Gipfelbasilisk

Halloween Abgekühlt

Von Phalinea

05.Morgen nach dem 8. Schattenmond
Heute hat es angefangen zu schneien. Der erste Schnee in diesem Jahr. Bei meinem Weg durch den, mir so vertrauten Tannen-Wald, konnte ich zusehen wie er lautlos auf die Erde fiel. Die ersten Kristalle, die die Pflanzen um mich herum berührten verschwanden so schnell, wie sie gekommen waren.  Ich bewunderte heute die nassen, glitzernden Überreste, die auf meinem dichten Fell zurückgeblieben sind. Ich kann es kaum erwarten, dass der Schnee endlich eine durchgehende Schicht bildet und alles in meiner Nähe unter sich bedeckt.
Ehrlich gesagt habe ich mich schon gefragt, wann es endlich so weit sein wird…. Ist schon etwas spät für dieses Jahr.

06.Morgen nach dem 8. Schattenmond
Als ich heute Morgen in meiner gemütlichen Höhle erwachte, konnte ich es ganz klar spüren. Ich konnte es beinahe riechen. Ohne auch nur einen Blick vor den Eingang wagen zu müssen, wusste ich es genau! Der Winter ist wirklich wieder zurück und mit ihm auch der lang ersehnte Schnee!
Endlich kann ich mich wieder weiter aus meinem Wald hervortrauen. Endlich wieder weiter laufen, als bis zur alten knorrigen Eiche vorne an dem großen Felsen, der aussieht als wären drei große, flache Steine aufeinander gestapelt worden.
Was genau sollte das überhaupt sein?
Viele Dinge in diesem Wald wirken auf mich eher bizarr, doch sie waren schon immer hier.
Damals als kleiner Welpe kletterte ich gerne an diesem Felsen herum, doch ich kann mich noch gut erinnern, dass er zu jener Zeit noch etwas glatter geformt war. In den Wenigen Tagen der Schneeschmelze sah ich ab und an einen Vogel vergnügt darin herumhüpfen. Doch diese gefiederten Wesen sind mittlerweile sehr selten hier anzutreffen und die Felsen sind längst rau und verwittert.

17.Morgen nach dem 8. Schattenmond
Ich merke langsam, dass mein Fell mir immer weiter entgleitet. Irgendwie passt es nicht mehr ganz und verliert an manchen Stellen an Halt und Festigkeit. Es fühlt sich an, als würde es mir zu groß und ausladend.
Es wird an der Zeit, dass ich mich auf Futtersuche begebe, da der einziehende Winter sonst mit zu vielen Entbehrungen einhergeht und ich ihn so vielleicht nicht überstehe. Und nun, wo meine Umgebung sich meiner Fellfarbe mehr und mehr angepasst hat, wird es für mich bestimmt leichter Nahrung zu finden und zu jagen.

02.Morgen nach dem 9. Schattenmond
Ich bin sehr lange gewandert. Meine Füße bereiten mir Schmerzen von dem langen Marsch. Krustige kleine Schneekugeln hängen in meinem Fell und zerren an der lockeren Haut wie kleine Gewichte. Spuren habe ich immer noch keine entdeckt. Auch keine Geräusche oder Rufe sind zu hören. Der Wald steht einfach so da. Still, Eisig, Hell, Leer.
Es kommt mir vor, als würde er mich verspotten. Die einzigen Laute die ich ab und an vernehme sind wohl die Gedanken in meinem Kopf, die langsam anfangen in meinen Ohren widerzuhallen. Es ist einfach so anstrengend mich weiter auf den Beinen und dadurch warm zu halten.
Es ist kalt. Es ist so kalt.
Aber ich muss etwas essen finden! Ich WERDE etwas finden!

04.Morgen nach dem 9. Schattenmond
Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, doch dann Das! Wie aus dem nichts drangen heute Nacht Laute durch die Kälte zu mir. Erst ganz leise und diffus, doch mit jedem weiteren Schritt wurden sie klarer und lauter! Immer noch waren keine Spuren im Schnee auszumachen, doch ich hörte sie ganz genau. Nicht weit von mir entfernt mussten sie sein. Das weiß ich!

06.Morgen nach dem 9. Schattenmond
ICH HABE SIE GEFUNDEN! In einer kleinen Felsspalte, nicht weit von hier, habe ich sie gestern gesehen. Filz-Pelze!
Sie haben sich eine Höhle in die dicke Schneedecke gegraben, die an der Felswand von dem erbarmungslosen Winterwind aufgeschichtet wurde. Leider sind es nur zwei von ihnen. Ein Alttier und ein Junges, wie es mir scheint. Es sind eigenwillig geformte Wesen mit zotteligem, filzigem Fell, welches die unterschiedlichsten Farben in sich vereint.
Sie mussten vor nicht langer Zeit einen anstrengenden Kampf überstanden haben, so wie der Pelz an einigen Stellen in Fetzen am Körper hing. Aber das sollte mir erstmal genügen, um meinem geschunden Körper wieder etwas Kraft zu schenken.
Meine Eltern erzählten mir einst von diesen Filz-Pelzen. Es müssen damals ganze Herden gewesen sein. Jeder von uns hatte genügend Nahrung, um die kalten Zyklen gut zu überstehen und auch zusätzlich noch unsere Welpen groß zu ziehen. Doch diese sind längst vorbei.
Ich werde mir ein gut getarntes Plätzchen suchen und hier warten, bis mir das Alttier unbemerkt immer näherkommt und schlage dann zu. Das sollte kein großes Problem darstellen, da es erneut anfängt zu schneien und ich somit in meiner Tarnung unterstützt werde…

07.Morgen nach dem 9. Schattenmond
Ich hatte schon völlig vergessen, wie gut es sich anfühlt endlich wieder satt zu sein! Diese wohlige Fülle im Magen. Diese Gewissheit wieder ein paar Wochen Lebenszeit gewonnen zu haben! Ja, ich hätte mir ein schmackhafteres Mahl gewünscht, doch ich bin in dieser Lage nun mal nicht wählerisch.
Ich saß die ganze Nacht im Schatten einer alten Tanne und wartete auf das Alttier. Der Hunger und Jagdtrieb brachten mich beinahe um den Verstand. Das Herz raste, der Magen knurrte, die Gedanken spielten mir Streiche. Doch dann sah ich es. Erst eine Pfote, dann die nächste. Auch diese waren bedeckt mit diesem eigenartigen Fell. Es wirkte tatsächlich sehr filzig und stumpf.
Ich ließ den Filz-Pelz ein Stück dichter kommen. Es bemerkte mich nicht.
Ohne der Umgebung auch nur einen Funken Beachtung zu schenken begann es mit seiner Suche im Schnee. Und noch ein Stück dichter. Und noch ein Stück…
In dem Bruchteil einer Sekunde packte ich es im Genick. Ich hörte das vertraute Knacken darin und sogleich erschlaffte der ganze Körper. Ich denke meine Beute wird nicht sonderlich viel davon miterlebt haben, doch für mich war es zugleich aufregendes, aber beruhigendes Geräusch.
Jetzt da ich dieses Wesen direkt vor mir hatte, musste ich mich zwingen es etwas genauer zu betrachten. Und wieder wunderte ich mich über dieses stumpfe Fetzen-Fell. Doch dann überkam mich dieser unbändige Hunger und ich konnte nicht mehr an mich halten.
Ich schlug meine Zähne in den verdreckten Pelz, um ihn mit einem gekonnten Ruck von den zarten Muskeln zu reißen. Doch als ich daran zog, geschah etwas Ungewöhnliches.
Das Fell löste sich ohne Wiederstand. Verwirrt untersuchte ich es. Meine Augen weiteten sich vor Angst, denn ich bemerkte schockiert, dass es bereits tot war…
Nicht von meinem Angriff, sondern schon vor langer Zeit…
Dieses nackte Monster hat sich mit dem alten, toten Fell anderer Waldwesen behangen, da es selbst keinen Pelz besitzt. Deswegen ist es auch schon so stumpf und abgewetzt! Wie furchtbar! Wie widerlich! Das muss man sich erstmal vorstellen!
Doch trotz aller Abscheu begann ich mit meiner Mahlzeit, da ich den Hunger nicht länger unterdrücken konnte.
Anschließend begab ich mich in die kleine Höhle im Schnee. Dort lag ja noch das Jungtier. Ein kleiner rosafarbener Wurm, ebenfalls in totes Fell gehüllt. Es lag einfach da und brüllte mich an, alle vier nackten Pfoten von sich gestreckt.
Ich war zwar schon gut gesättigt, aber einen kleinen Nachtisch konnte ich noch vertragen…..

Beitragsbild:

Foto von Karolina Grabowska von Pexels
Foto von Matej von Pexels