Gipfelbasilisk

Rosenkrieg

vo von _linda_bier_

„Garstiges Grün heute geht es dir an den Kragen!“, rief Thomas und rieb sich die Hände. Entschlossenen Schrittes trat er in den verfallenen Schuppen und zerrte an dem Rasenmäher. Wenn er mit dem Garten fertig war, brauchte er das klapprige Ding nicht mehr. Der verwilderte Garten würde ein gepflasterter Parkplatz werden. Für Gemüse hatte er keine Zeit. Er holte eine Verlängerungsschnur und steckte den Elektrorasenmäher ein. Mit einem gequälten Laut sprang er an. Voller Vorfreude betrat Thomas den Garten.

Ein leises Rascheln breitete sich unter den Blättern, Blüten und Zweigen aus. Unruhig streckten sich die Köpfchen gegen den Lärm. „Gefahr! Gefahr!“, krächzten die Raben aus dem großen Walnussbaum gegenüber. Die Kletterrose Florentina öffnete verschlafen ihre prächtigen Blüten und sah sich um. Aus dem Rascheln unter ihr wurde ein Zittern und das Wehklagen wurde vom lauten Brummen des Rasenmähers verschluckt. Die Königin reagierte sofort und streckte ihre alten, knorrigen Wurzeln aus der Erde. Sie zogen sich durch den ganzen Garten.

Krachend blieb der Rasenmäher stecken und Thomas stolperte. „Verfluchtes Gestrüpp!“ Er schnaufte laut und sah nach, was die Messer blockierte. Dicke Wurzeln ragten aus dem Boden und machten ein Durchkommen unmöglich. Wütend trat er den Rückzug an und verfrachtete den Rasenmäher mit einem Tritt in den Schuppen. Suchend sah er sich um und entdeckte eine Sense. Das Grinsen kehrte in sein faltiges Gesicht zurück und mit den rauen Fingern prüfte er die Schärfe. „Das sollte reichen!“, sagte er zu sich und stampfte in den Garten.

Schwere Stampfer brachten die Wurzeln zum Knacken und Florentina zog sich zurück. Zarte Blüten zertreten im Matsch, umgeknickte Stängel und Zweige, Pflanzensäfte, die wie Blut den Boden tränkten. Der Mensch hinterließ ein Schlachtfeld grausigen Ausmaßes. „Infanterie!“, rief die Rose mit ihrer zarten Stimme und büschelweise wuchsen die Brennesseseln und Disteln in die Höhe. Todesmutig reckten sie sich dem Feind entgegen, sanft streiften sie mit ihren Brennhaaren die nackten Beine, erwischten Arme und Hände.

„AAAHHHHH“, schrie Thomas und tränen traten ihm in die Augen. Seine Haut brannte wie Feuer und dicke Quaddeln zierten seine Beine, die Arme und seine Hände. Die Sense hatte er kaum einmal geschwungen. Es juckte und kratzte die brennenden Stellen und der Schmerz schwoll an. Die Sense flog im hohen Bogen. Thomas jammerte und flüchtete ins Haus.

Jubel wurde laut und stolz präsentierten sich die Brennnesseln, ihrer Königin Florentina. Raschelnder Applaus brandete auf und sofort kümmerten sich Schnecken, Ameisen und Würmer um die Überreste der Verletzten. Nichts blieb ungenutzt und gelangte wieder in den kleinen Kreislauf des Lebens. Doch schnell kehrte eine gespannte Stille zurück und die Kletterrose machte sich auf in die Höhe, um sich einen besseren Überblick zu verschaffen. Was sie sah, gefiel ihr gar nicht.

Mit hochrotem Kopf trat Thomas zurück in den Garten. Lange Hosen und ein Pullover schützten die verletzten Arme und Beine. Dicke Handschuhe zierten die Hände. Er trug sogar eine Mütze und eine Schutzbrille. Jetzt konnten ihm die grünen Teufel nichts mehr anhaben! Zurück im Schuppen, warf er alle unnützen Gegenstände hinaus, Schaufeln, Scheren, Eimer, ein Hocker, die Schubkarre landete auf einem Haufen Schrott. Das brauchte er eh nicht länger. Unter dickem Staub vergraben, fand er einen verbeulten Kanister. Er hob ihn hoch und schüttelte. Eine Flüssigkeit schabte auf und ab. Ungeschickt öffnete er den Verschluss und steckte die Nase in die Öffnung. „Das ist es!“, rief er und lachte. Das Lachen schwoll an, steigerte sich und Thomas hielt sich den Bauch. Er musste Husten und fing sich wieder. In seinen Augen loderte die Vorfreude. Fröhlich pfeifend verließ er den Schuppen und schlenderte am Rand des kleinen Gartens entlang.

Was sollte sie nur tun? Die Pflanzen vertrauten ihr. Viele Winter hatte sie überstanden, war von Jahr zu Jahr gewachsen und ihre Blüten verströmten einen herrlichen Duft. Der lockte unzählige Bienen an und so sorgten ihre Nachbarn für eine reiche Ernte im Herbst. Sie konnte nicht länger zusehen und zulassen, dass dieser Mann ihr Zuhause zerstörte. Entschlossen streckte sie ihre knorrigen Zweige aus. Löste sich von der Rank-Hilfe, die sie all die Jahre fest umschlungen hatte und dank der sie den halben Garten überdachte. Sie ließ sich fallen und bat die Pflanzen, am Boden sie abzustützen. Als die Himbeeren und Brombeeren erkannten, was die Königin vorhatte, lösten sie sich von ihren Stützen und verwebten ihre dornigen Zweige mit denen von Florentina. Und so bildeten sie ein undurchdringliches Netz aus spitzen Dornen.

Thomas, von Beruf ein Bauunternehmer, wollte sich mit diesem Häuschen sein Lebensabend sichern. Er war es Leid quer durch das Land zu reisen, in schlechten Hotels zu schlafen und Tag für Tag im Staub der Baustellen zu stehen. Von seinem Erfolg hatte er sich zunächst das Haus gekauft und nach Abschluss des letzten Auftrages, würde endlich der Porsche folgen. Er sah die luxuriöse Garage schon vor sich: klimatisiert mit eigener Hebebühne. Er würde den Wagen selber restaurieren. Doch dazu musste der Garten weichen. Seine Vorgängerin hatte ihn verwildern lassen. Wer weiß, was darin alles hauste? Nein, die Unordnung hatte jetzt ein Ende und so verteilte er mit einer Sprühflasche, großflächig das alte Benzin. Brennen sollten sie, brennen! Er machte einen Schritt in den Garten und blieb an den spitzen Dornen der Rose hängen. Blutige Striemen zogen sich über seine Haut und wieder flammte der Schmerz auf. Er biss die Zähne zusammen und verzog seine Lippen zu einer hässlichen Fratze. Er kramte nach dem Feuerzeug und hielt es triumphierend in der Hand: „Das ist euer Ende!“

Schreie wurden laut, als die Pflanzen erkannten, womit der Mensch sie besprenkelte. „Nehmt eure Wurzeln in die Blätter und flieht!“, rief die Rosenkönigin aus all ihren Blüten. Unter ihrem schützenden Netz brach das Gewusel aus. Knollen, Wurzel und selbst der Salat zogen ihre frischen Blätter in den Boden zurück. Gänseblümchen und Klee nutzen ihre Wurzeln wie kleine Beine und flohen. Das Moos gab das gespeicherte Wasser frei und versuchte, die Erde zu tränken. Die Brennnesseln kappten ihre Lebensadern und würden im Nachbargarten neu austreiben. Doch viele tapfere Blütenpflanzen regten sich trotzig gen Himmel. Sie erhoben sich wie ihre Königin und wollten gemeinsam mit ihr sterben. Der Löwenzahn pustete seinen Samen so weit weg, wie er konnte, und da kam der Rose eine Idee: Sie öffnete ihre Blütenblätter und setzte ihren betörenden Duft frei. Die anderen taten es ihr gleich und wenige Sekunde später, hörte sie schon das vertraute Summen. Bienen hassten Feuer und ihr Stock stand direkt nebenan. Sobald die Arbeiterinnen die Gefahr sahen, würden sie ihre Königin und den Stock, um jeden Preis beschützen.

Thomas kicherte, wie ein kleiner Junge, der wusste, dass er etwas Gefährliches tat. In der rechten Hand hielt er das Feuerzeug und in der Linken eine Dose Insektenspray. Hochentflammbar stand darauf und hatte ihn auf eine Idee gebracht. Falls das Benzin schon zu alt war, sollte der improvisierte Flammenwerfer helfen. Er hatte die Gartenhandschuhe, gegen die feuerfesten Grillhandschuhe getauscht und trat aufgeregt von einem Bein auf das andere. Der süße Duft der Rose kitzelte in seiner Nase und er musste niesen. Er entdeckte die vielen Bienen und Wespen, die von der plötzlichen Duftwolke angezogen wurden, und freute sich noch mehr. Er hasste die Viecher und würde es genießen, sie ebenso in Flammen aufgehen zu sehen. Thomas sah auf die Uhr. 12:30 Uhr, es war Samstag und die meisten seiner neuen Nachbarn waren bei der Arbeit oder saßen am Mittagstisch. Sein Feuer würde also eine Weile unentdeckt bleiben und wenn doch, war es eh schon zu spät und die Arbeit vollbracht. Seine Hände zitterten vor Aufregung. Das Feuerzeug klickte und die kleine Flamme schoss daraus hervor. Dann zuckte er mit den Schultern und drückte auf den Knopf der Spraydose.

„Feuer! Feuer!“, krächzten die Raben, die über dem kleinen Garten kreisten. Susi erschrak und taumelte. Dicke Pollen klebten an ihren Beinchen und brachten sie aus dem Gleichgewicht. Die Rosenkönigin hatte zu Buffet gerufen und der ganze Stock war der Einladung gefolgt. Sie hatten tausende kleine Mäuler zu stopfen. Die nächste Generation. Der Tautropfen, von dem sie trinken wollte, schmeckte bitter. Susi überlegte einen Moment. Irgendwoher kannte sie doch diesen Geschmack? Dann spürte sie eine Hitzewelle in ihrem Rücken und grausige Bilder blitzen in ihrem Gedächtnis auf. Der Bienenstock in Flammen. Dichter Rauch und brennende Schwestern. Panisch flog sie auf die Quelle der Hitze zu und schätze die Entfernung zum Stock ein. Das würden sie nicht überleben! Mutig warf sie die schweren Pollen ab und warnte jede Biene und sogar die Wespen, die sich ohne Einladung am Buffet bedienten. Noch war es nicht zu spät. Sie legte die Flügel an und stürzte hinter dem Menschen in die Tiefe. Sie hatte nur diesen einen Versuch.

Thomas ließ das Feuerzeug in seiner Hosentasche verschwinden, als er einen Stich an seinem Hals spürte. Mit der flachen Hand schlug er zu und etwas Pelziges fiel zu Boden. Seine Augen weiteten sich. „Verfluchter Mist!“, schrie er und ließ die Dose fallen. Die Stichflamme erstarb. Er streifte die Handschuhe ab und tastete nach dem Stich. Schweiß trat ihm auf die Stirn und in seinem Mund begann es zu Kribbeln. Sekunden später schwollen seine Augen und seine Lippen an. Er bekam keine Luft und röchelnd ging er in die Knie. Thomas war hochallergisch gegen Bienenstiche. Panisch hob er die Hände und versuchte um Hilfe zu rufen. Ein leises Wimmern, mehr brachte er nicht zu Stande. Niemand konnte ihn hören und keiner der Nachbarn war zu sehen. „Mittagspause.“, dachte er und seine Augen schlossen sich ganz.