Gipfelbasilisk

Sommer

von _linda_bier_

Es wird Zeit, für mich zu gehen. Die Sonne steht tief am Horizont und die letzten Sonnenstrahlen bringen die goldenen Buchstaben zum Leuchten. Es erinnert mich an dein Lächeln. Darunter steht ein Datum. Der Tag, an dem meine Welt aufgehört hat, sich zu drehen. Der erste Tag des Sommers. Ein Sommer voller Regen. Sintflutartigem Regen, angefüllt von Leid. Du hast die Kontrolle über den Wagen verloren. Die Sanitäter kamen zu spät. Ich erinnere mich an den Moment auf Jons Party. Die halbe Schule drängte sich in eurer zu kleines Haus. Musik, Alkohol, Schweiß und tanzende Körper. Du warst kurz weg, neue Chips besorgen. Ich hätte dich begleiten sollen, aber du gabst mir einen Schubs in Nicks Richtung. An diesem Abend haben wir uns zum ersten Mal unterhalten. Mein Herz drohte aus der Brust zu springen. Ich war mir sicher, dass er es hören konnte – dabei schrien wir uns über die Musik hinweg an. Ich glaube, er hat mit mir geflirtet. Die Zeit verging wie im Flug. Statt dir klingelte die Polizei an eurer Tür. Wir dachten, einer der Nachbarn hätte sich wieder beschwert. Dein Bruder sprach kaum ein Wort mit den Polizisten. Er erstarrte. Sein Gesicht verlor jede Farbe. Die Musik, die Party und der Sommer endeten gleichzeitig. Die Nachricht von deinem Tod, versetzte uns alle in Schockstarre. Die Stadt sagte die Parade zum 4. Juli ab. Kein Feuerwerk, nur Regen. Am Tag der Beerdigung blieb es grau und der Himmel schloss für ein paar Stunden seine Pforten. Dafür flossen unsere Tränen. Bunte Farben auf schwarzem Grund. Der Schulchor sang dein Lieblingslied. Der Bürgermeister hielt die Trauerrede und übernahm die Kosten für das anschließende Kaffeetrinken. Alle waren da. Du warst beliebt. Sie sprachen über dich. Jeder teilte eine Erinnerung, die er mit dir verband. Sie lobten deine Hilfsbereitschaft, deinen Einsatz im Seniorenheim und deine schulischen Leistungen. Es war kitschig, du hättest es gehasst. Niemand verlor ein böses Wort. Sogar Larissa weinte um dich. Larissa! Kannst du dir das vorstellen? Keine Silbe kommt mir mehr über die Lippen. Ich öffne den Mund, doch er bleibt stumm. Mum macht sich sorgen und will, dass ich zu einem Arzt gehe. Dad hält mir den Rücken frei. Er gibt mir die Zeit, die ich brauche. Du warst wie eine Schwester. Wir brauchten nie viele Worte, um zu wissen, wie es der anderen ging.

Jetzt sitze ich hier an deinem Grab, schweige und bin mir sicher, dass du mich hören kannst. 6 Wochen sind seitdem vergangen. Ein ganzer Sommer. Wir wollten zusammen Eis essen, Shoppen und Campen am See. Stattdessen verbrachte ich die Tage im Diner. Kaffee kochen, Pommes in die Fritteuse werfen und Burger servieren. Jeden Tag zwang ich mich, zu lächeln. Ich gewöhnte mich an die schreckliche Schürze und den Gestank nach altem Fett. Bei der Arbeit vergesse ich für einen Moment, dass du nicht mehr da bist. Morgen beginnt die Schule. Es gibt eine Schweigeminute, dann überhäufen sie deinen Spint mit Blumen und reden über uns. Ich spüre ihre Blicke auf meinem Rücken. Doch ich werde mich davon nicht unterkriegen lassen. Ich verspreche es dir. Es ist das letzte Schuljahr und ich werde mein Bestes geben. Für dich. Für unseren Traum von New York.

Nach dem Regen kommt das Feuer. Waldbrandsaison. Bald liegt die Stadt wieder unter einer dichten Rauchwolke. Alles, was bleibt, ist verbrannte Erde. Fruchtbarer Boden, auf dem neues Leben entsteht. Die Sonne ist untergegangen. Über mir leuchten die ersten Sterne. Ich komme zu spät. „Wie immer“, höre ich dich flüstern und mache mich auf den Weg nach Hause.

Beitragsbild: Foto von Matheus Bertelli von Pexels