Überschrift "Das Haus hatte Hunger" über einem Foto von einem weißen Holzhaus mit roter Tür, in dessen Vorgarten ein "For Sale"-Schild steht, vor lila Galaxyhintergrund

Das Haus hatte Hunger

Von ©Gipfelbasilisk zur Wpd? Aufgabe Oktober 2025

Die Texte wurden nicht lektoriert und korrigiert und geben den Einsendungszustand wieder.


Content Notes: Verwirrtheitszustände, Unangenehme Gedanken und Gerüche


  Der Nebel hing dicht über den Straßen, ein Graues endloses Meer, das nur langsam von den ersten Sonnenstrahlen durchbrochen wurde. Die letzte Nacht hing in meinem Geist fest, wie ein Kaugummi, das zäh auf dem Bordstein klebt. So gerne würde ich vergessen, den Albtraum einfach hinter mir lassen. Ich wackelte mit den nackten Zähen im Gras und spürte den sanften Berührungen des Grüns nach. Eine ungewöhnliche Stille lag in der Luft. Normalerweise war die Stadt um diese Zeit schon im geschäftigen Treiben versunken. Doch heute … Der letzte Scheinwerfer der das Grau durchbrach, gehörte meinem Nachbarn und das war schon eine Stunde her, es war als wäre die Zeit eingefroren vom nahenden Winter. 
  Würde sie Sonne nicht inzwischen einzelne Strahlen wie Pfähle durch die dicke Suppe stoßen, hätte ich den letzten Gedanken unterschrieben, doch so? Wo waren alle? Waren sie schon früh ausgeflogen, zu ihren Arbeitsstellen, in ihre Leben außerhalb ihres Nestes? 
  Meine Verandatür knarrte. Durchbrach die seltsame Stille. Doch das Geräusch klang anders als sonst. Ich kannte jede einzelne Oktave meines Hauses. Jede knarzende Diele, jeder Balken der ob der Kälte der Nacht scharf einatmete, ja sogar die Geräusche, die die alten Fensterläden verursachten, wenn ich sie schloss, waren jeweils ein Eintrag in den Wälzern meines Gedächtnisses. Nichts vergaß ich, konnte ich einfach nicht. Alles, was ich erlebte, brannte sich ein, festgehalten in der Tinte meiner Hirnwindungen. 
  Ich suchte nach dem Folianten der Geräusche, fand den entsprechenden Eintrag und rief den Laut ab, alles in dem Hauch eines Augenblicks. Ich verglich das Knarzen akribisch mit diesem neuen Laut, doch es passte einfach nicht. Vorsichtig drehte ich mich auf der Stelle um. Die Tür stand offen, das Fliegengitter nach oben gezogen. War ich das gewesen? Hatte ich die Tür nicht hinter mir geschlossen? Das konnte nicht sein, ich erinnerte mich an alles, konnte mich sogar an den Moment erinnern, als ich als Baby das erste Mal die Augen öffnete und schrie. Wie konnte ich dieses wichtige Detail vergessen? 
  Ich reiste in meinen Gedanken zurück. Ich hatte schlecht geschlafen, ein Albtraum sorgte dafür, dass ich viel zu früh erwachte. Nicht fünf Minuten nach sechs wie sonst, sondern zehn Minuten zuvor. Still lag ich da, bewegte mich nicht, der Blick in Richtung Decke, keine Bewegung zeigte dem Haus, das ich erwacht war. Wartete ab, sann dem Albtraum nach, unendliche Gänge, ich wurde gejagt. 
  Das Haus hatte Hunger. 
  Dann spürte ich, dass der Moment gekommen war, ich stand auf, lief ins Bad, erleichterte mich, machte mich frisch. Die Zahnbürste rechts neben dem Glasbecher, dieser perfekt ausgewaschen und getrocknet. Das Gesicht mit dem weichen warmen Tuch von der Handtuchheizung abgetupft und in den Wäscheschacht geworfen, jeden Tag ein neues. Danach zurück ins Schlafzimmer, Kleidungswechsel, getragene Wäsche, auch in den Wäscheschacht, ein leichtes Frühstück, danach Socken aus, durch die Haustür hinaustreten, hinter mir verschließen, Schlüssel zweimal gedreht und in meiner rechten Hosentasche verstaut. Barfuß ins Gras treten, warten bis das Haus eingeschlafen war, den Morgen begrüßen. Nein, alles wie jeden Tag, warum also stand meine Haustür offen? 
  „Das Haus hatte Hunger!“, hallte mein Albtraum in meinem Kopf nach. Was ein Nonsens, das Haus hatte immer Hunger, war unermüdlich, unersättlich. Meine Hand fuhr zu meiner rechten Hosentasche, der Schlüssel lag nicht mehr in dieser. Eilig trat ich die drei Treppen hinauf, überprüfte das Schloss. Der Schlüssel steckte von außen. Schockiert zog ich ihn ab, verstaute ihn in meiner rechten Hosentasche, trat ein, schloss die Tür hinter mir. Durchatmen, lauschen. Kein verräterischer Laut, der mir anzeigte, dass wer in mein Haus eingedrungen war. Gar kein Laut, nicht mal das Knarzen der dritten Bohle, die immer knarzte, wenn ich auf sie trat, war zu hören. Irritiert machte ich einen Schritt zurück, wieder nach vorne, zurück, wieder nach vorne, zurück. Kein Knarzen, auch kein Gefühl einer nachgebenden Bole, sie saß perfekt an ihren Platz und gab nun keinen Laut von sich. Ich konnte mich an alles erinnern, an jedes Geräusch des Hauses, wieso täuschte ich mich nun. Warum war der Schlüssel im Schloss gewesen und nicht in meiner rechten Hosentasche, warum waren meine Nachbarn nicht wach, warum die Stadt nicht schonlängst geschäftig? 
  Mir schwirrte der Kopf. Ein frustriertes schnauben. Warum? Solche Geräusche machte ich nie, ich musste mich beruhigen, war aus dem Tritt. Was sollte ich nun tun? Ich war viel zu früh zurück in meinen vier Wänden, meine Arbeit würde erst in einer Stunde beginnen. Meine Übungen, den Tag begrüßen. Was war das nur für ein seltsamer Tag? Ein Knarzen aus dem Schlafzimmer im ersten Stock. Mein Herz machte einen Sprung. Nicht der übliche Takt, wie alles heute aus dem Takt war. 
  Fäule stieg mir modrig, erdig in die Nase. Was zuerst? Ich folgte dem Geruch. Er lockte mich aus der Diele mit der nicht mehr knarzenden Bohle in die Küche. Was war das? Ich schaltete das Licht ein, was für eine Verschwendung, ich schaltete nie das Licht ein. Doch ich musste sehen, wo der Geruch herkam. Er führte mich zum Kühlschrank, ich öffnete die Tür. Weder das Summen noch das leise klack vom Licht wenn es anging, war zu hören. Er lief nicht. Mein Herz vollzog einen erneuten Sprung, schweiß trat mir auf die Stirn. Es hätten genau drei Tomaten, eine Salatgurke, drei Eier und ein gut zweihundert Gramm schweres Stück Gouda in ihm sein sollen, doch nichts. Er war komplett leer. Steril weiß, ausgeschaltet und leer. Auch der Geruch war verflogen. 
  Erneutes Knarzen aus dem ersten Stock. Es war nicht die Übliche Bohle, die den vertrauten Laut von sich gab. Es musste die zwischen Schlafzimmer und Bad gewesen sein und nicht die zwischen Schlafzimmer und Treppe. Ich stolperte. Warum stolperte ich? 
  Das Haus hatte Hunger, hallte der Albtraum wider nach. 
  Ich sah nach unten. Das Holz war gerissen, trat nach oben, ein winziger Spalt, aber groß genug, dass ich hängen blieb. Der Tag war so anders als die anderen Tage. Wieviel Zeit war vergangen? Ich wusste immer wieviel! War es noch eine Stunde bis zur Arbeit oder nur eine halbe? Wieder das Knarzen. Meine linke Hand zitterte, mein rechtes Auge antwortete im Takt. Meine Beine setzten sich in Bewegung, eilten zurück, in die Diele mit der nicht mehr knarzenden Bohne, links die Treppe hinauf. Ein Schatten im Flur, der sich ins Schlafzimmer zurückzog. 
  Nein, wütend heulte ich auf. Ich durfte um diese Uhrzeit nicht das Schlafzimmer betreten oder war es doch schon Zeit? Musste in wieviel Minuten an meinem Rechner im Arbeitszimmer sein? Nein, war heute überhaupt Arbeitstag? Ich war zehn Minuten zu früh wach gewesen, liegen geblieben, das Haus hatte Hunger, ein Albtraum hatte mich geweckt, ich war pünktlich aufgestanden, das Haus hatte nicht bemerkt wie ich mich bewegte, es hatte Hunger, ich hatte ein kleines Frühstück. Ich sah an mir herunter, wo waren meine Socken, was war mit meiner Kleidung? Wie war mein Leben so in Unordnung geraten? 
  Mir schwirrte der Kopf, ein scharfer Schmerz zuckte durch meinen Schädel, ich schwankte. Berührte die Wand, musste mich halten, um nicht zu fallen. 
  Das Haus hatte Hunger erschallte der Albtraum donnernd in meinem Geist. 
  Ich musste ins Bett, durfte nicht. Meine Füße setzten sich in Bewegung, traten durch die Tür zum Schlafzimmer, eine Bohle knarzte unerwartet, ich streifte das Geräusch wie einen unliebsamen Gedanken von mir ab. Meine Nackten Füße fanden den weichen Teppich vor meiner Schlafstätte. Ich hatte keinen weichen Teppich vor dem Bett? Sah hinab, zartes Grün, das meine Füße kitzelte. Was machte ich draußen? Nein, ich war im Schlafzimmer, vor mir das Bett wie ich es immer zurückließ, wenn ich es verließ. Setzte mich, versank im weichen Polster, schloss die Augen, warum war die Decke nass, feucht und so angenehm warm? 
  Das Haus hatte Hunger. 
  Nein ich durfte nicht schlafen musste zur Arbeit, an meinen Schreibtisch in mein Arbeitszimmer, es war Zeit. Doch ich war sooo müde, die Decke so warm und schwer. 
  Das Haus hatte Hunger. 
  Ich verlor mich in den unendlichen Gängen meiner Albträume.

  Das Haus knarzte einem Schmatzen gleich. Das Haus hatte, was es wollte, hatte ihn aus dem Tritt gebracht, konnte ihn endlich verzehren. Er hatte widerstand geleistet, es ausgetrickst, doch schlussendlich bekam es, was es wollte.
  Strahlen durchstießen golden das Grau. Der Morgen vertrieb den Nebel. Niemand bekam mit, wie er verschwand, niemand hatte ihn bemerkt. Als die Stadt endlich in Bewegung kam, stand in weiß auf rotem Grund: Zu verkaufen, am Gartenzaun. Das Haus hatte Hunger, doch es war geduldig und würde warten, so wie es immer wartete, auf einen neue Person, die sich in ihm verlieren würde. 

Links zu den Videos:

Twitch: https://www.twitch.tv/videos/2620779917
YouTube: https://youtu.be/F5bzEeTD_t0


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