Gipfelbasilisk

Alle Ja-Reh wieder

Text von: Pianfensi

Fotos von Fehér Péter (Bild 1) und von Nicky Pe (Bild 2), gefunden auf Pexels, zusammengestellt von Gipfelbasilisk


Thorsten, das Reh, stand auf der Wiese und aß etwas von dem kargen Grün. Da schwebte vom Himmel ein kleines weißes Ding herab und fiel auf seine Nase. Ein kalter Stich durchzuckte den gesamten Leib an der Stelle, auf der das Flöckchen gelandet war. Dann verging es und das Reh fühlte sich plötzlich so anders. Beim Betreten des Waldes begegnete er Klaus Kitzki, der Thorsten in seiner gewohnt unangenehmen darum bat, gefälligst das Laub vor der eigenen Haustür wegzukehren. Thorstens Lebensmotto ist eigentlich: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“ und ihm lag auch schon ein genervtes ‚Nein‘ auf der Zunge und so sprach Thorsten: „Ja, klar“. Zwei verdutzte Augenpaare trafen sich. Klaus hatte wohl auch mit einer anderen Reh-Aktion gerechnet: „Äh, ok. Cool. Danke.“ Thorsten schwieg und setzte seinen Weg – immer noch ganz verdattert – fort. Zuhause angekommen kamen bereits seine Kitz mit der Bitte, von den Maronen essen zu dürfen. Diese waren zum Abendessen eingeplant und Thorsten war trotz des Ausflugs auf die Wiese noch immer sehr hungrig, also musste er die Bitte leider ablehnen: „Ja, genießt es.“ Thorstens Magen rebellierte, seine Kitz waren sehr glücklich, kehrten das Laub weg und machten sich an die Maronen.

Thorsten blieb eine Weile lang stehen und dachte über die letzten Begegnungen nach und an sein Lebensmotto. Es wurde ihm schlagartig bewusst, dass er selbst nur Gutes erfahren kann, wenn er selbst Gutes vollbringen kann. Nun dachte er noch eine ganze Weile mehr nach, wem er alles in diesem Jahr vor den Kopf gestoßen hat. Auf dem Weg in den dunklen Teil des Waldes wurden die Geräusche um ihn herum immer weniger, die Bäume waren so dicht bewachsen, dass selbst der Wind kaum Bewegung ins Geäst bekam, geschweige Lichtstrahlen den Boden erreichen konnten. Mit jedem Schritt vernahm er aber ein anschwellendes Wimmern. Fiona Fuchs kam vor sechs Monaten mit zwei Welpen zu Thorsten und berichtete davon, wie sie aus ihrem Heimatwald fliehen mussten. Ein Feuer brach aus und sie verlor sowohl zwei ihrer Welpen als auch ihren Mann. Thorsten meinte damals, dass es doch genug andere Wälder gäbe, in denen sie ihr Glück hätte versuchen sollen und sah gar nicht ein, die wertvollen Ressourcen für Fremdlinge freizugeben. Er röhrte ein tiefes, markerschütterndes „Nein, geht“ aus voller Inbrunst heraus und Familie Fuchs floh und suchte mit eingezogenem Schwanz anderweitig Zuflucht. Thorsten hat sein ganzes Leben nur zwischen seiner Wiese und dem Wald hin- und hergestreift, nie dachte er auch nur daran, seinen Horizont zu öffnen und neue Wege einzuschlagen.

Der „Daily Squirrel“ berichtete zwar ab und zu von dem mutmaßlichen Verbleib von der Familie, aber Thorsten bat das Eichhörnchen meist sehr harsch, doch endlich zum wichtigen Wetterteil zu kommen und wie es aktuell um die Wiesen steht. Er musste sich also wirklich sehr stark konzentrieren, um überhaupt noch irgendeine Information zu Fiona Fuchs und ihren Welpen aus seinen Hirnwindungen herauszubekommen.Da stand er nun also, blickt in Fionas von Schlaf- und Nahrungsmangel untersetzten Augen, neben ihr nur noch ein Welpe. Das Schweigen war für beide in dieser Situation die beste Option, Fiona war zu schwach für Worte, Thorsten zu beschämt. Der Welpe bewegte sich auf Thorsten zu und schnüffelte an den mitgebrachten Maronen, nahm einen Bissen und kuschelte sich dankbar an die Fersen von Thorsten. Die Gänsehaut, die seinen Körper durchzog, war ein Ergebnis einer Mischung aus Furcht, Erleichterung und den Gedanken, welches unglaubliches Leid Fiona hat auf sich laden müssen. Sein Körper meldete ihm dieses Signal aber bereits am Morgen schon einmal und kaum, dass dieses Stechen abgemildert wird, schwebt vor ihm eine einzelne Schneeflocke gen Waldboden. Thorsten senkte sein Haupt voll Demut: „Verzeih.“