Bild einer schwarzen Teekanne mit dazu passender Tasse auf einem Holzbrettchen, darüber Titel "Flüssiges Gold", im Hintergrund lila Galaxy

Flüssiges Gold

Von ©Inge SaintLaurent zur Wpd? Aufgabe Mai 2025

Die Texte wurden nicht lektoriert und korrigiert und geben den Einsendungszustand wieder.


Content Notes: Sehnsucht


  Die karge Ebene flirrte unter der Hitze, in der Ferne tanzte der Sand zu einer unbekannten Melodie. Das Holz des Brückengeländers war warm in Dalias kalter Hand. Kalt und erloschen wie ihre Heimat, deren Trümmer sich um sie erstreckten. Ein breiter Fluss rauschte hier einst, er war ausgetrocknet, verdorrt wie all das Leben in ihr. Doch, so wie sie hier stand und hinaus in die neue Welt blickte, kam ihr diese, von der Sonne versengte Landschaft trostloser vor als ihre zerstörte Heimat.
  Konnte sie wieder zurückkehren, nachdem sie bei den Neri ihre wahre Heimat gefunden hatte? Eine Gemeinschaft und ihre große Liebe. Die Liebe, wegen der sie damals die Nebel rief, um ihre Welt abzuschotten.
  War es richtig, die Nebel wieder zu öffnen, die Sonne einkehren zu lassen und selbst zu gehen? Konnte, nein durfte sie überhaupt gehen? Was war richtig? Gab es ein richtig? Alle vorherigen Entscheidungen, waren sie richtig? Oder waren sie doch, obwohl gut überlegt und der Konsequenzen bewusst, falsch? Und jetzt? War jetzt die Zeit zurückzukehren? Doch welche Zeit war es dort draußen, wenn hier hinter den Nebeln eigene Gesetze galten. Die Zeit hatte hier ihren eigenen Herzschlag. Dalias Hand glitt vom Brückengeländer, Richtung ihres Herzens. Es war ihre Entscheidung, es war ihre Zeit.
  »Es ist Zeit zu gehen.«

  Vor ihr, in der Schale mit Tee treiben Blätter, Blätter wie Seerosen, eine einzelne Träne rinnt Dalias Wange hinab. Sie versucht sie dezent wegzuwischen, doch Roga hat sie bemerkt.
  »Verweile nicht in der Vergangenheit Dalia. Du kannst die Zeit nicht zurückdrehen. Keiner von uns kann das. Lebe im Jetzt. Nur dieser Moment zählt. Also frage ich dich, wie jeden Tag: Möchtest du hierbleiben? In dieser Stadt? Oder zieht es dich wieder hinaus, in die gleißende Sonne, diese tote Einöde vor den Mauern. Schau dich an, Dalia! Deine Kleidung, die Kleidung einer untergegangenen Welt. Möchtest du auch verblassen und untergehen? Wir alle mussten uns entscheiden. Du bist an der Reihe.«
  Es ist ein Ritual, ihr Morgenritual bei Roga, eine Schale Tee zu trinken. Die Frau, eine Verbündete, in dieser hektischen und lauten Stadt. Das kleine Zimmer mit den bunten Wandbehängen, dem angesammelten Tand und Kitsch erinnert sie an alte Zeiten. Roga hat recht, sie lebt in der Vergangenheit in einer Welt, die nicht mehr existiert. Ihre Heimat, ihre Kultur, ihre Kleidung, ihre Frisur. Aber genau deswegen kann sie es nicht ablegen, die Flechtfrisur, die naturgefärbten sonnengelben Gewänder, all diese wunderschönen Erinnerungen.
  Dalias Blick wandert von ihrer Teeschale zu Roga. Zu ihrem fliederfarbenen hochgeschlossenen Lurexkleid, dass den dünnen Hals kaschiert. Den braunen Pelzmantel darüber, der sie fülliger erscheinen lässt. Die geschminkten Augen wirken leicht vergrößert durch die Brille, ein grünes dickes Plastikgestell, daran eine Kette aus Plastikringen, transparent ins gelbliche übergehend, dazwischen kleine Acrylplättchen. Auf den ersten Blick Modeschmuck, doch sind es Siegel, Erkennungsmärkchen, die Roga als magisches Wesen ausweisen. Siegel, die Dalia, wenn sie in der Stadt bleiben möchte tragen muss. Immer. Ihr ganzes ewiges Leben lang.
  »Deine magische Aura ist schwach, du könntest dich als Mensch tarnen, auch das hatten wir
schon besprochen.«
  Dalia, noch in Gedanken, nickt als Antwort und nippt an ihrem Tee.
  »Du weißt, meine Kraft reicht nicht, dich zu schützen, du musst dich entscheiden.« Roga erhebt sich. »Du hast keine Zeit mehr!«
  „Die Zeit war immer gut zu mir.“ Dalia stellt entschlossen die Schale ab, greift nach der Kanne mit heißem Wasser.
  „Aber nicht hier Kind.“ Roga schüttelt energisch den Kopf, ihr Plastikschmuck klackert dabei dumpf.
  Das eingegossene Wasser lässt die Teeblätter aufwirbeln. Dalia beobachtet den stummen Tanz des Neusortierens. Eine neue Ordnung, ja, sie muss sich wieder neu einordnen. Schon wieder. Sacht bläst sie den Dampf zur Seite.
  „Ich habe etwas für dich.“ Roga zieht ein abgerissenes Stück Plastiktüte aus ihrer Manteltasche. Verdeckt legt sie es in Dalias Hand. Diese prüft es mit einem kurzen Blick, bevor sie es in eine Feuerschale wirft. Geübt streut Roga einige Blätter und Kräuter auf das schmorende Stück Plastik.
  „Dir ist dieser Name bekannt?“
  „Ja.“
  „Gut, er sollte dir bei der Entscheidung helfen.“

  Wie flüssiges Gold perlen die Sonnenstrahlen die verglasten Fenster der Hochhäuser hinab. Dalia steht auf einer Brücke, einem behelfsmäßigen Überweg zwischen den Häuserschluchten. Das Brückengeländer liegt kalt in ihrer Hand, kalt und tot wie sie. Unter der Brücke rauscht hektisch der Fluss der Menschenmenge.
  Es ist seltsam, wieder an diesem Punkt zu stehen, eine Brücke, sie und die Sonne.
  »Ich bin die Sonne, Du bist der Mond.« Wie oft hatte sie diesen Satz zu Mahnu gesagt. Ich bin die Sonne. Ist es nicht seltsam, dass sie weder bei den Neri noch in dieser Stadt die Sonne richtig zu Gesicht bekommt? Bei den Neri verborgen durch einen Nebelschleier, hier nur als flüssiger Schatten in den Fenstern der Gebäude.
  Viviane, der Name der auf dem Stück Plastikfolie stand. Die Prophezeiung. Mahnu, meine Liebe, was ist, wenn wir damals falsch lagen mit unseren Überlegungen, wenn die Zeit noch nicht reif war?
  Dalia atmet tief ein, saugt die goldenen Strahlen auf, flüssiges Gold.
  Die Zeit hinter den Nebeln war trügerisch, doch stets mit ihr. Die Entscheidung ist gefallen.
  »Es ist Zeit zu gehen.«

Links zu den Videos:

Twitch: https://www.twitch.tv/videos/2505151298
YouTube: https://youtu.be/d7CLNIksnWE


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