Gipfelbasilisk
Foto von Александр Прокофьев von Pexels

Weltenwechsel

Postkartenbeschreibung:
Sonnenuntergang. Wir sehen aus einer Höhle auf ein Meer. Vor der Sonne sind ein paar einzelne Wolken. Wenn man die Karte dreht, steht man auf einer Anhöhe. Das Meer bildet dann den Himmel.
Falls ihr die orginal Postkarte sehen wollt, schaut bitte in den Stream Mitschnitt.

Weltenwechsel
Der Riss zur anderen Seite sollte am anderen Ende dieser Höhle sein. Die Hitze des Tages ließ salzige Perlen auf seiner Stirn entstehen. Sein Hemd klebte an seinem Körper. Er war froh, der Hitze bald entkommen zu können und in die Kühle der Höhle einzutreten. Der Weg schlängelte sich hoch zu ihr. Roter Stein und Sand. Er nahm den letzten Schluck aus seiner Flasche und trank ihn gierig. Das kühle Nass gab seinem trockenen Hals nur kurzzeitig Erholung. Die Sonne stand gerade an ihrem Zenit, bald würde sie wieder für eine lange Zeit untergehen. Aber noch brannte sie erbarmungslos vom Himmel. Er musste aus der Sonne raus und wie gerufen, ging er um die nächste Windung und stand vor dem Eingang. Er trat ein. Die kühle Luft empfing ihn wie eine wohltuende Umarmung. Sein Körper entspannte sich. Er atmete tief durch; er roch das Meer. Es konnte nicht mehr weit sein. Er hat diesen Ort schon seit Monaten gesucht. Er wollte auf die andere Seite, um ihn wieder zu sehen. Er vermisste ihn so sehr. So lange hatten sie sich nicht mehr gesehen.
Der Riss sollte doch eigentlich gut versteckt sein, aber dieser Ort war so offen. Keine Wachen standen vor dem Eingang, die ihn von seinem Vorhaben abhalten würden. Es war verboten, auf die andere Seite zu gehen. Überall auf der Welt gab es diese Orte, aber sie alle waren bewacht. Nur dieser nicht. Warum? Glaubten sie vielleicht, dass der Riss so abgelegen war, dass kein Diesseitiger den Weg wagen würde? Egal. Er musste einfach zu ihm. Er konnte nicht länger warten.
Die Dunkelheit der Höhle war kein Problem für seine Augen. Er hatte sich schnell an sie gewöhnt. Einige Stunden brauchte es dann schon noch, bevor Meeresrauschen an sein Ohr drang. Wellen, die an harte, raue Klippen brandeten und sich zurückzogen. Dann dauerte es nicht mehr lange und er sah den ersten Lichtschein der Abenddämmerung. Er schnaufte, als er bemerkte, dass der Weg wieder nach oben führte. Seine Oberschenkel schmerzten. Er war den ganzen Tag gelaufen. Seine Beine waren an diese Art der Fortbewegung nicht so gewöhnt. Nur noch diese Anhöhe hoch, dachte er sich. Bald bin ich wieder bei dir, formten seine Lippen wortlos. Dann öffnete sich die Höhle und er stand neben einem riesigen Stalagnat, der über Jahrhunderte zusammengewachsen sein musste. Ein eindeutiges Zeichen für die beiden sich annähernden Welten. Er schaute auf seinen Weltenmesser. Eine Digitalanzeige zeigte zwei Kreise, die sich annäherten und bald würden sie kollidieren. Die Sonne bewegte sich zum Meer und fing an, darin zu versinken. Sein Weltenmesser piepte. Es war so weit. Vor ihm begann die Luft zu flimmern. Der Himmel verschwand und wurde von einem Meer ersetzt. Eine zweite Sonne stieg aus diesem Meer auf. In diesem Moment wurde seine Welt in das rote Licht zweier Sonnen getaucht. Er erkannte sein Ziel, ein kleines Boot, das auf der anderen Seite vor der Klippe vor Anker lag. Er zog sein Hemd aus, es würde ihn nur beim Schwimmen einengen. Es war Zeit. Er schaute nach oben. Es war ganz schön hoch. Würde er den Sprung schaffen? Er sah einige Zentimeter über sich den Riss, der die Welten voneinander trennte. Er musste auf die obere Seite des Risses. Dann nahm er Anlauf, schloss die Augen und sprang.

Mein kleiner Kutter lag nun schon mehrere Stunden vor Anker. Ich wartete auf ihn, er wollte heute endlich zu mir kommen. Er hatte versprochen, durch den Riss zu kommen, auch wenn es gefährlich war. Hinter meinem Schiff ging die Sonne gerade auf. Die Kühle der Nacht würde bald von der Hitze der Sommersonne abgelöst werden. Mein Blick richtet sich auf das Cliff, das dunkel und still vor mir lag. Irgendwo da oben würde auf seiner Seite die Höhle sein. Es würde kein Zurück mehr für ihn geben. Ungeduldig schaute ich auf meinen Weltenmesser. Er gab ihn mir bei unserem ersten Treffen auf seiner Seite. Ich hatte als Forscher eine offizielle Erlaubnis gehabt. Die würde er aber nicht bekommen. Die Welten würden in wenigen Sekunden kollidieren. Das zeigte mir mein Weltenmesser deutlich. Der Krieg, der durch die erste Kollision entstand, als der Alte seine Heerscharen auf unsere Seite trieb, war unvermeidlich. Aber durch die Bemühungen beider Seiten konnte er beendet werden. Seit dem Tag war ein Austausch nur zu Forschungszwecken und für Friedensmissionen erlaubt. Aber ich musste ihn wiedersehen. Mein Herz begann, wie wild zu pochen, als am Himmel der Riss entstand. Ich sah, wie auf seiner Seite blutrot die Sonne im grauen Meer versank. Ich sah eine kleine graue Figur, beschienen von rotem Sonnenlicht auf der Klippe, aus einer Höhle treten. Dann verschwand sie wieder, nur um auf den Abgrund zu zu rennen und zu springen. Ich wusste, was es für Anstrengungen es ihn kostete, diesen Sprung zu wagen, aber auf meiner Seite gab es keinen unbewachten Riss, bis auf diesen. Denn für uns lag er zu hoch. Sein Körper wurde von unserer Gravitation ergriffen und er fiel ins Wasser. Bange Sekunden des Wartens. Hoffentlich hatte er überlebt, sonst würde ich ihm ins Wasser folgen. Dann sah ich, wie etwas Graues sich elegant durch das Wasser bewegte. Seine Rückenflosse streifte durch die Wellen. Er war es. Wie vereinbart, habe ich die Strickleiter herunter gelassen. Dann ruckelte das Schiff. Ich ging zur Leiter und eine mit Schwimmhäuten versehene Kralle stieß aus den grauen Wellen und hielt sich an der Leiter fest. Bald darauf folgte eine zweite. Er zog sich aus dem Wasser. Er hatte es geschafft. Ich streckte ihm meine Hand entgegen, er reichte mir seine Kralle und ich zog ihn in einer fließenden Bewegung hoch zu mir auf das Schiff. Sein kalter, feuchter Leib umschlang meinen Körper und ich küsste ihn. Ich war einfach nur froh, ihn endlich wieder bei mir zu haben.