marietta drängelte sich an Touristengruppen vorbei durch die Altstadt. Das Geschäft dieser Gabriele lag im Innenhof des „Großen Heiligen Kreuz“. Sie staunte nicht schlecht, als sie den winzigen Laden betrat. Überall blühten die verschiedensten Blumen. Es duftete nach Räucherwerk und Kräutern. Kein Zentimeter des Geschäfts blieb ungenutzt. In einer Ecke am Schaufenster fand sie, wonach sie suchte: Männertreu. Gerade als sie nach dem kleinen Topf greifen wollte, ertönte hinter ihr eine zierliche, aber laute Stimme: “Halt, nicht anfassen! Warten Sie, ich übernehme das.” Dann überholte sie auch schon eine ältere Frau. Marietta schätzte sie auf Mitte fünfzig, sie hatte langes, dunkles Haar, mit grauem Ansatz. Trug eine Brille und allerlei Armbänder und Ketten. Sie klimperten, bei jedem ihrer Schritte. Ihr gefielen der bodenlange Rock und die helle Bluse. Die Frau zog Handschuhe an und packte den Topf in eine Papiertüte. “Männertreu sieht nicht nur schön aus, alle seine Teile sind giftig und können Allergien auslösen.”
“Oh, das wusste ich nicht”, sagte Marietta und wurde von einem undefinierbaren Blick der Dame gemustert. Unterm Tresen entdeckte sie eine Glasvitrine, in der sich Edelsteine und Kristalle aufreihten und durch den Lichteinfall der Deckenstrahler zauberhaft leuchteten. Die bunten Reflexe zogen sie in ihren Bann. Sie überlegte nicht lang und fragte nach den Preisen. Die Alte zögerte mit einer Antwort. Hatte sie etwas Falsches gesagt? Dann lächelte die Frau und sagte: “Die Kristalle kosten alle um die 10 €. Für ‚Schwestern der Walpurga‘ nur die Hälfte.”
“Schwestern der Walpurga?”, fragte Marietta leise und sah sich im Laden um. Aber außer ihr war niemand da. “Entschuldigung, ich dachte nur, Sie wären eine von uns. Sie sehen einer alten Freundin, sehr ähnlich. Vergessen Sie es, ich muss mich irren.”
“Ich habe Ähnlichkeit mit meiner Großmutter, sie hieß Rosa Mayerhofer.”
“Dann musst du Marietta sein! Wie Erwachsen du geworden bist und so hübsch! Komm her Kindchen, schön, dass wir uns endlich kennenlernen.” Die Frau trat hinter dem Tresen hervor und zog sie in eine herzliche Umarmung. Marietta bekam keine Luft, so fest drückte sie die Fremde. “Dann kannten Sie meine Oma?”, fragte Marietta zögerlich.
“Aber natürlich! Rosa war meine Freundin, ihr Tod…”, die Frau hielt inne und legte eine Hand aufs Herz, bevor sie weitersprach: “Rosa war die talentierteste Schwester in unserer Zunft. Belial habe sie Selig.” Dann reichte sie ihr die Hand und stellte sich als Gabriele vor. “Marietta, was brauchst du und wobei kann ich dir helfen?”
Sie trat von einem Fuß auf den anderen. Konnte sie der Frau trauen? Wer waren diese Schwestern? Marietta dachte an die Woche im Januar, in der sie versehentlich das Wahrheitspulvers eingeatmet hatte. Die sieben Tage entpuppten sich als einziger Albtraum.
“Mir fehlen eine Alraune und der Urin eines Ziegenbocks.” Sie setzte alles auf eine Karte. Gabrieles Stirn legte sich in Falten, dann verschwand sie im Lager und kam mit einer schrumpeligen Wurzel und einem Fläschchen mit orangener Flüssigkeit zurück.
„Dir muss jemand sehr wehgetan haben, wenn du zum Gerechtigkeitstrank greifst. Sei vorsichtig damit, das Schicksal lässt sich nicht gern beeinflussen …“, sagte sie dazu und schenkte ihr einen warnenden Blick. Dann wurden sie weicher und wirkten besorgter: “Hast du einen feuerfesten Kessel? Am besten ist einer aus Eisen. Oh …, und nimm dir die Bergkristalle mit, sie verstärken den Zauber. Hast du ein Schutzamulett? Der Trank ist unberechenbar, viele Schwestern haben die Wirkung unterschätzt und sind ihm selbst zum Opfer gefallen.”
Marietta sah Gabriele fragend an. “Du hast keine Ahnung nicht wahr?”
Sie schüttelte den Kopf. Die Alte nahm einen Zettel und einen Stift und schrieb eine Telefonnummer und eine Adresse auf. Darunter folgten zwei Anweisungen. Dann buchte sie die Zutaten ein, legte sie zu dem Männertreu in die Tüte und kassierte.
“Wir treffen uns heute Abend bei Sonnenuntergang am Steinbergturm, wir nehmen dich in unserer Schwesternschaft auf. Du gehörst zur Familie, wir werden dich alles Lehren, was du wissen musst. Hab keine Angst.” Dann zog sie die überrumpelte Marietta erneut in ihre Arme und verabschiedete sich.

Zum zweiten Mal an diesem Tag betrat sie den Wald. Doch diesmal trug sie ein altes Leinenkleid, das sie im Schrank ihrer Großmutter gefunden hatte und einen dicken, schwarzen Wollmantel. Sie lief barfuß und trug nicht einmal Unterwäsche. Die Zutaten für den Trank befanden sich in ihrem Beutel, zusammen mit dem Zauberbuch ihrer Oma. Es diente als eine Art Ausweis. Aufgeregt machte sie sich an den Aufstieg zum Steinbergturm. Sie fror, es war kalt und sie musste mal. Dringend. Sie sah sich im Wald um und verschwand hinter einer alten Eiche. Dafür war die spartanische Kleidung nützlich. Plötzlich wurde der Weg von brennenden Fackeln gesäumt und führte sie direkt zum Turm. Davor hatten sich 12 andere Frauen versammelt und trugen das gleiche einfache Gewand. Gabriele stellte sie vor. Die Schwestern waren in Gabrieles alter, nur eine war etwas jünger, wie sie selbst. Es erinnert sie eher an einen Nähkreis, als an einen Hexenzirkel. Gabriele betrat als Erste den Turm, in dem eine abgetretene Steintreppe hinauf zur Aussichtsplattform führte. Doch Gabriele ignorierte die Treppe und zeichnete bestimmte Linien, des Goslarer Wappens, das in den Sandstein geritzt war nach. Ein leises Rumpeln ertönte. Eine Mechanik öffnete eine geheime Tür, hinter der, die Steintreppe unter die Erde führte. Mit zitternden Knien und pochendem Herzen stieg sie die Stufen hinab. Die Treppe endete in einer großen, unterirdischen Felshöhle. Die Wände waren glatt und Fackeln erhellten den Saal. In der Mitte stand ein großer Altartisch, auf dem schwarze Kerzen brannten. Um den Altar herum, war ein Salzkreis gezogen. Marietta musste kichern. Es wirkte zu klischeehaft. Erstaunt stellte sie fest, dass der Boden angenehm warm war. “Heiße Quellen, sie verlaufen überall im Harz. Unter dem Steinberg verläuft ein ganzer Fluss. Fußbodenheizung”, sagte die Jüngste und zwinkerte ihr zu. Die Frauen verteilten sich um den Kreis herum, Gabriele trat als einzige in die Mitte und sprach ein leises Gebet. Eine Anrufung an die Götter. Mit einer einladenden Handbewegung bat sie Marietta in den Kreis. Sie drückte den Beutel mit dem Buch und den Zutaten fest an ihre Brust, atmete tief ein und hielt die Luft an, bevor sie zögerlich über die Salzlinie trat. Gabriele stand auf einer Seite des Altars und Marietta auf der anderen. Sie legte das Buch und die Zutaten auf die Steinplatte und stellte den Kessel in die Mitte. Hier gab es eine Vertiefung, in die er perfekt hineinpasste. “Zunächst nehmen wir dich in unsere Reihen auf. Wenn du damit einverstanden bist, reiche mir deine Hände.”
Marietta nickte, sie war zu neugierig, um auf das leichte Rumoren in ihrem Bauch zu hören. Plötzlich zog Gabriele ein Messer, aus den Ärmeln ihres Mantels und schnitt sie sanft über ihre geöffneten Handflächen. Marietta gab einen überraschten Schrei von sich und wollte die Hände wegziehen. Doch Gabriele hielt sie fest und drückte ihre Handflächen auf eine der Runen, die in den Stein geritzt worden war. Sie füllte sich mit ihrem Blut, fing an zu glühen und weitere Runen erschienen auf der Steinplatte und bildeten einen Kreis. Eine leuchtete heller wie die anderen, woraufhin die Frauen erschrocken die Luft einzogen und sich vor den beiden verbeugten. Gabrieles Augen weiteten sich, dann trat ein Lächeln auf ihr Gesicht. “Dir ist große Macht bestimmt, das Glück steht auf deiner Seite. Die Rune Eihwaz, schenkt dir ihre Gunst und wird dich beschützen.”, flüsterte sie ehrfürchtig. Lauter und an die Frauen gewandt, sprach sie weiter: “Marietta, Tochter unserer verstorbenen Großmeisterin Rosalinde, wir begrüßen dich. Du bist die 13. Schwester dieses Zirkels und ein Kind der Walpurga.” Sie reichten ihr ein kleines Amulett aus Bernstein, das die Rune Eihwaz in sich einschloss. Dann gaben sie ihr einen Trank aus Wacholderbeeren, der ihren Körper reinigen und den Geist öffnen sollte. Marietta trank, ohne nachzudenken. Danach begann das Ritual. Das, mit dem sie sich an ihrem Exfreund Manuel rächen wollte. Gabriele gab die Anweisungen: “Jetzt musst du die Alraune hinzufügen. Rühre den Trank zehnmal gegen den Uhrzeigersinn und dreimal im Uhrzeigersinn um. Denke dabei an Manuel und an den Schmerz, den sein Betrug in dir auslöste. Bitte das Schicksal um Gerechtigkeit. Dann zündest du das Gebräu an.” Marietta tat wie verlangt und der Inhalt des Kessels löste sich in Rauch auf. Ihr fiel eine Last von den Schultern und ein ungewohntes Kribbeln breitete sich in ihrem Körper aus. Es war fantastisch und schon bald, würde ihr Zauber seine Wirkung zeigen. Manuel würde seine gerechte Strafe bekommen. Am Ende tanzten und sangen die Frauen bis in die frühen Morgenstunden.

Die Nacht war kurz und ihr Kopf dröhnte. Marietta erwachte in ihrem Bett, konnte sich aber nicht an den nach Hause Weg erinnern. Sie musste sich kurz orientieren und lauschte deshalb den Meldungen ihres Radioweckers:

Und nun zu den Nachrichten: In der vergangenen Nacht kam es auf der B241 zwischen Goslar und Clausthal-Zellerfeld zu einem schweren Autounfall. Der Fahrer des Wagens kam auf gerader Strecke, aus bisher ungeklärter Ursache von der Fahrbahn ab und überschlug sich mehrfach. Für den Fahrer und seine Ehefrau kam jede Hilfe zu spät.

“Typisch Selbstüberschätzung!”, dachte sie und wunderte sich über den bitteren Geschmack in ihrem Mund. Sie stapfte ins Bad, putze sich die Zähne und nahm eine ausgiebige Dusche. Doch irgendwie wollte ihr nicht recht warm werden. Der kleine Raum hatte sich vollständig mit Wasserdampf gefüllt und sie griff nach einem Handtuch, um den beschlagenen Spiegel abzuwischen. Sie stockte.
“Hüte dich vor den Schwestern!”, stand dort in der filigranen Handschrift ihrer Oma.
Erschrocken trat sie ein Schritt zurück. Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem Körper aus und ihr wurde flau im Magen. “Oh nein …”, dachte sie und stürzte aus dem Bad. Hastig zog sie sich etwas an und stolperte die Treppe hinunter. Sie verfehlte die letzte Stufe und landete auf den Knien. Ihre Handflächen schmerzten und nur schwerfällig erinnerte sie sich an das Aufnahmeritual. Ihr Blick blieb an einem schwarzen Briefumschlag hängen, den ihr jemand durch den Türschlitz geschoben haben musste. Er hatte keinen Absender, nur ein rotes Wachssiegel mit dem Bild eines Ziegenbocks. Sie nahm den Umschlag hoch und staunte über das edle Papier. Sie ging in die Küche, um sich zu setzen. Ihr Kater Balou saß bereits mit vorwurfsvollem Blick auf dem Tisch und wartete auf sein Frühstück. Sie ignorierte ihn und las:

“Einladung für die 13. Schwester, der Kinder der Walpurga.
Der Urvater lädt zum traditionellen Tanz auf dem Blocksberg am 30. April zur Stunde der Hexen.
Wir preisen die heilige Mutter Walpurga und ihre Kinder.

Es grüßet Euch,
Belial,
der erste seines Namens.”

~ Fortsetzung folgt ~