Der Golem

Text: WandelndeTote Instagram Twitch
Bild: Canva

Der Magier spülte gerade die letzte Flasche mit Salz aus.

Es war das Fest der Sommersonnenwende und er hatte das Ritual vorbereitet.

Er sprach die magischen Worte, formte den Lehm um die Flasche und stellte sie in den magischen Kreis. Plötzlich formte sich der Lehm um die Flasche zu kleine Männchen, die fröhlich brabbelnd vom Altar sprangen. Der Trank Golem Zauber war geglückt, aber der Kreis, der ihn im Zaum halten sollte, hielt nicht.

Der Siegelzauber war wohl nicht stark genug gewesen, da er sich zu sicher war, dass sein Golem stehen bleiben und auf Befehle warten würde. In diesem Moment erinnerte er sich, sein Meister hatte ihn damals davor gewarnt, doch wollte er ihn eines Besseren belehren und kehrte seinem Meister den Rücken. Der Magier hatte es schon mehrmals probiert, doch war es bisher immer wieder misslungen.

Einmal hatte er ein einzelnes Sandkorn vergessen und der Lehmklumpen mitsamt dem Glas schmolz zu einer Suppe aus Säure, welche sich rasant Richtung Erdinneres fraß. Er hatte große Mühen, diese aufzuhalten. Ein anderes Mal hatte er zu wenig Lehm und ein weiteres Mal war der Lehm zu hart, weshalb die Flasche zerbarst.

Diesmal hatte er den Schutzkreis etwas schwächer gemacht, weil seine Vorräte für einen starken Bann zur Neige gegangen waren und dachte, es passiert wieder nur ein Missgeschick. In den folgenden Tagen, Wochen und Monaten hörte er von den verschiedensten Dörfern und Abenteurern, dass eine braune Kreatur Zerstörung und Verwüstung anrichtete, egal wo es ankam. Ernten, Lager, Verkaufsstände wurden zerstört und die Nahrungsmittel gegessen. Der Magier bekam Angst und noch mehr so gar, als er hörte, dass es jedes Mal wuchs und größer wurde, sobald er alles auffraß, was ein Dorf für zehn Jahre ernähren konnte. Einige Tage zuvor hatte sich der Magier noch gefreut, dass er es geschafft hatte, doch gerade angesichts der Tatsachen und welches Monster er nun auf die Bevölkerung losgelassen hatte, war er zutiefst betrübt.

Noch wusste niemand, woher der Golem kam. Die Dörfler lebten in Angst und Schrecken, sie litten großen Hunger und Krankheiten machten sich breit. Der junge Magier rief eilig alle Älteren und den Magierat zusammen in der Hoffnung, noch eine Lösung zu finden. Er gestand, was er getan hatte und würde allen Verurteilungen des Rates Gehorsam leisten. So wurde ein Plan geschmiedet, man wollte den Golem weit weg von den Dörfern in einen mächtigen Bannkreis stecken. Es benötigte jeden Magier, den das Land zu bieten hatte. Sie kamen von überall her, aus den verschiedensten Siedlungen bis hin zu Königen unterstellten Weißmagiern.

Als die Gefahr gebannt und so gut wie möglich beim Wiederaufbau der Dörfer geholfen wurde, musste der junge Magier wieder vor den Rat treten.

Sie nahmen ihm seine Erinnerungen, sein Wissen über Magie und bekleideten ihn als Bauern, damit er in einem den zerstörten Dörfern bei den Menschen leben sollte. Aus ihm wurde ein stattlicher Bauer mit Familie und Hof und starb am Ende gen Himmel sehend und mit einem Lächeln auf den Lippen.

 

 

Rund vierhunderttausend Jahre später.

 

Tern und Rimbl schrien beide, als das Shuttle ziemlich durchgeschüttelt und von einer weiteren unsichtbaren Kraft in Richtung Oberfläche des Planeten geschleudert wurden. Tern war der beste Pilot in den letzten drei Generationen, doch so etwas hatte er auch bisher nicht erlebt. Und noch schlimmer, dass, was auch immer es war, hatte die Steuerung des Shuttles lahmgelegt, damit waren sie manövrierunfähig. Das Einzige, wobei die Elektronik noch zunutze war, war um festzustellen, dass unter Ihnen, also dort, wo sie einschlagen würden, nichts als Sand gab und die Atmosphäre Atembar war.

»Ich versuche mit der restlichen Energie unseren Aufprall mit den Steuerdüsen etwas abzubremsen«, schrie Tern zu Rimbl. Das Klappern und Quietschen des Shuttles waren so laut, dass sie sich anschreien mussten, um einander zu verstehen. Rimbl im hinteren Teil des Shuttles rief laut zurück: »Ich versuche hier hinten die restliche Energie umzuwandeln«. Kurz darauf waren sie auch schon durch die Wolkendecke gebrochen, dachten sie zumindest. Bis ein lauter Rumms sie beide durch die kleine Metallbüchse schleuderte und damit bekannt gab, dass hier nun das Ende ihres Fluges war.

Doch damit war es nicht vorbei, gerade wollte sich Rimbl einen Schutzanzug anziehen, als die Blechbüchse noch mal richtig durchgeschüttelt wurde. Rimbl und Tern wurden quer durch das Shuttle geschleudert. Als beide wieder erwachten, war es still, aber nicht zu still um sie herum. Das Shuttle war entzweigebrochen und hatte viele Risse, Schrammen sowie eine oder mehrere Beulen im Rumpf.

Die Com zur Revolte war auch ausgefallen, jetzt waren sie auf sich gestellt. Rimbl sah sich genauer um: »He-Tern komm mal!«, rief er und deutete nach oben. Beide sahen hinauf oder vielleicht auch hinaus, sie wussten es nicht. Nur eines stand fest, sie waren in riesiges Loch gefallen, nach dem Aufprall. Das Ziel, jetzt einen Ausgang finden und Kontakt zum Schiff herstellen. Leider musste Rimbl auf den ersten Blick sagen, dass an den Seiten nach oben klettern keine Lösung wäre, da noch mehr Sand nachrutschen könnte. Das Loch, in dem sie saßen, war wohl an die 150 km tief und laut dem Messgerät 400 Hektar groß war. Das Glück war in einer Weise dennoch auf ihrer Seite, denn ihre Absturzstelle war nicht weiter als 10 m von der Wand des Lochs entfernt. »Das nenne ich mal perfekt eingeparkt«, scherzte Tern und lachte verschmitzt. Rimble neckte ihn grinsend zurück. »Ja, hast uns schön auf einem fremden Planeten in ein Loch geparkt ohne Funk zur Revolte«. 

»Landurlaub mal anders, also lass es uns genießen und dabei ein wenig forschen und Spaß haben, Rimbl«, meinte Tern grinsend, bevor er nach oben sah, um zu sehen, von wo die Sonne bald kommen würde. Als beide so die Wand entlanggingen, trafen sie auf etwas, das aussah wie Behausungen. Soweit unter dem tonnenschweren Sand? Plötzlich rumorte der Boden, Tern und Rimbl drängten sich mehr an den Rand, hielten sich Augen, Nasen und Münder bedeckt, denn es war fast so, als hätte jemand einen Staubsaugerbeutel von 2015 in einen Mülleimer gekippt. Beide sahen nichts mehr und harrten an Ort und Stelle aus, bis das Ereignis vorüber war. Zum Leidwesen aller Anwesenden mussten sie feststellen, dass das halbe Schiff oder was davon übrig war, unter Sand begraben lag. »Ausflug vorbei, wir müssen unsere Möglichkeit zur Kommunikation wieder ausgraben«, bedeutete Tern, lief los und fing an, mit den Händen den Sand wegzuschaufeln. Rimble folgte seinem Beispiel, doch nach zwei Stunden waren sie ausgelaugt und der Sand wurde und wurde einfach nicht weniger. Mittlerweile stand die Sonne auf der anderen Seite und brannte gnadenlos auf Tern und Rimble nieder.

Rimble hatte den letzten Tropfen aus der Flasche gierig aufgesogen. Hoffentlich fanden sie noch etwas Wasser in den Höhlen, also machten sie sich auf den Weg durch die brütende Hitze der Nachmittagssonne. Mit jeder Minute wurde es unerträglicher, als sie endlich die verlassene Siedlung erreichten, waren beide halb verdorrt. Nach einer kurzen Pause machten sie sich auf die Suche nach Wasser. »Du gehst rechts und ich links suchen«, schlug Tern vor, Rimble nickte und schleppte sich zur erstbesten Behausung, leider war diese leer.

Rund dreißig Minuten später kamen beide in der Mitte des vermeintlichen Dorfes wieder an. »Und hast du was gefunden?«, fragte Grimble und leckte sich über die eingerissenen und trockenen Lippen, Tern schüttelte nur den Kopf und ließ sich auf dem sandigen Boden nieder. »Ich habe nur das da gefunden«, meinte er und gab den Stab an Grimble weiter. Dieser inspizierte das Ding ganz genau, es hatte eine merkwürdige Form, fast wie ein Stift, aber mit goldenem Metall verziert und viele Feinheiten eingearbeitet. Außerdem fand er auch noch eine Inschrift, die sehr merkwürdig aussah. Alles daran war ihm unbekannt, er drehte sich um, weil er ein röchelndes Atmen vernahm. Da sah er, dass Tern im Sterben lag, schmiss sich auf die Knie und bettete seinen Kopf in seinem Schoß: »Nein, nein, nein, du musst wach bleiben, hörst du? Bleib bei mir, hey! Öffne die Augen, Tern, bleib wach bitte! Hilfe kommt sicher bald, bitte stirb mir hier jetzt nicht weg«, doch es war bereits zu spät. Tern´s Augen schlossen sich und er hörte auf zu atmen. »SCHEISEEEE !«, brüllte Grimble mit Tränen in den Augen und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Da rumorte es wieder zu seinen Füßen, es formte sich ein immer größer werdender Hügel, der Rimble erstarren ließ und auf einmal ein riesengroßer klimpernder Schatten ragte empor.

 

To be continued …