Gipfelbasilisk

Virginia

Die Allee war menschenleer, Virginia flanierte bei schönstem Wetter durch den kleinen Park. Sie wunderte sich, dass bei einem solchen Kaiserwetter niemand hier unterwegs war. Langsam schritt sie an dem kleinen Teich vorbei, in dem die vier Schwäne ruhig auf dem Wasser ihre Kreise zogen. Das schwarze Kleid, das sie an diesem Tag trug, war für ihren Geschmack viel zu warm. Aber ihre Mutter bestand darauf. Das Korsett hatte ihre Gouvernante viel zu eng gezurrt, aber was sollte man machen. Ihr Haar wurde unter einem viel zu großen Hut versteckt, ihre Hände und Arme wurden von weißen Seidenhandschuhen umhüllt. Ihr Gesicht, war das Einzige, was nicht von Kleidung bedeckt war. Sie hasste es so eingeschnürt, herumlaufen zu müssen, aber wenn ihre Anstandsdame keine Zeit hatte, war so raus zu gehen, der einzige Weg raus zu dürfen. Alleine durften Frauen nur so eingeschnürt nach draußen. Den Hut abzunehmen und sein Haar zu zeigen oder die Hände behandschuht zu zeigen, war nur in Begleitung einer Anstandsdame erlaubt.
Sie fühlte sich in der Kleidung eingeengt, streng. Nicht lustig, fröhlich und lebhaft, wie sie sonst war.
Sie setzte sich auf eine Bank, um die Schwäne ein wenig länger zu beobachten. Virginia, dachte an ihre Kindheit, welche so fundamental anders gewesen war, als ihr leben jetzt ist.
Im Jahr 2020 war es noch jeder Frau erlaubt, so rumzulaufen, wie sie wollte. Ihre Mutter zum Beispiel trug im Sommer immer kurze Hosen und ein schlabbriges T-Shirt. Ihr blondes langes Haar, trug sie offen. Virginia, dachte wehmütig an diese freie Zeit zurück. Virginia hatte wie ihre Mutter, blondes langes Haar. Wie gerne würde sie jetzt ihren Hut abnehmen und ihr Korsett ausziehen, die langen Strümpfe und engen Schuhe loswerden und ihre Füße in das kühle Nass stellen. Aber wenn sie das tat, wäre sicher irgendwo jemand, der sie beobachtete und verriet. Solche zur schau Stellungen von Nacktheit, waren heutzutage undenkbar.
Virginia kehrte mit ihren Gedanken ins hier und jetzt zurück. Sie sah in einiger Entfernung einen jungen Mann, die Allee entlanggehen. Er trug ebenso wie sie schwarz, das Zeichen der Unverheirateten. Auch er durfte, weil er alleine unterwegs war, nur sein Gesicht unverhüllt lassen. Aber im Gegensatz zu Virginia musste er kein Korsett tragen. Der junge Mann kam näher. Sie stand auf und wollte grade gehen, als er seine Stimme erhebt.
„Madame, wegen mir müssen sie aber nicht ihren Platz aufgeben“, sagte er mit ruhiger unaufgeregter Stimme.
Sprach er sie an? Was ist nur in diesem Burschen gefahren, selbst mit Anstandsdame war es den Geschlechtern untereinander nur erlaubt zu sprechen, wenn ein offizielles Treffen vereinbart war und auch nur, wenn es in der Versammlungshalle stattfand unter den Blicken von vielen. Frauen mussten, wenn ein Mann sich näherte den Blick senken und durften schon gar nicht mit ihnen sprechen. Wusste er nicht, dass er sich selbst und sie damit in Gefahr brachte?
„Wollen sie mir nicht den Gefallen tun und antworten“, fragte er mit sanfter Stimme.
Sie hatte ihm immer noch den Rücken zugedreht, sie konnte jetzt einfach gehen und niemand würde von diesem Vorfall etwas mitbekommen können. Er hat falsch gehandelt nicht sie, ihn würden sie bestrafen. Sie konnte einfach gehen. Aber wollte sie das auch? Sie waren immerhin alleine im Park. Aber sie hatten überall ihre Augen, ihre Spitzel. Sie schaute noch einmal auf den kleinen See mit den Schwänen. Plötzlich stieg Wut in ihr auf. Schwäne hatten es viel leichter. Sie konnten lieben, ohne sich an diese verdammten Regeln halten zu müssen. Sie konnten seelenruhig an einem wunderschönen Tag gemeinsam in einem Teich schwimmen, ohne ein dummes Korsett an Regeln tragen zu müssen. Wie sehr sehnte sie sich, danach sich umzudrehen und einfach mit diesem netten jungen Mann zu reden. Aber wollte sie wirklich gegen die Gesetze verstoßen?
Ihre Mutter tat es und was brachte es ihr? Virginia wuchs nach dem Umsturz bei einer fremden Familie auf. Einer Alleinerziehenden war es nicht gestattet, ein Kind groß zu ziehen. Man stellte ihr verschiedene heiratswillige Männer vor, aber ihre Mutter sperrte sich dagegen und so wurden sie getrennt. Sie sah ihre Mutter in all der Zeit nur ein einziges Mal noch. Bevor sie flüchtete. Von ihrer neuen Familie erfuhr sie, dass ihre Mutter an der Grenze aufgegriffen wurde und nun in einem der Arbeitslager ihre Strafe abarbeiten musste. Virginia lachte innerlich bitter. Abarbeiten ist bei lebenslanger Strafe so ein zynischer Begriff.
Der junge Mann hinter ihr, räusperte sich. Sie stand schon so lange mit dem Rücken ihm zugewandt da. Zu lange? Hat das schon Aufmerksamkeit erregt? Würde man sie jetzt schon bestrafen? Dann könne sie sich doch auch gleich umdrehen. Dachte sie noch, aber da machte sie schon einen Schritt nach vorne. Nein, sie musste hart sein, sie musste sich an die Regeln halten. Sie ging die Allee entlang. Der junge Mann folgte ihr nicht. Etwas in Virginia zerbrach, wie schon so oft in den Jahren seit dem Umbruch. Sie wollte sich nicht an diese Regeln halten und tat es trotzdem.

Die Postkarte zu dieser Übung, könnt ihr im folgenden Mitschnitt sehen: https://youtu.be/aaul6AkpT0Y