Überschrift "Das rote Kleid" über einem Foto einer Tänzerin in einem roten Kleid, umrahmt von sich rötlich färbenden Vorhängen; dahinter ein lila Galaxyhintergrund

Das rote Kleid

Von ©Gipfelbasilisk zur Wpd? Aufgabe August 2025

Die Texte wurden nicht lektoriert und korrigiert und geben den Einsendungszustand wieder.


Content Notes: Misogynie, Toxische Männlichkeit, Übergriffigkeit, Belästigung, Queer Feindlichkeit, Gewalt, Rache, Blut


  „Wenn ich es wirklich durchziehe, gibt es kein Zurück“, murmelte ich und betrat den schwarz markierten Bereich, den wir für die Proben abgesteckt hatten und stellte mich in Position. »Nein, es ist richtig so, damit morgen wirklich ein neuer Tag beginnt!«, sprach ich mir selbst Mut zu. Es war die Kostümprobe, das erste mal, das wir alle das trugen, dass wir morgen Abend zur Eröffnung der Communitybühne tragen würden. Mein Blick fiel auf die Person die mir aus dem Spiegel entgegen sah. Die zentrale Figur. Rote Schuhe mit Absatz, roter BH, darüber ein rotes Kleid im selben Farbton, alles aufeinander abgestimmt, alles eigens für dieses Event angefertigt, die Haare nicht gebunden, sondern frei schwingend in roten Naturlocken. Ein stolzes rotes lächeln, dass keinen Wiederspruch zuließ, ein perfekt geschminktes Gesicht. Gewagt, alles andere als ruhig oder sittsam, wie frühere Tanzlehrer mich abwertend beschrieben hatten. Mir wurde Übel, als ich an die alten Säcke dachte, die jede Bewegung meines Körpers bis in die Perfektion zwangen und mit ihren Kommentaren abwerteten. Nichts von dem, was sie meinem damaligen Körper abverlangten, fühlte sich für mich natürlich an. »Zu feminin.«, war der meistgehörte Kommentar, wenn ich ausbrach.
  »Konzentriere dich, du schaffst das!«
  Eine warme Hand auf meiner Schulter, die meine Gedanken ins jetzt zurückholte.
  »Es ist Zeit.«
  Die Musik begann. Kein harter Bass, noch nicht, erst eine weiblich gelesene Stimme, dann weitere die gemeinsam traurig summten. Ich sah, wie sich die rot gekleidete Person im Spiegel begann langsam über die Bühne zu bewegen, sich in den Wogen der Stimmen einfügte. Diese wurden lauter, die Wellen wurden härter. Personen in schwarzer Kleidung reihten sich in die Bewegungen ein und schrien. Der Bass setzte ein der Tanz wurde härter. Erst Ablehnung seitens der rotgekleideten Person, dann Neugier, ein zerren ein Ziehen der dunklen Pole. Dann, dass schwarz wie es das rot aufbaute, gemeinsame fast perfekt synchron einstudierte Bewegungen. Farben die in Symbiose über die Bühne funkelten. Ein finaler gemeinsamer Befreiungsschrei. Stille. 
  Ich atmete schnell, der Duft von Amaryllis und verbranntem Lorbeer stieg mir in die Nase. Ich konnte nicht anders, musste lachen. Saß auf dem Parkett, strich mir den Schweiß von der Stirn. Die anderen lehnten sich gegen mich. Ich spürte ihre Körper warm an mir. Ich weiß nicht wie lange wir da so saßen und die Gemeinschaft genossen als meine beste Freundin das Lachen durchbrach. »Wenn wir das morgen auch nur annähernd so gut hinbekommen, dann wird der Abend ein voller Erfolg.«
  Ich ließ die Aussage unkommentiert, ich war zu gefesselt von dem Rausch, aus dem ich grade erwachte. Sie hatte recht. So gut wie heute waren wir noch nie. Sah in den Spiegel, sah die Person in Rot. Lachte, weinte. So schön, so gut wie grade hatte ich mich noch nie gefühlt. Fühlte mich den anderen so verbunden. Mein Handy brach den Bann endgültig und klingelte. Eilig rannte ich zu den Taschen und zog es heraus. Mein Wecker.  »Ich muss los, sonst ist der letzte Bus fort.« ich schnappte meine Sachen, zog mir meine Fingerlosen Handschuhe über und verließ eilig das Studio. 
  Die Straßenlaternen warfen lange Schatten, während die Nachtluft kühl auf meiner noch warmen Haut lag. Der Rausch des Tanzes sorgte dafür, dass ich den Bus noch pünktlich erreichte. Der Busfahrer sah mich amüsiert an, als ich eintrat und mich keuchend auf den einzigen freien Platz plumpsen ließ und verträumt in die Nacht hinaussah. Die tiefe Freude saß noch immer in meiner Brust. Ein Grinsen, aufgeregt biss ich mir auf die Unterlippe, um nicht vor Freude zu jauchzen. Bewegungen die auf mich zukamen, der Geruch nach Lotus und Muskatellersalbei, Eichenmoos und Leder stach aufdringlich in meine Nase. Ich spürte, wie sich jemand vorlehnte. Wärme die ausgestrahlt wurde.
  »Na rotschopf, so allein unterwegs?«
  Die Aussage galt mir. Erst da realisierte ich, dass ich immer noch mein Bühnenoutfit anhatte. Scheiße. Ich reagierte nicht. Sah stoisch aus dem Fenster.
  »Oh wohl schüchtern?«, sagte der Mann in einem widerlich schleimigen Tonfall.
  »Kein Bedarf!«, sagte ich leise, um mich nicht zu verraten. Ich kannte diese Art Typen.
  Eine Hand die nach meiner Schulter griff, ich schlug sie weg. »Finger weg.«, fauchte ich.
  »Oh die Katze hat Krallen«, sprach er belustigt, als ob das Ganze ein Spiel wäre.  »Komm schon, bei mir ist es warm und gemütlich, da können wir uns einen schönen Abend machen.«
  Mir platzte der Kragen. Eiskalt sah ich ihn an. Der Typ hatte nicht mal einen Bart, sah aus als hätte er nicht mal die Pubertät durchlaufen und viel zu jung, um jemanden so anzumachen. »Na, möchtest du immer noch die Nacht mit mir verbringen. Seh zu, dass du Land gewinnst.«
  Ich versuchte die Beleidigungen und Worte die lautstark seinen Mund verließen zu ignorieren. Hörte seine Freunde die sich darüber lustig machten, dass er »so eine« an gegraben hatte. Jedes Wort sorgte dafür, dass ich mich wieder an meine Früheren Lehrer erinnerte, an jede Kränkung in meinem Leben. Schier endlos zog sich die Fahrt. Endlich kam meine Haltestelle in Sicht. Eilig drückte ich den Halteknopf und stellte mich absichtlich an den Ausgang beim Busfahrer. 
  »Schönen Abend noch!«, sagte dieser. Sicher war es freundlich gemeint, doch die anderen Stimmen in meinem Kopf schrien mir zu, dass dem nicht so war. Aus dem hintersten Fenstern pfefferten mir die Männer noch weitere unflätige Dinge zu. Jedes Wort ein Messer im Rücken. Ich eilte die inzwischen nachtkalte Straße entlang. Tränen fanden ihren Weg. Jede einzelne ein funkelndes Zeugnis der Kränkungen. Ich eilte die Auffahrt hinauf, schloss auf und pfefferte die Tür krachend ins Schloss. 
  Mein Weg führte mich direkt ins Bad. Das Makeup verschmiert. Wimpern entfernen, schminke abreiben, duschen, nur noch ins Bett. Morgen würde der Tag sein auf den ich so lange gewartet hatte, mein erster Auftritt in Drag und dann heute sowas. Mutlos schrieb ich meiner besten Freundin.
  »Ich kann das morgen nicht!«
  Es dauerte nur ein Augenblick, da waren die beiden Haken schon blau und das Symbol dafür, dass sie Tippte erschien.
  »Wir ziehen das Morgen durch. Ich kann mir vorstellen was du grade hinter dir hast, ich wollte dich noch aufhalten. Egal was passiert ist, du bist so gut und morgen ist die perfekte Gelegenheit.«
  Lange schrieben wir noch und sie schaffte es mich aufzubauen, so wie sie es immer schaffte.

  Der Morgen kam. Ich klaubte das im Bad zurückgelassene Kostüm auf. So viele Stunden Arbeit hatte ich hier reingesteckt. Hatte sogar extra eine Farbe in einem kleinen Geschäft in der Altstadt gekauft, um den Stoff in diesem wunderbaren rot zu färben. Die rote Amaryllis die dieser Farbe beigegeben wurde, verbreitete einen angenehmen Duft. Ich roch nicht mal den Schweiß der Probe. Mir fiel kleiner Riss am Saum des Rocks des Blütenförmigen Kleides auf. Ich holte mein Nähzeug und setzte mich mit dem Kleid auf meinen Balkon. Vorsichtig begann ich die Beschädigung zu nähen. Der Blick auf den Wald hinter meinem Haus beruhigte mich immer. Gegen Abend würden mich meine Freundinnen abholen, wir würden uns stylen und dann direkt zur Einweihung fahren. 
  Ich lächelte, die Communitybühne wurde von verschiedenen Vereinen ins Leben gerufen unsere kleine Stadt hatte kein Theater, gemeinsam haben wir erwirkt, dass öffentliche Gelder für dieses kleine Stück Freiluftkultur genutzt wurde. So lange haben wir auf diesen Tag hin gefiebert und wir wären die ersten die die Bühne einweihen würden. Schmerz durchzuckte meinen Finger. Ich hatte nicht aufgepasst. Blut tropfte auf den Stoff und verband sich mit diesen. Zum Glück war es rot auf rot, doch wenn es eintrocknete, würde man es dennoch sehen. Ein Lächeln, Schneewittchens Mutter wünschte sich doch etwas, als sie sich stach. Sicherheit, das alles gut geht und ich meine innere Stimme zum Ausdruck bringen kann. Ich ging ins Bad und wusch den Fleck aus. Ob der Wunsch dann noch wirkte? Ich zuckte mit den Schultern. Schneewittchens Mutter wäre sicher auch nicht mit einem Blutbefleckten Kleid aufgetreten. Vorsichtig föhnte ich die Stelle trocken und atmete tief durch. Er war nicht sichtbar. Das hätte mir noch gefehlt. 
  Ich sah in den Spiegel. Besah mich. Auch in dieser männlichen Variante war ich schön, doch das war nicht mein ich im Tanz. Ich griff den weichen Stoff fester. Ich werde das durchziehen. Heute war nicht gestern. Ein neuer Tag ein neues Leben. Ich wurde für diesen Grundsatz immer wieder belächelt. Hoffentlich stimmte er heute.

  Das Abendrot stand am Horizont, als wir uns im Auto meiner besten Freundin aufmachten und zur Veranstaltung fuhren. Wir nutzten den Parkplatz der extra für die Künstler*innen hinter der Bühne bereitgestellt wurde und zogen uns direkt in die kleinen Umkleidekabinen zurück, die im Endeffekt kleine Hütten waren wie man sie häufiger an touristisch genutzten Stränden fand. Meine Freundin half mir den Rest der Vorbereitungen abzuschließen und kurz darauf stand ich staunend vor dem Spiegel. Alles saß perfekt. Das Gefühl nach dem Tanz vom vorherigen Abend stellte sich ein.
  »Hast du dir eigentlich einen Namen für uns Ausgedacht oder sollen wir uns wirklich als Tanzstudio Mitte/West vorstellen?« 
  Ich überlegte: »Amaryllis and the Witches?« 
  »Du meist ersteres auch direkt als Dragnamen?«
  »Warum nicht?«
  »Gefällt mir!«
  Es klopfte und wir wurden auf die Bühne geholt. Meine Freundin trat vor den Vorhang. Applaus brandete auf. Ich stellte mich auf meine Position. Aufregung wallte in meinem Körper auf, gleich wäre es soweit. Meine Freundin hielt ihre Rede zur Eröffnung der Bühne, stellte uns vor, und kehrte dann zurück.
  »Du schaffst das.«, hauchte sie mir einen Kuss auf die Wange und verschwand nach hinten. 
  Leise fing die Musik an. Nebel umspielte meine Füße und der Vorhang ging auf. Nach meiner ersten Drehung zum Summen traute ich mich ins Publikum zu schauen. Da saß er, direkt in Reihe eins. Der Kerl von letzter Nacht und ich sah das er mich erkannte. Angst fraß sich meinen Leib hinauf. Ich kam aus dem Tritt. Von hinten hörte ich ein scharfes Einatmen. 
  »Amaryllis du schaffst das.« 
  Erst verband ich den Namen nicht mit mir, doch dann kam das Hochgefühl. Es war mein Name, den sie riefen. Ich drehte mich erneut. Der Kerl  in der ersten Reihe tuschelte mit seinen Begleitern.  »Amaryllis eher Schwulibert.«  Hörte ich seinen Slur. Lachen bei denen die es hörten. In mir brodelte es, doch ich fiel nicht aus der Rolle. Dann der Schrei und ich war nicht mehr alleine auf der Bühne. Die anderen sahen mir sofort an, dass etwas nicht stimmte. Doch wir tanzten weiter. Ich drückte die Gedanken beiseite. Da war es wieder, das Gefühl, die Verbundenheit zu den anderen die ich am Abend zuvor spürte. Ich drehte mich. Gab mich der Musik hin, spürte die Verbindung immer intensiver. Wie als ob ein Schalter umgelegt wurde, schüttelte ich die Kränkung ab und fokussierte den Kerl. Der Intensive Duft nach Amaryllis und verbrannten Lorbeer stieg mir in die Nase und in meinem Geist erklang eine Stimme: »Hier bist du richtig, hier kannst du schreien so laut wie du willst!« 
  Ich wusste nicht warum, aber ich spürte, dass die anderen fünf, die Männer ansahen. Wie in Trance tanzten wir weiter. Die Musik wallte erneut auf. Das Lied schien endlos weiterzugehen und in dem Moment erhob sich der Kerl und wenige Augenblicke später im Rhythmus der Musik auch seine Freunde von den Sitzen und liefen wie im Tanz zu uns auf die Bühne. Ich wollte mich zu meinen Freundinnen wenden, aber es ging nicht. Wie in Trance tanzten wir weiter. Inzwischen begleitet von den fremden Männern. Das Publikum dachte, das gehörte zur Show und Applaus brandete auf.
  »Hexe was machst du?«, presste der widerliche Kerl zwischen den Zähnen hervor als er mir gegenüber tanzte.
  »Sag meinen Namen!«, hörte ich mich sprechen.
  »Schwulibert«, wiederholte er seine Beleidigung.
  In mir veränderte sich etwas. Brannte wallte auf so stark wie noch nie. Ich nickte. Das gehörte nicht zur Choreographie, die Musik veränderte sich und ich erkannte das der letzte Part begann. Die Szene, wo ich im Tanz meine andere Seite akzeptieren sollte und im Finale mit einem Schrei besiegeln würde.
  »Du hast nicht ruhig zu sein, du musst nicht nett sein!«, flüsterte mir meine innere Stimme Zauberworte zu. Inzwischen hatte das Publikum ins Lied eingestimmt und sang mit.
  Ich löste mich von ihn und konzentrierte mich wie es der Tanz vorsah auf meine Freundinnen, die ebenso versunken waren. Die Männer bewegten sich zwischen uns, wir bildeten einen Kreis um sie. Noch drei Drehungen. Extatisch tanzten wir um sie. Sahen sie immer wieder an. Ihre Gesichter waren inzwischen ängstlich verzerrt. 
  Noch zwei Drehungen. Sie begannen zu zucken, Schaum bildete sich um ihre Münder, die Augen bis ins weiße verdreht. 
  Eine Drehung. Einige brachen zusammen, doch der Kerl stand noch.
  Letzte Drehung. Unsere Hände streckten sich aus, zeigten mit den Finger auf sie und wir schrien. Und das Publikum schrie, als sie Platzten und ihr Blut die Bühne benetzte. 

Tipp: Willst du noch eine weitere Kurzgeschichte aus dieser Reihe lesen? Dann schau dir “Der Duft der Farben” an!


Links zu den Videos:

Twitch: https://www.twitch.tv/videos/2557155003
YouTube: https://youtu.be/6JgCrgaTx5Q


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

WordPress Cookie Plugin von Real Cookie Banner