Gipfelbasilisk

Tagebuch eines Vampirs

Von Gipfelbasilisk

Wenn ihr diese Zeilen lest, dann sucht ihr immer noch nach mir. Ihr werdet mich nicht finden, aber ich werde euch erzählen, was mit mir passiert ist.

15.10.2021 Michael

Mal wieder sitze ich an meinem Schreibtisch, mitten in der Nacht und schreibe. Erneut dieser Traum. Ein Mann in Kleidung, die aus der englischen Viktorianik stammet, liegt in einem Sarg. Sein Gesicht ist weder verrottet, noch wirkt er sonderlich alt. Er hat harte kantige Gesichtszüge und einen gepflegten Bart, welcher seinen Mund umspielt. Ich habe den Traum von dem Mann jetzt schon seit einigen Monaten. Er endet immer damit, dass er die Augen öffnet und seinem Grabe entsteigt. Er ist hochgewachsen und seine Statur zeichnet sich elegant vor dem klaren hellen Vollmond ab. Hinter ihm steht ein Grabstein, welcher ein Skelett in Kutte mit Lampe zeigt. Wenn er seine Augen öffnet, leuchten sie saphirblau. Er spricht und seine tiefe Stimme schickt eine wohlige Gänsehaut durch meinen Körper und ich erbebe. Er ruft mich zu sich und ich renne zu ihm, aber erreiche ihn nicht. Der Schlaf verschwindet und ich erwache schweißgebadet. Ach wenn doch es nur kein Traum wäre. Endlich mal ein Abenteuer! Ausbrechen aus dem Alltag …

16.10.2021 Joseph

Mehrfach täglich sortiere ich meine Gedanken, wie in einem Tagebuch. Schon seit mehr als einem Jahrhundert liege ich in dem kalten Grab und träume von der Welt dort oben. Ich habe nicht sonderlich viel zu tun, denn ich bin gefangen in einem Sarg, durch den Fluch einer Hexe. Verschmähte Liebe band mich an diesen Ort. Gezwungen darauf zu warten, durch die Zuneigung eines Menschen erweckt zu werden. Ich sehe, die Welt und wie sie sich in all den Jahren veränderte. Ohne das ich daran teilhabe. Zur Bewegungslosigkeit verdammt. Kein vor, kein Zurück, keine Veränderung. Aber ich beobachte sie und lerne, für den Tag, an dem ich aus meinem Grab errettet werde.
Ich grolle ihr schon lange nicht mehr, sie hatte getan, was sie für richtig hielt, und wäre ich an ihrer Stelle gewesen, vermutlich hätte ich ebenso gehandelt. Seit Jahren fragte ich mich, wie nur kann ich die Liebe eines Menschen gewinnen? Bis eines Tages mich die Erkenntnis ereilte, dass ich sie in ihren Träumen besuchen kann. Ich beobachtete sie. Vor einigen Monaten blieb mein Blick an einen Mann hängen. Ich hätte nie gedacht, dass mich einmal für ein Wesen des eigenen Geschlechts interessiere, aber er war anders. Irgendetwas fasziniert mich an ihm. Ich beobachtete wie er durch einen Park schritt.
Er blieb stehen und hob vom Boden eine winzige Raupe auf. Jeder andere wäre vermutlich an diesem kleinen zerbrechlichen Wesen vorüber gegangen oder hätte es totgetreten, aber er hob es auf, ganz sanft und setzte sie in einen Busch. Mir viel immer mehr auf, wie er auf die Kreaturen, welche in seiner Umgebung lebten, acht gab. Die meisten der Menschen zertraten sie, kreischten oder beschrieben sie, insbesondere Spinnen, als ekelhaft. Aber er, er behandelte sie wie gleichwertige Wesen, die jedes Recht hatten, auf der Welt zu sein wie du und ich. Das fasziniert mich. Ich beobachtete ihn immer öfter. Ich komme mir dabei wie ein Voyeur vor. Ich hatte beschlossen, ihm Träume von mir zu schicken. Ich wollte ihn und ich spürte, dass sie ihm nicht unangenehm waren. Er versuchte, mich zu erreichen, aber schaffte es nie. Ich kann nur hoffen, dass er die Träume versteht und sich so nach mir sehnt, dass er bereit ist mich aus meinem kalten Gefängnis zu befreien.

20.10.2021 Michael

Ich habe den ganzen Tag über die Friedhöfe der Stadt abgeklappert. Abends kurz vor Schließung, konnte ich dann mit einem Friedhofswärter sprechen, der das Tor schloss. Ich berichtete ihm, dass ich einen Friedhof mit einem alten Grabstein suche, der die Form eines Skelettes hat, welches in einer Kutte gekleidet eine Laterne trägt. In dem Moment fiel mir ein weiteres Detail des Traumes ein, dem ich nie große Beachtung geschenkt hatte. Den Sockel der Statue ziert ein Löwenkopf. Der Wärter grübelte kurz und meinte, dass es so einen Grabstein auf dem alten Teil des Stadtfriedhofes gäbe, der wäre nur nicht mehr zugänglich. Das juckt mich aber nicht, endlich hatte ich einen Anhaltspunkt, ich wollte wissen, ob mein Traum echt war oder nicht. Auch wenn es offensichtlich ein Traum sein muss, denn was mache ich mir vor? Einen hübschen Unbekannten, der in einem kalten Grab auf mich wartet? Sowas gibt es nur in schlechten B-Movies, noch schlechteren Pornos oder in Büchern von Anne Rice. Wobei Letztere nicht so übel waren. Aber ich habe endlich einen Anhaltspunkt und das alleine lässt mein Herz schneller schlagen. Es musste einfach etwas an der Sache dran sein.

25.10.2021 Joseph

Inzwischen besuche ich ihn in jeder Nacht, beobachte seine Träume, die sich nur um mich drehen. Ich spüre seine Sehnsucht nach mir und auch ich will ihn endlich in meine Arme schließen. Etwas übermütig, konnte ich mich nicht zurückhalten und versuchte, ihn im Geiste zu berühren. Die Enttäuschung, dass ich nichts spürte, war ein Rückschlag, mit dem ich lange kämpfen werde. Heute war er dann an meinem Grab. Er weinte, er wollte nicht wahrhaben, dass es existiert. Der Glauben an übernatürliche Dinge ist in seiner modernen Welt nicht mehr so verbreitet.
Er berührte den Grabstein und ich erbebte. Eine erste Regung des Körpers, nach so langen Jahren der Starre und des Stillstands. Blutige Tränen liefen mir über das Gesicht. Es war, als würde er mich direkt berühren und nicht den kalten Stein. Es nährte meine Ungeduld, welche von Tag zu Tag wuchs.

27.10.2021 Michael

Nachdem ich das Grab gefunden hatte, war das Recherchieren der Geschichte ein Klacks. In der Kirchenchronik zu dem alten Stadtfriedhof konnte ich einige Unterlagen finden, die auf die Spenderin des Grabmals und den Verstorbenen schließen ließ. Als ich die Namen hatte, war alles Weitere einfach. Die Erbauerin war eine reiche Adlige, die 1837 die Krypta für ihren verstorbenen Geliebten hat errichtete lassen. Sie soll so in Liebe zu ihm entbrannt gewesen sein, dass sie für ihn, ihren Ehemann verließ. Er war ein Schusterjunge, welcher bei seinem Meister in der Lehre stand. Joseph war sein Name, einen Nachnamen konnte ich nicht finden. Sie sollen sich kennen gelernt haben, als er für seinen Meister Stiefel auslieferte. Sie wollte ihn für sich. Aber er liebte sie nicht und dann wird es seltsam. Er wurde von einem Tag auf den anderen krank und starb eines raschen Todes. Ich war froh, dass so ein Verhalten damals skandalös war, sonst hätte ich vermutlich nie einen Bericht darüber gefunden. Manche Dokumente bezeichneten sie als Hexe, die rasche Erkrankung als ihre Rache an ihm. Es ist schon komisch, was Menschen glauben. Ich suchte weitere Unterlagen. Die alte Archivarin, die mir die Sachen aus dem Archiv brachte meinte dass es nicht mehr Unterlagen dazu gäbe.. Als ich sie auf das Grabmal ansprach, sagte sie, sie habe von ihrer Mutter immer eine Gruselgeschichte erzählt bekommen, dass einstmals ein junger Mann von einer Hexe verzaubert wurde und seit dem in seinem Grab darauf wartet erlöst zu werden. Wenn sie sich recht erinnerte, lag der Mann in der Geschichte immer unter einem solchen Grabmal. Sie erzählte mir bereitwillig, dass seine Begräbnisstätte mit einem Löwen markiert sei. Genau wie das, welches ich suchte. Wenn eine Frau in wahrer Liebe zum Verstorbenen entbrannt ist, müsse sie ihr Blut ins Maul des Löwen träufeln, woraufhin der Bann gebrochen wäre, und der Ruhende seinem Grabe entsteigen würde. Es hätte grausame Konsequenzen für die Jungfer, sie würde zu etwas anderem werden, aber ewiglich mit ihrem Liebsten zusammensein. Sie fügte hinzu, dass sie sich die Geschichte nur gemerkt hatte, weil sie sie romantisch fand. Aber ich hatte nun einen Anhaltspunkt. Vielleicht wird es funktionieren. Was denke ich da, bin ich irre? Es ist doch alles nur ein Traum, warum nehme ich ihn überhaupt ernst. Aber ich muss es wissen. Solche Rituale führt man ja immer an besonderen Tagen durch. Zu Samhain, wo der Schleier zwischen den Welten dünn ist, will ich es wagen. Zudem steht dann wie in meinem Traum, von ihm, auch der Vollmond am Himmel. Ich hoffe nur, dass es egal ist, dass das Blut nicht von einer Frau stammt.

31.10.2021 Joseph

Heute, heute ist es so weit. Ich spüre es. Ich hab ihn in den letzten Tagen und Nächten kaum eine Sekunde aus den Augen gelassen. Nachts brauchte ich ihm keine Träume von mir zu schicken, seine Gedanken kreisten nur um mich. Ich spürte seine Wollust und musste grinsen, er will mich mit Haut und Haar. Und dieser Gedanke ist mir nicht unangenehm. Im Gegenteil ich will ihn auch. Zu meiner Zeit durfte man sowas nicht denken, aber heutzutage? Auch wenn es Menschen gibt, die anders denken, ist es dennoch normal. Die Nacht bricht über uns hinein und der Vollmond steht schon hoch oben, als er an mein Grab tritt. Er zittert, er sieht so zerbrechlich aus. Hoffentlich gelingt es ihm. Er berührt sanft den Grabstein und flüstert mir schöne Dinge zu. Dann nimmt er sein Messer, ritzt sich in die Hand und presst sie in das Maul des Löwen. In dem Moment beißt der alte Steinkopf zu. Angst tritt in seine Augen, er will die Hand zurückziehen, aber der Gedanke an mich lässt ihn verharren. Das Blut, sein Blut tropft durch ein kleines Loch des bleiernen Sargdeckels über mir und auf mein Gesicht. Es läuft direkt in meinen Mund und ich schlucke. Eine erste bewusste Handlung. Ich spüre, wie die Lebensgeister erwachen. Ich erbebe, lecke nach dem Blut, trinke mehr und kann meinen Körper wieder wahrnehmen, mich regen. Ich behalte ihn immer Blick. Noch geht es ihm gut, aber ich will nicht, dass ihm weiteres Leid zugefügt wird. Ich spüre, wie eine Veränderung in mir vor geht, und verliere ihn aus den Augen. Ich fühle mich wieder stark, so stark wie früher. Jetzt muss ich hier nur raus kommen. Ich presse mit den Beinen gegen den Deckel des Sarges und er gibt sofort nach. Ich muss mich nicht einmal anstrengen. Der Raum, der sich mir öffnet, ist eine dunkle enge Krypta. Zum Glück lag ich nicht unter der Erde. Vermutlich hätte ich den Sarg sonst nicht öffnen können. Ich renne zum einzigen Ausgang, den ich wahrnehmen kann. Es ist dunkel, aber trotzdem kann ich sehen, als ob es taghell ist. Es ist definitiv eine Veränderung in mir vorgegangen, so etwas konnte ich früher nicht. Eine enge Wendeltreppe führt nach oben. Ein altes verrostetes Gitter versperrt den weiteren Weg. Ich presste mich verzweifelt gegen das Tor und obwohl es starr in den Angeln hängt, schnellt es auf. Licht sticht mir in die Augen, als ich aus der Dunkelheit trete. Wieso war es Tag, wie lang habe ich gebraucht um mich aus meinem Gefängnis zu befreien? Und die wichtigste Frage, wo ist er?

02.11.2021 Michael

Hat es geklappt? Ich weiß es nicht. Der Biss des Löwen war unbarmherzig. Irgendwann bin ich dann zusammengebrochen. Ich spürte, dass jemand mich aufhob und das Nächste, was ich wahrnahm, waren weiße Wände. Ich versuche, meine Arme zu bewegen, aber sie sind am Bett fixiert. Eine Binde ist an meiner Hand, ich fühle keinen Schmerz in ihr. Mein ganzer Körper brennt, das Licht sticht mir in den Augen. Ich hebe den Kopf. Aber ein Mann in weißem Kittel drückt mich zurück ins Bett.
„Bleiben sie liegen, wenn man sie nicht gefunden hätte, dann wären sie verblutet.“
„Was?“
„Wieso haben sie versucht, sich umzubringen, Mr. Langley?“
„Umbringen? Ich wollte mich nicht töten! Der Mann ignorierte meine Worte.
„Die Wunde an ihrer Hand, es gibt definitiv einfachere Wege, sie bleiben bis auf weiteres hier in der Verwahrung, der Psychiater wird sich bald bei ihnen melden.“
Der Mann dreht sich um und verlässt das Zimmer. Verwirrt schaute ich ihm hinterher. Was ist nur passiert? Hat es geklappt? Wenn ja, wo war Joseph dann? Sucht er nach mir? Weiß er überhaupt von mir? Quatsch er muss von mir wissen, er hat mich doch zu sich gerufen. Der Löwe, er hatte definitiv zugebissen, das habe ich mir nicht eingebildet.
Ich schlafe wieder ein. Die Stunden vergehen. Menschen in Kitteln kommen, sprechen mit mir und gehen. Ich ignoriere sie. Sie alle gehen davon aus, dass ich mich umbringen wollte. Später kommt meine Mutter und macht mir schwere Vorwürfe. Auch sie ignoriere ich. Sie schreit mich an, bis ein Pfleger sie rausführt.
Wo ist er nur? Ich habe durst, aber das Wasser an meinem Bett stillt ihn nicht. Es wird Abend und dann höre ich Stimmen von draußen. Sie müssen am anderen Ende des Flurs stehen. Ich rieche Aufregung. Wie kann ich das alles Wahrnehmen?
„Lassen sie mich durch, ich muss zu ihm.“
Ist er es? Das ist doch seine Stimme, Josephs Stimme. Schlagartig bin ich wach.
„Wer sind sie? Gehören sie zur Familie?“
„Er gehört zu meiner Familie.“
„In meinen Unterlagen sind aber keine weiteren Verwandten verzeichnet bis auf seine Mutter. Sir sie können nicht. Sir…
Dann ein Knall, stapfen und die Tür zu meinem Zimmer fliegt auf.
Joseph steht im Rahmen, seine Haare sind wild verwuschelt, aber ansonsten sieht er so aus wie in den Träumen. Sein Blick taxiert mich und er eilt an mein Bett.
„Was haben sie dir angetan?“, fragt er. Ich lese Angst in seinen saphirblauen Augen. Ich sehe sie nicht nur, ich rieche sie. Seit wann kann ich sowas?
„Hallo!, ist das Einzige, was mir als Antwort in den Sinn kommt. Ich lächle, es gibt ihn wirklich. Im Hintergrund höre ich, wie sich der Pfleger langsam aufrichtet und etwas in sein Walkey Talkie spricht.
„Ist alles in Ordnung bei dir? Du wirkst verwirrt“, sagt er und legte seine Hand auf meinen Arm. Ich zuckte zusammen, ein Kribbeln durchzieht meinen ganzen Körper.
„Du bist echt? Ich habe mir das alles nicht eingebildet?“
„Ich bin endlich hier, das siehst du doch und spürst du auch und ich werde dich jetzt hier rausholen!“
Ich höre, wie die Fahrstuhltür am Ende des Ganges aufgeht und zwei Männer mit schnellen Schritten näher kommen. Hinter ihm treten zwei Polizisten in den Raum.
„Sir können wir einen Moment mit ihnen sprechen?“
Joseph dreht sich um und knurrt die beiden Uniformierten wütend an. Diese zucken zurück, gehen aber nicht.
„Sir, Sie können nicht einfach einen Pfleger niederschlagen und hier reinspazieren.“
„Doch kann ich!“, knurrt er. „Und jetzt lassen sie uns in Ruhe, ich will meinen Partner mit mir nehmen.“
„Joseph, hör auf die beiden, man wird sich hier um mich kümmern und in ein paar Tagen, komme ich raus und dann können wir endlich zusammen sein.“
Er schaut mich an. Sein Blick wirkt wie der eines ausgehungerten Tieres und ich rieche Angst, da wird mir klar, er wird nicht gehen. Er ist hier, um mich zu holen, und er wird nicht gehen. Er wird immer bei mir bleiben, wie es die Archivarin sagte. Aber das heißt, dass auch der andere Teil der Geschichte wahr ist und ich mich verändere. Das erklärt meine veränderten Sinne.
„Ich habe 180 Jahre gewartet, ich werde keinen weiteren Tag meines Lebens vergeuden“, sagt er und will meine Fesseln lösen.
Die Polizisten treten einen Schritt näher, und einer der beiden wagt es eine Hand auf Josephs Schulter zu legen. Joseph reißt reflexartig an dem Arm und das Schultergelenk des Polizisten knackt laut. Der Polizist schreit. Der andere Polizist zieht seine Waffe, aber Joseph springt auf ihn und beißt ihm in den Hals. Blut besudelt sein ganzes Gesicht. Er knurrt animalisch. Ich rieche Hunger, Lust und Verlangen. Sein Verhalten macht mir Angst, aber etwas in mir schreit auf vor Freude, als ich das Blut sehe. Es riecht so gut. Der Durst wird immer fordernder. Was sind das für Gedanken und Gefühle? Der erste Polizist rappelt sich auf und zieht seine Waffe. Joseph ist ganz in dem Hals des anderen Polizisten verbissen und merkt es nicht. Reflexartig spanne ich meine Muskeln an und reiße mich vom Bett los. Ich springe auf den überraschten Polizisten und vergrabe meine Zähne in sein Fleisch. Was ist nur mit mir passiert? Schockiert lasse ich ab, nur um mich vom Durst überwältigen zu lassen und wieder nachzusetzen.
Joseph dreht sich zum Bett um und sein Blick sucht mich. Schlürfend über mein Opfer gebeugt schaue ich ihn an. Er lächelt mich mit seinem Blutverschmierten Gesicht an und seine Augen leuchten, wie die eines Kindes an Weihnachten?
„Du bist wie ich? Warum?“
„Ich weiß es nicht?“ Der Polizist gleitet mir schlaff aus den Händen und ich stehe auf. Mein Krankenhauskittel ist blutgetränkt.
Auch er lässt von seinem Mahlzeit ab und tritt mir gegenüber. Ich spüre eine Anziehung, wie ich sie nie zuvor erlebt habe. Sein intensiver Blick, bringt meinen Puls zum Rasen. Dann presst er mich gegen die Wand und seine Lippen finden meine. Ich lasse meine Hände über seinen festen Körper wandern, ziehe ihn näher zu mir heran und spüre seine Erregung. Mein Herz pocht wie wild in meiner Brust und mir entfährt ein Stöhnen, als er sich plötzlich von mir löst. Er lächelt und schüttelt sanft den Kopf „Nicht jetzt. Wir werden viel Zeit haben um herauszufinden, was mit dir passiert ist und noch mehr Zeit um …“, er bricht ab und lächelt wollüstig, „aber fürs Erste hole ich dich hier raus.“
Von draußen werden die Schreie nach Hilfe immer deutlicher und ich höre, wie sich am anderen Ende des Flures erneut der Fahrstuhl öffnet und mindestens vier weitere Menschen den Fahrstuhl verlassen. Alles ist noch lauter und deutlicher geworden, seit ich getrunken habe. Er schlingt seine Arme um meine Hüften und zieht mich mit sich aus dem Fenster. Ich schreie überrascht auf und denke, das können wir nicht überleben, aber bevor wir auf den Boden einschlagen, verlangsamt sich unser Fall und wir kommen sicher unten auf.

30.11.2021 Michael

Über das was in den folgenden Wochen passierte decke ich den Mantel der Verschwiegenheit. Ein Gentleman genießt und schweigt. Aber so viel. Dies ist der erste und der letzte Eintrag meines neuen Lebens. Joseph hat mir erzählt, was mit ihm passiert war. Ich habe alles, auch meine Gedanken aus meinem alten Tagebuch der letzten Monate, in diesem Buch zusammengefasst. Das Leben mit ihm ist wie ein Traum. Die Zeit rennt nur so dahin. Wir schlafen nicht, wir essen nicht, wir trinken nur. Am Anfang machte es mir Probleme, aber inzwischen … Ich muss nicht töten. Es findet sich immer jemand, der für eine Blutspende bereitsteht. Ihr wisst ja nicht, wie viele Vampirgroupies es da draußen gibt. Ihr habt nun alles gelesen, was ich euch zu sagen habe. Also bitte beendet eure Suche nach mir, ich bin glücklich in meinem neuen Leben, denn ich teile es mit ihm. Lasst mich sein, wie ich nun bin. Jedes Wesen auf dieser Welt hat ein Recht zu leben, selbst wenn es ein Wesen der Nacht ist…

Beitragsbild von: Foto von Arianna Jadé von Pexels