Gipfelbasilisk

Die Mutprobe

Von _linda_bier_

Mitschnitt von der Lesung

„Die Mädchen lieben dich! Das wird super lustig!“, höre ich die Worte meiner Freundin und schüttle den Kopf. Wozu habe ich mich hier nur überreden lassen? Ich schlurfe durch das dichte Laub und vergrabe meine Hände tief in den Taschen meines Parkers. Wo sollte ich mich verstecken? Mit jedem Schritt weiter in den Wald wird es dunkler und vom Fluss ziehen Nebelschwaden herauf. Endlich finde ich den beschriebenen Felsen, der aussieht wie ein Thron und setzte mich darauf. Jetzt muss ich nur warten. Warten, dass mich die Rasselbande findet. Heut stand eine Nachtwanderung auf dem Ferienprogrammplan und für die Gruppe Pfadfinderinnen, die meine Freundin leitet, ist es das Highlight der Woche. Die große Mutprobe nennen sie es. Eine völlig bescheuerte Aktion, wenn man mich fragt. Mittlerweile ist der Nebel so dicht, dass ich nur noch schwarze Schatten erkenne. Über mir strahlt der Vollmond und die unzähligen kleinen Wassertröpfchen zerstreuen das Licht. Ich höre Äste knacken und leise, flüsternde Kinderstimmen. Das sind sie. Gleich bin ich erlöst und kann zurück in den warmen Bungalow. Kaminfeuer und ein Glas Punsch. Die Stimmen entfernen sich wieder und eine unangenehme Kälte kriecht mir die Hosenbeine hinauf. Ich springe vom Thron und beginne auf der Stelle zu trampeln. Vielleicht macht es genügend Krach und die Mädchen finden mich schneller. Irgendwann spüre ich weder meine Füße noch meine Hände. Ich überlege abzubrechen und den Weg zurück ins Camp anzutreten, als ich ein kleines verschwommenes Licht sehe, wie von einer Taschenlampe. Vorsichtig, um nicht über eine Wurzel zu stolpern, folge ich der Lichtquelle und höre wieder das leise Kichern von Mädchen. „Na wartet“, flüstere ich und will den Spieß umdrehen. Immer tiefer in den Wald folge ich dem Leuchten und verliere im Nebel komplett die Orientierung. Das Licht verschwindet und ich bleibe stehen. In meinem Nacken bildet sich Gänsehaut und ich bin mir sicher nicht mehr allein zu sein. Ich taste nach dem Handy in meiner Tasche und will meine Freundin anrufen, um den Spuk aufzulösen. Doch ich finde es nicht. Es muss mir auf dem Thron aus der Hosentasche gerutscht sein. Ein lautes Krachen hallt durch den Wald, gefolgt von einem bedrohlichen Knurren. Etwas Feuchtes streift mir über die Wange und voller Panik laufe ich los. Ich bleibe an einer Wurzel hängen und schlage der Länge nach auf. Ich schmecke Blut auf meiner Zunge und als ich aufstehen will, trifft mich ein harter Schlag auf den Hinterkopf.

„Guten Morgen du Schlafmütze! Heute ist der letzte Camp-Tag und die Mädchen freuen sich schon auf die Mutprobe. Los, zieht dich an, ich will dir dein Versteck zeigen, bevor alle anderen wach sind und sie auf die Idee kommen uns heimlich zu folgen“, höre ich die vertraute Stimme meiner Freundin und schlage die schweren Augen auf. Mein Kopf dröhnt und verwirrt sehe ich mich um. „Na, wieder zu viel vom Punsch genascht? Heut Nacht habe ich kurz geglaubt ich liege neben einem Bären, so laut hast du geschnarcht.“ Ihr Lachen verstärkt die Kopfschmerzen, trotzdem richte ich mich langsam auf. Verschwommene Bilder blitzen vor meinen Augen auf.
„Was für ein merkwürdiger Traum!“, denke ich und werfe die Bettdecke bei Seite. Ich trage völlig verdreckten Jeans und neben dem Bett stehen meine schlammigen Stiefel. Vorsichtig berühre ich meinen Hinterkopf und neuerlicher Schmerz schießt mir durch die Glieder.