Überleben auf Messen – Introvertiert-Edition.
Jubel, Trubel, Heiterkeit – aber du als introvertierte Person siehst bei einem großen Event wie einer Buchmesse auch zig Herausforderungen? Ich versteh dich, denn mir geht es nicht anders. Darum teile ich mit dir heute meine Tipps, wie das Überleben auf Messen gelingt. Wie bereite ich mich vor? Wie sieht mein Notfall-Kit für unterwegs aus? Welche anderen Best Practices hab ich im Laufe der Zeit noch entwickelt? Ich verrate es dir – lies einfach weiter!
Welche Herausforderungen bringen Messen für Introvertierte mit sich?
Für die meisten Introvertierten sind wahrscheinlich die großen Menschenmassen und die enorm vielen Reize, die ungehemmt auf einen einströmen, das, was sie stark herausfordert. Gerade wenn du aber – so wie ich – auch noch neurodivergent bist, kommen da einige weitere Faktoren hinzu. Um dich also für ein solches Event zu wappnen, ist es super wichtig, dass du deine eigenen Baustellen kennst.
Für mich persönlich sind folgende Punkte besonders schwierig:
- viele Menschen
- sehr hohe Lautstärke
- starke, olfaktorische Reize
- viel Socializing und Gespräche
- Termindruck auf der Messe
- Headspace für Absprachen behalten

Gerade bei den Eindrücken ist das Spektrum aber weit. Manche sind eher überfordert von dem Gedränge und dem dauerhaften mechanischen Reiz. Andere sind visuell total überlastet von Lichtern, Farben, Bewegungen usw. Und da spreche ich noch nicht von den vielen weiteren Mental Health Themen, die hier ebenfalls reinspielen können.
Um diesen Herausforderungen also entgegenzutreten, braucht es einen guten Plan. Ich hab mir meine Maßnahmen im Laufe der Zeit zusammengetragen, auch im Austausch mit einigen Kolleg*innen und Freund*innen. Und das wäre schon vorab mein erster Rat: Sprich über deine Sorgen. Damit fällst du niemandem zur Last, sondern bittest einfach nur um Unterstützung, um ebenfalls Teil von einem solchen tollen Ereignis sein zu können. Denn das hast du auf jeden Fall verdient, wenn du Lust drauf hast!
1. Die richtige Vorbereitung ist alles
Beginnen wir beim Gepäck. Ich bin ein Freund davon, mir Klamotten so einzupacken, dass ich für die jeweiligen Tage bereits genau weiß, was ich anziehen werde. Zusätzlich habe ich aber immer noch Extra-Kleidung dabei, denn ich weiß, dass ich mich im Trubel schnell mal beklecker oder auch einfach mal was im ungünstigsten Moment kaputtgehen kann. Darum: Better Safe Than Sorry!
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Mein Tipp: Das Wetter ist mir tendenziell beim Packen egal, denn ich bin ja meist mit eigenem Auto vor Ort. Wenn du aber mit den Öffis unterwegs bist, lohnt sich definitiv der Blick vorab auf den Wetterbericht.
Als Nächstes schreibe ich mir einen möglichst detaillierten Ablaufplan für die Messe. Wann steh ich auf, wann fahr ich los, wann macht die Messe auf? Habe ich Termine oder Lesungen? Wann muss ich wo sein? Wo sind die Stände, die ich besuchen will? Wie komme ich hin? Ich notiere mir also Standnummern, Hallen und ggf. sogar noch, wie viel Zeit ich für den Weg einplane. Bei einer Messe wie der BuchBerlin ist das nämlich noch recht entspannt handelbar. Aber bei der LBM kannst du schon mal echte Schwierigkeiten haben, rechtzeitig einen Treffpunkt zu erreichen.
Sehr praktisch ist es darum, sich vorab einen guten Überblick über das Gelände zu verschaffen. So präge ich mir z. B. schon einmal die Wege zur Food Corner oder den Sanitäranlagen ein. Potenzielle Pausenplätze werden ebenso mental vermerkt und im Tagesplan mit eingetaktet. Und natürlich gilt das auch für die An- und Abfahrten, denn diese Strecken genauso vorzubereiten gibt mir Sicherheit.
Apropos Auto: Das packe ich immer schon möglichst vor dem eigentlich Anreisetag. So habe ich keinen großen Stress mehr, kann nichts in der Hektik vergessen und mich dafür ganz auf die Fahrt konzentrieren. Im Idealfall habe ich nicht mal den Aufbau am Anreisetag, um mich dann vor Ort erst einmal zu akklimatisieren. Druck aus solchen Events rauszunehmen, wo es nur irgendwie möglich ist, hilft mir enorm. Dazu packe ich mir übrigens auch immer Freizeitgestaltung mit ein (Buch, Tablet mit heruntergeladenen Serien usw.). Denn ich muss zwischendurch bewusst abschalten, um Kraft zu tanken.

2. Überleben auf der Messe
Um als introvertierte Person eine Messe zu überleben, sind deine Grundbedürfnisse (in Anlehnung an den zuvor ermittelten Herausforderungen) entscheidend. Die müssen wir nämlich immer gut im Auge behalten, um uns nicht zu viel abzuverlangen. Essen, Trinken, Klamotten, Regulierungsmöglichkeiten, Medikamente – darum geht es jetzt!
Das leibliche Wohl auf Messen

Besonders wichtig ist auf jeden Fall das Trinken. Ich packe mir immer eine Wasserflasche mit ein, die ich dann ggf. wieder auffüllen kann. Achtung: Du musst dazu unbedingt die Richtlinien der Veranstaltungsorte genau lesen. Einige erlauben zum Beispiel nur eine bestimmte Maximalgröße oder kein Glas.
Zudem habe ich immer ein paar Bonbons in der Tasche. Zum einen, um die Stimme trotz vielem Sprechen gut zu schmieren, zum anderen, um den potenziellen Kaffeeatem zu bekämpfen. Ergänzend dazu gibt es bei mir immer ein paar Komfort-Süßigkeiten für den Notfall: Haferriegel gehen da zum Beispiel sehr gut, genauso wie ein bisschen Schoki.
“Richtiges” Essen nehme ich nicht mehr auf Events mit, denn inzwischen finde ich als Vegetarier bzw. Veganer eigentlich auch immer gut etwas vor Ort. Und im Zweifel gehen eben die Messepommes – hier gibt es übrigens meiner Meinung nach die besten auf der LBM!
Ein Messe-Outfit zwischen Style und Komfort
Kleidung ist immer auch ein Statement. Auf einer Messe möchte ich natürlich professionell wirken, für mich ist das ja meist Business. Gleichzeitig muss es aber bequem sein, denn ich bin hier wirklich super lange auf den Beinen. Da brauch ich keine engen, kratzenden oder schweren Stoffe.
Mein Weg ist darum, mein eigenes Merch zu tragen. Das ist absolut comfy, aber gleichzeitig die ideale Werbung für meine Bücher. Untenrum trage ich weiche Turnschuhe, die ich dann zum Teil hinterm Stand sogar ganz ausziehe. Aber Achtung: Dann unbedingt lochfreie Strümpfe tragen – und wer hat, am besten witzige Motivsocken!
Sollte es kalt werden, habe ich einen Pullover im Rucksack (keine Umhängetasche, dein Rücken wird es dir danken!). Aber um ehrlich zu sein, ziehe ich den wirklich selten über, denn mir ist meistens eh immer viel zu warm. Trotzdem – haben ist besser als brauchen!

Das Notfall-Kit für den Fall der Fälle
Kommen wir zum eigentlichen Herzstück, wie ich als introvertierte Person eine Messe überlebe: meinem Notfall-Kit. Damit meine ich die Dinge, die mir helfen, wenn ich an meine Grenzen komme. Dazu gehören zum Beispiel Fidget Toys, wobei ich zu eher unauffälligen greife, wie einem Ring am Finger oder einem Gummiband in der Hosentasche.
Da ich häufig mit Gerüchen Probleme habe, ist auch eine Packung Fisherman’s Friends immer dabei, denn ihr scharfes Aroma vertreibt andere unwillkommene Eindrücke zum Glück verlässlich. Ein Deo (Roller, nicht Spray!) ist aus dem gleichen Grund dabei. Für ein wenig optische Frische habe ich zudem noch Taschentücher und Mattspray fürs Gesicht einstecken.
Denkt außerdem unbedingt an eure Medikamente! Ich gehe zum Beispiel nicht ohne meine Migräne-Tabletten aufs Messegelände, damit ich immer schnell reagieren kann, falls sie doch kickt.
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Mein Tipp: Ich verzichte auf Noice-Canceling-Kopfhörer, das kann ich mit meinem Sicherheitsgefühl nicht gut vereinbaren. Einige meiner Freund*innen schwören aber drauf. Genauso praktisch können auch Desinfektionsmittel oder (Blasen-)Pflaster sein.
3. Sonstige Best Practices für überreizte Introvertierte
Entsprechend meines vorher verfassten Ablaufplans sind Frühstück und Abendbrot wichtige Punkte. Sie stellen eine Art Rahmen für meine Messetage dar und geben mir Struktur. Das hilft mir enorm, runterzukommen und lenkt mich ab – egal, ob allein oder mit anderen.
Die ebenfalls angedachten Pausen versuche ich genauso einzuhalten. Dabei mach ich es meist so, dass ich möglichst keine sozialen Kontakte in der Zeit wahrnehme oder aber mir einen “Pausenbuddy” schnappe, den ich in solchen Momenten gut um mich haben kann. Wenn möglich verlass ich die Halle und schnupper etwas frische Luft, gucke einfach mal in die Ferne, um die Augen etwas zu entspannen. Solche Kleinigkeiten können einen echten Unterschied machen, auch wenn sie so banal klingen!

Mir hilft es im Übrigen, eine Aufgabe zu haben. Ich fühle mich sonst schnell verloren und rutsche manchmal in ein Loch ab, selbst mit Stand. Wenn ich aber zum Beispiel Videos oder Fotos machen kann, meine Produkte sortiere oder Care-Arbeit für meine Kolleg*innen übernehme, bringt mich das sehr sicher in meinen Messeflow.
Und schließlich ist es für mich ein fester Tagesordnungspunkt, mir abends im Hotel vorm Schlafengehen noch einmal die ganzen Fotos, Postings, Nachrichten und Co. vom Messetag anzuschauen. Das hilft mir, den ganzen Trubel zu verarbeiten und ich kann dann besser zur Ruhe kommen und einschlafen. Die Messebeute sichten und streicheln ist übrigens mindestens genauso nützlich!
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Mein Tipp: Wenn es dir möglich ist, plane nach der Messe unbedingt etwas Freizeit bzw. Urlaub ein, um deine Akkus wieder aufzuladen. Das ist keine Schwäche, sondern für Introvertierte einfach eine Notwendigkeit!
Warum sich die Herausforderung Messe lohnt
Ja, Messen sind anstrengend. Ja, manchmal fühlt es sich wirklich nur nach Überleben an. Aber mit der richtigen Vorbereitung sind sie gut zu bewältigen und vor allem: Sie lohnen sich wirklich! Hier kannst du Leute treffen, einen Eindruck der Branche gewinnen und neue Kontakte knüpfen. Im Zweifel findet sich immer auch eine andere introvertierte Person, mit der du dann gemeinsam rumnerden kannst. Also trau dich!
Und als Abschluss noch zwei Tipps für beide Perspektiven.
Bist du Ausstellende*r?
Nimm ein “Nein” deines Publikums nicht persönlich. Es muss nicht an deinem Buch liegen, es passt vielleicht einfach nicht zu der Person vor deinem Tisch. Stell dich zudem bitte nicht aggressiv in den Gang und versuch Leute abzufangen. Lass die Menschen lieber kommen, begrüße sie freundlich und beobachte sie dann aufmerksam. Blicken sie dich offen und aufmerksam an oder konzentrieren sie sich eher auf deine Ware? Im Zweifel lieber nur ein kleines Angebot machen, wie “Wenn du magst, erzähl ich was dazu, frag mich gern!” und gut. Aber – und das ist eben menschlich: Das gelingt mir auch nicht immer.
Bist du Besuchende*r?
Trainiere dein Pokerface bzw. eine stoische Miene. Trau dich, “Nein” zu sagen. Ich hab mir außerdem angewöhnt, vorher Floskeln zurechtzulegen, wie ich die – leider zu erwartenden übergriffigen – Leute abwimmeln kann. Sätze wie “Ich hab mein Budget schon ausgereizt.” sind meiner Erfahrung nach recht wirksam. Und vor allem: Ich übe sowohl den Gesichtsausdruck, als auch die Sprüche vorm Spiegel und spreche sie wirklich laut aus. Das macht später nämlich einen echten Unterschied.
So vorbereitet sollte das Überleben auf der Messe selbst als introvertierte Person gut gelingen. Hast du noch weitere Tipps, die dir geholfen haben? Dann immer gerne raus damit!
Hier findest du weitere Beiträge:



Super Tipps, kann vieles davon definitiv unterstreichen und nehme ein paar neue Dinge mit 🙂
Als Migräne-Mitleidende hab ich immer Olbas Tropfen im Rucksack, die kühlen den Kopf und sind auch super, um andere Gerüche auszublenden.
Olbas-Tropfen sagen mir gar nichts – die muss ich mir mal anschauen.
Das sind tolle Tipps, die auch hervorragend für ambivertierte Menschen geeignet sind!
Bei mir hapert es als Besucherin oft an der Planung, das sollte ich definitiv in Angriff nehmen. Für Märkte bei denen ich als Standbetreiberin da bin, bin ich viel strukturierter, wobei ich die Idee das Auto am Tag vorher zu packen mir echt angewöhnen sollte 😅😂. Das macht den Morgen weniger hektisch. Ich bin aber leider auch immer so eine, die manche Dinge noch auf den letzten Drücker fertig macht.
Toller Beitrag Gipfli!
Du das ist für mich auch der Idealfall. Planung ist alles, aber das Leben kommt immer dazwischen. Aber je mehr ich mir im Vorfeld Gedanken mache, desto stressfreier ist es am Ende. Ich sehe mich schon nächste Woche panisch alles am Donnerstag erledigen, auch wenn ich einen Plan habe, wann ich was mache, weil wieder irgendwas dazwischenkommt, und sei es nur eine Migräneattacke oder Muskelkater vom Rehasport Montags.