Eine magische Schuld
Von ©Palandurwen zur Wpd? Aufgabe August 2025
Die Texte wurden nicht lektoriert und korrigiert und geben den Einsendungszustand wieder.
Content Notes: Monster (Riesen), Trümmer, (angedeutet) Tod, Höhe, Fliegen
Die Straßenlaternen warfen lange Schatten, während die Nachtluft kühl auf der noch warmen Haut lag. Hannah trat an den Straßenrand und sah einigen, wenigen Autos hinterher. „Wenn ich es wirklich durchziehe, gibt es wahrscheinlich kein Zurück mehr“, murmelte sie. “Jetzt mach schon! Ich werd nicht jünger!”, quakte es aus ihrer Umhängetasche. Sie öffnete missmutig den Reißverschluss und zischte hinein: “Bist du jetzt endlich still? Ich riskier hier mein Leben für deinen gefiederten Hals, du dumme Gans!” “Wie oft denn noch, ich bin eine Ente!” “Und wenn du ein Geier wärst – du bist vor allem gerade nervig!” “Gib nicht mir die Schuld! Wenn dein unseliger Vater seine Finger hätte bei sich behalten können, wäre ich immer noch fröhlich schnatternd zu Hause …” “Jetzt halt den Schnabel!” Mit einem Ratsch zog sie den Reißverschluss wieder zu, nur um ihn dann doch ein klein wenig offen zu lassen. “Danke”, quakte es dumpf aus der dunklen, kuscheligen Tiefe der Tasche. *** Die Ente hatte ja Recht. Wenn ihr Vater damals nicht völlig kopflos auf überirdischen Raubzug gegangen wäre, müsste sie jetzt nicht dieses hirnrissige Unterfangen durchstehen. Aber mit einer zornigen Riesen-Witwe legte sie sich besser nicht an. Diese hatte ihren Standpunkt mehr als klar gemacht, als sie ein ganzes Viertel ihrer Stadt in Schutt und Asche gelegt hatte. Und außer ihr schien niemand dieses Monster sehen zu können. Keiner bemerkte, dass es riesige Hände, von einem gräulichen Grün und mit weißem Flaum bedeckt waren, die die Häuser umstießen. Niemand sah, dass sich spitze, braungefleckte Zähne in die Menschen- und Tierkörper bohrten und an ihnen nagten, wie an einem Hähnchenknochen. Die Medien berichteten stattdessen von einem Erdbeben und zahlreichen in den Trümmern vermuteten Toten. Sie jedoch hatte die wahre Ursache des Elends gesehen und war geschockt gewesen. Kopflos hatte sie ein paar Habseligkeiten in ihren Rucksack gestopft – einen Pullover, zwei nicht zusammenpassende Socken, Zahnbürste ohne Zahnpasta, Portemonnaie, Schlüssel, Handy-Ladegerät, eine Packung Doppelkekse –, als ihr eine kleine Blechdose in die Hand fiel, die mal ihrem Vater gehört haben sollte. Auch die packte sie ein und rannte danach in den Hof, um die Gatter der Vogelvoliere ihrer Mutter zu öffnen. Da hörte sie das zornige Schnattern: “Nimm mich mit! Ansonsten wird sie uns alle umbringen!” Entgeistert hatte sie sich umgedreht und die kleine silbergraue Ente angestarrt, die vor ihre Füße gewatschelt kam. “Jetzt ist mir echt eine Sicherung durchgebrannt …” “Bei dir brennt gleich gar nichts mehr – nimm mich mit und dann los!” Sie sauste, einem Impuls folgend, noch einmal in den Hausflur, packte ihre große, ausgebeulte Umhängetasche aus schwarzem Kord und stolperte fast über die Ente, die ihr entgegen flatterte. Das Rumsen und Rumoren der Riesin kam immer näher. Die junge Frau hob den Vogel eilig in ihre Tasche und stürzte aus dem Gartentor. Es war inzwischen Nacht geworden und Hannah hatte sich erschöpft auf einer etwas abgelegenen Parkbank unter einer trüb leuchtenden Laterne fallen lassen. Ob ihr Haus wohl noch stand? Was würde ihre Mutter nur sagen, wenn sie aus ihrem Urlaub wiederkäme? Und wieso sah sonst niemand die riesige, scheußliche Frau, die durch ihre Stadt tobte? “Weil du eine Schuld begleichen musst”, drang es dumpf aus der Tasche. Hannah hatte die Ente schon fast vergessen und zog nun erschrocken den Reißverschluss auf. Der Vogel kämpfte sich mit ein, zwei ungeschickten Flügelschlägen aus dem Stoff hervor und landete vor ihren Füßen. “Was für eine Schuld, bitte?” “Die deines Vaters. Der Iditot hat vor Jahren seine Finger nicht bei sich behalten können und unter anderen mich dem Mann der Riesin gestohlen. Und als der das mitbekam und deinen Vater dafür – nun, sagen wir mal, zur Rechenschaft ziehen wollte, passierte ein … Unfall.” “Ein Unfall?” “Der Riese fiel von der Bohnenranke und starb.” “Bitte welche Bohnenranke?!” “Die dein Vater gepflanzt hatte mit den magischen Bohnen, um die er jemand anderen erleichtert hat.” Hannah schluckte. Den ganzen magischen Quatsch konnte sie noch nicht begreifen. Dass ihr Vater aber leider ein Problem mit Besitzverhältnissen von gewissen Gütern hatte, dessen war sie sich mehr als bewusst. Schon als kleines Mädchen hatte sie heimlich die kleinen Dinge, die er sich fast unbewusst in die Tasche steckte wieder rausstibitzt und zurückgelegt. Dadurch war sie zu einer sehr guten Taschendiebin geworden, eine Fähigkeit, der sie aber dann doch nicht professionell nachgegangen war. “Ich kann das immer noch nicht begreifen – ich unterhalte mich mit einer Ente, die mir ein Märchen von magischen Bohnen erzählt, während ein paar Ecken weiter ein Monster meine Stadt verwüstet … bin ich übergeschnappt?” “Nicht wirklich. Nur eben blöderweise in einer vererbten magischen Schuld stehend”, quakte die Ente zwischen zwei Gänseblümchen, die sie sich unweit der Bank von der Wiese zupfte. Hannah sah sich das Tier genauer an. Sein Gefieder war wunderschön silbrig und schimmerte je nach Lichteinfall grün, violett und blau. Eine ihrer Federn lag zu ihren Füßen. Die junge Frau beugte sich hinab und hob sie auf. Überraschend schwer lag sie in ihrer Hand und fühlte sich kalt an. Die Kanten waren fast scharf, der Federkiel spitz. “Sei vorsichtig, sie sind kein Spielzeug!” “Nein, das wirklich nicht – aber was sind sie denn überhaupt?” “Silber natürlich!” “Echtes Silber? Das ist doch nicht möglich!” Die Ente schaute sie mit einem Blick an, der sich – soweit ein Vogel so einen Ausdruck haben konnte – sarkastisch anfühlte. “Ja, okay, schon verstanden”, grollte Hannah entnervt. “Du solltest lieber mal überlegen, wie wir die Schuld begleichen können”, schnatterte die Ente, mit dem Schnabel schon wieder im Gras. “Was ist denn meine Schuld?” “Mich. Sie will mich zurück. Und die singende Harfe.” “Ich habe keine singende Harfe!” “Das wäre schlecht. Schau lieber noch mal nach.” Hannah blickte über ihre Schulter und schluckte. Keine 10 Pferde würden sie zurückbringen. “Nicht da – in der Büchse deines Vaters, Dummerchen!” “Woher weißt du–?” Die Ente begann zornig mit den Flügeln zu schlagen und zischend auf sie zu zu watscheln. “Frag nicht ständig so unnützes Zeug, sondern beeil dich!” Hannah griff in ihren Rucksack und hob die obenauf liegende Schatulle heraus. Sie war verschlossen. Einem Impuls folgend, griff sie sich die Feder und schob den Kiel sachte ins Schloss. Ein wenig Geruckel mit Gefühl später klickte es und sprang auf. Und da hörte sie ein feines Geräusch, ein klägliches, fast trauriges Läuten. Sie schob ein paar Papiere und Knöpfe umher und stieß dann gegen ein kleines goldenes Glöckchen. Fasziniert hob Hannah es in die Höhe und hörte dem Spiel zu. “Hm. War es doch eine Glocke? Ich hätte schwören können, dass es eine Harfe war … aber nun gut, ich bin ja auch keine Gans, die goldene Eier legt”, schloss die Ente aufgeräumt. “Und was mach ich nun mit euch zweien?” “Zurückbringen.” “Wie bitte soll ich denn jetzt noch eine magische –”, setzte Hannah an, da entdeckte sie die kleine, dicke Bohne, fast auberginenfarben, in der hintersten Ecke der Dose. Sie legte das Glöckchen wieder hinein und nahm das runde Ding zwischen Daumen und Zeigefinger. Gegen das Licht der Straßenlaterne haltend beäugte sie es kritisch, den Kopf legte sie dabei schräg, wie sie es so oft beim Nachdenken tat. “Lass mich raten – ich muss das Ding unter die Erde bringen und soll an der daraus wachsenden Ranke hochklettern? Und was dann – stell ich euch einfach vor die Tür, klingel und renn weg?” “Nein, du kannst die Ranke der Riesin nehmen.” “Hier steht auch noch irgendwo so eine Monsterpflanze rum?” “Was denkst du denn, wie sie hier runtergekommen ist? Geflogen sicher nicht!” “Warum aber überhaupt jetzt?” “Dauert halt, bis magische Bohnen nachgewachsen sind. Deswegen würde ich die da vielleicht auch besser vernichtend, wenn das Ganze vorbei ist.” *** Hinter ihnen rumpelte es. Die Riesin hatte immer noch ihren Spaß. In Hannahs Magen lagen etwa 3 Findlinge und polterten fröhlich durcheinander, bei der Aussicht, sich jetzt an ihr vorbeizuschleichen, die Ranke hochzukraxeln, dort die gestohlenen Geschöpfe an Ort und Stelle zu bringen und dann das Gewächs wieder hinunterzuhuschen, bevor die Sonne aufging und die Riesin zurückkehren würde. Denn die Ente hatte ihr erklärt, dass die Pforten in die anderen Welten immer nur für einen Tag und eine Nacht offenstanden. Wer nicht wieder zu gegebener Zeit in seiner zurück wäre, würde sich in etwas verwandeln, das in die jeweils andere Welt passte. Magischer Ausgleich oder so. Hannah hatte geduldig zugehört und wollte schon fragen, ob die Ente in Wahrheit vielleicht auch ein Mensch gewesen war, aber sie hatte zu viel Angst vor der Antwort. “Ich bin bei dir!”, quakte der Vogel durch den halb geöffneten Reißverschluss. Das Glöckchen hatte sie ihm um den Hals gebunden. Hannah steckte versöhnlich noch einmal die Hand in die Tasche und strich ihm über das Gefieder. Die Ente schmiegte ihren Kopf gegen ihre Finger, dann zwackte sie aufmunternd in ihren weichen Handballen. “Na dann, auf geht’s.” Dank der Wut der Riesin und der Schneise der Verwüstung, die sie hinterließ, musste Hannah nur den Trümmern in entgegengesetzter Richtung folgen und hatte schnell die Ranke entdeckt. Allerdings wuchs die Pflanze nicht von unten nach oben, sondern hatte hier auf dem Asphalt nur mit mehreren kleineren Luftwurzeln Halt gefunden. Sie bohrten sich in den Boden, umwickelten Autos und hakten sich in eingeschlagene Fensterrahmen. “Die Ranke ist von der Riesin gepflanzt worden, darum ist die Spitze hier unten. Sei also vorsichtig, das wird eine wackelige Angelegenheit!”, warnte die Ente. Hannah legte das letzte bisschen Strecke zurück und betrachtete ehrfürchtig das Grün. Auch wenn sie hier vielleicht das dünne Ende vor sich hatte, war es immer noch mindestens genauso stämmig wie sie selbst. Vorsichtig setzte sie ihren Fuß auf einen der Nebenäste auf und prüfte die Tragfähigkeit. Ein wenig gab das Grün nach, aber es würde sie halten. “Bitte nehmen Sie eine aufrechte Sitzhaltung ein und schnallen Sie sich an. Die Notausstiege sind verriegelt, wir heben jetzt ab!”, brummte Hannah, während sie den Reißverschluss gänzlich zuzog. Das Innere ihrer Tasche schnatterte ein wenig, vielleicht sogar amüsiert. Galgenhumor war eine ihrer Stärken. Ohnehin rollten viele über sie die Augen, weil sie eine elende Optimistin war und nie die Hoffnung aufgab. Jeder Tag war eine neue Chance. Mal sehen, ob sie das gleich auch noch sagen würde. Immer wieder prüfte sie den Himmel. Als sie losgeklettert war, hatte er noch das schützende Schwarz mit glitzerndem Sternenkleid getragen. So langsam wandelte es sich jedoch in ein dunkles Blau. Hannah stieg weiter so schnell sie konnte, aber gefühlt nahm das elende Grünzeug kein Ende, während der Horizont sich immer weiter aufhellte. Endlich kamen die wattigen Wolken in greifbare Nähe. Die Ente hatte ihr erklärt, dass es dann nicht mehr weit war. Sie fragte sich, wie sich Wolken wohl anfühlten – weich oder feucht? Die Antwort war: eisig, klamm, surreal – als ob ein Geist an ihr vorbei strich. Endlich schlug die Ranke einen Bogen. Hannah konnte sich auf die Oberseite schieben und auf dieser wie über eine Brücke das letzte Stück laufend zurücklegen. Ihre Beine und Arme waren wie Wackelpudding und ihr graute es vor dem Abstieg. Aber wenn sie sich nicht beeilen würde, wäre der nicht mehr nötig. Am Fuße der Ranke, die inzwischen einen Durchmesser wie ein Mammutbaum hatte, lag eine Hütte – oder für Hannah eher eine riesige, halb verfallene Burg – und sie sprang direkt vor dessen Tür. Dann zog sie den Reißverschluss auf und die Ente steckte den Schnabel keck heraus. “Home, Sweet Home, alles aussteigen!” Mit einigen Flügelschlägen erhob sich der Vogel aus der Tasche und das Glöckchen um seinen Hals ließ eine mehrstimmige Melodie erklingen. Staunend lachte Hannah auf – sie hatten es wirklich geschafft! Plötzlich ging ein Beben durch die Ranke. “Die Riesin, sie kommt zurück!”, quakte die Ente und wirkte das erste Mal wirklich nervös. “Dann muss ich schnell wieder runter!” “Sie würde dich entdecken! Zumal die Zeit auch nicht mehr ausreicht!” Die Ente blickte gen Osten, wo der Himmel sich von Blassblau zu Flieder und langsam gen Rosa färbte. “Verdammt!”, keuchte Hannah. “Na, hoffentlich werde ich wenigstens in etwas hübsches verwandelt.” “Nur über meine Leiche!” Die Ente zog sich eine weitere Feder aus ihrem Flügel. “Hier, nimm die und die andere und dann spring!” “Ich soll mit zwei lausigen Federn aus dem Himmel springen? Lebensmüde bin ich eigentlich nicht!” “Vertrau der Magie – du hast die Schuld beglichen, sie wird dir wohlgesonnen sein!” Hannah sah zwischen dem Vogel und den beiden Federn in ihrer Hand hin und her. “Das ist Irrsinn. Das kann nicht wahr sein.” “Aber eine sprechende Ente und eine Bohnenranke – das ist besser?”, erwiderte der Vogel spöttisch. “Ach, halt den Schnabel!” Sie hob die Ente hoch und drückte sie an sich. “War ein spannendes Abenteuer mit dir!” “Danke für die Mitfahrgelegenheit.” Die Ente rieb ihr Köpfchen an Hannahs Wange, dann flatterte sie aus ihren Armen heraus. Die junge Frau tat einen tiefen Atemzug und kletterte auf die immer stärker vibrierende Bohnenranke. Als sich die Brücke gen Wolkendach senkte, stieß sie sich von dem Stamm ab und streckte die Arme aus, in jeder Hand eine der Federn. Sie schlug und schlug und fühlte, wie der Wind um ihre Ohren peitschte, aber wie sie gleichzeitig nicht unkontrolliert fiel, sondern sanft zu segeln begann. Die Federn waren zu großen Flügeln angewachsen und trugen sie sicher immer weiter herab. Sie flog nah an der Bohnenranke entlang, um sich nicht zu verirren. Da hörte sie einen erschütternden Schrei: “Diebin! Diebin!” Gerade eben noch so manövrierte Hannah um die Pranke der Riesin herum, die sie packen wollte, und rief: “Du hast alles zurückbekommen und nun hau ab und komm nie wieder!” Dann ließ sie sich im Sturzflug hinabgleiten, um so schnell wie möglich reichlich Abstand zwischen sich und dem Monster zu bringen. Als der Himmel sich gerade von Pink zu Golden wandelte und die ersten Sonnenstrahlen durch das Wolkenzelt brachen, berührten ihre Füße endlich wieder den Asphalt. Keinen Moment zu spät: Die Flügel fielen klirrend von ihr ab und zersprangen in zig Münzen. Hannah las sie auf und stopfte sie in ihre Umhängetasche. Dann gab es einen enormen Ruck, die Luftwurzeln zogen sich wie Gummibänder zurück und die Ranke schnellte nach oben gen Himmel. Übrig blieben Trümmer und die junge Frau, die kaum glauben konnte, was sie da gerade erlebt hatte. Eine einzelne silberne Feder lag noch vor ihr. Sie hob sie auf und steckte sie zu den Münzen – denn sie war für sie der wohl kostbarste Schatz von allen.
Links zu den Videos:
Twitch: Twitch: https://www.twitch.tv/videos/2557155005
YouTube: https://youtu.be/V5dNiHwLfkM
Alles zur Was passiert danach? Anthologie
Teamvorstellung: Kommafalter, Nadine Föhse, Carolin Summer, J. Gipfelbasilisk
Autor*innen: Andreas Röger, Asteria Rabenfeder, beschaulich, Christina Brühl, Inge SaintLaurent, Katharina Jörn, Palandurwen, Stef Helmel


