Geröll im Kopf
Von ©Palandurwen zur Wpd? Aufgabe Oktober 2025
Die Texte wurden nicht lektoriert und korrigiert und geben den Einsendungszustand wieder.
Content Notes: (angedeutet) Neurodivergenz, People Pleasing, emotionale Vernachlässigung, Streit
Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist, wie die Naht vorn an der Socke unangenehm über meine Zehen kratzt. Als würde sie mir dort die Haut abschmirgeln. Mein Weinen und Klagen, dass da etwas wäre, das mir weh tut, wiegelte meine Mutter damals ab, denn in ihrer Welt gab es nichts, was eine solche Wirkung hervorrufen könnte. Kein Steinchen im Schuh, keine Ecken, die innen drücken oder reiben könnten, nichts, was ich mir in die Sohle eingetreten hätte. “Jetzt hab dich nicht so und mach nicht wieder so ein Theater, wir müssen los!”, flehte sie mich verzweifelt an. Also ertrug ich das Gefühl, als würde bei jedem Schritt mein Fleisch durchsägt, bis wir in der Kita waren und ich dort – zum Unmut meiner Mutter – sofort meine Schuhe und endlich auch die Socken von den Füßen zerrte. Ein entschuldigendes Lächeln zur Erzieherin, ein Luftkuss in meine Richtung, der aber leider an mir vorbeiflog, und schon war sie Aktentaschen-schwingend davongeeilt. Sie hatte immer viel zu tun, um uns beiden das Dach über dem Kopf zu finanzieren, das wusste ich. Ich war ihr nicht böse. Die Socken zog ich dennoch erst wieder an, als ich nach Hause musste. Die Erzieherin hatte es mit Liebe und Geduld, mit Bestechung und Strafen versucht. Doch nur das strenge Gesicht meiner Mutter brachte mich dazu, mich dieser Folter erneut auszusetzen. Ich galt als schwierig. Und verstand einfach nicht, warum. Ich wusste nur, dass niemand das fühlte und sah, was ich fühlte und sah. Und so begann ich zu zweifeln, mein Konzept von Realität zu hinterfragen, hintenan zu stellen, zu verleugnen. Ich schob all die unwillkommenen Gefühle und Gedanken in einen Schrank in meinem Kopf und schloss sie darin ein. Denn ich wollte es richtig machen. Ich wollte artig sein. Ich strengte mich an, so wie meine Mutter es tat. Aber mit jeder neuen Erfahrung, die mir unangenehm war und die ich loswerden musste, füllte sich der imaginäre Schrank und bald lagerte ich das Ganze auch in einer Kommode, unter dem Bett, ja in einem eigenen Zimmer. Mein Kopf fühlte sich permanent vollgestopft an. Das war der Moment, in dem ich immer öfter über Kopfschmerzen und Erschöpfung klagte. Meine Mutter tat es erst als Wachstumsschmerz ab. Doch weil es den Kopf betraf, schleppte sie mich doch irgendwann zu einer Ärztin. Sie fragte mich dieses und jenes, horchte mich ab, zog an mir und klopfte auf mir, besah sich meine Augen, entnahm mir Blut und schließlich hieß es: “Migräne, nehmen Sie diese Tabletten, vermeiden Sie Stress, dann wird es gehen.” Ich galt fortan als sensibel und empfindlich. Und verstand nicht, warum. Denn es war ja nicht ausgedacht, es war doch ganz klar, warum mein Kopf so weh tat. Schließlich verbog ich mich und quetschte alles, was den anderen nicht passte, in zwei Zimmer – ich hatte angebaut – meines Oberstübchens. Tendenz steigend. Und dass diese Mühe nicht anerkannt, ja gar nicht gesehen wurde – das verletzte mich und ich wurde wütend. Aber anstatt zu sprechen, sagte ich nur noch weniger. Ich zog mich immer weiter zurück. Zum einen, um möglichst wenig neuen Unrat für meine Sammlung aufzugabeln. Zum anderen, weil ich keinen Sinn darin sah, in einen Austausch mit meiner Mutter zu gehen. Sie verbuchte das jedoch als Erfolg. Endlich wirkten die Tabletten. Endlich war ich ruhiger und sanfter. Mit Migräne in so frühem Kindesalter war es ja kein Wunder, dass ich so schwierig und sensibel war. Ihr armes Kind. Ihr armes, aber besonderes Kind. Endlich hatte sie etwas zu erzählen, zu erklären. Ich merkte es gar nicht, aber irgendwann schimpfte meine Zahnärztin, fragte, ob ich viel Stress hätte, denn scheinbar würde ich nachts mit den Zähnen knirschen. Und wirklich – all die furchtbaren Worte, die ich meiner Mutter gern einfach ins Gesicht geschleudert hätte, die mahlte ich fein säuberlich klein und schüttete sie in Urnen, die sich auf meinem imaginären Kaminsims in Reih und Glied ganz hübsch machten. Kein Wunder, dass meine Zähne davon nicht unbeeindruckt blieben – es war schließlich schwere Kost. “Eine Knirscher-Schiene, wie viel das jetzt wieder kostet! Immer wieder machst du mir aufs Neue Kummer!”, jammerte die Frau am anderen Ende des Küchentisches, während ich auf meinen Teller starrte. Auf ihm lagen kleine, grüne Erbsen. Widerliche Geschosse der Natur, ich hasste es, wie sie im Mund zerplatzen. Aber ich hatte es aufgegeben, ihr das zu sagen, denn auf meinen Vorschlag, einfach Püree draus zu machen, bekam ich ein abfälliges: “Die feine Dame isst gefälligst, was auf den Tisch kommt!” Daneben lagen Chicken-Nuggets, die in einem See aus brauner Sauce aber ihre komplette Integrität der Knusprigkeit verloren hatten. Ich hasste auch das, denn das war nicht richtig. So war das nicht vorgesehen. Aber als auf diese leise Kritik auch nur ein: “Hab dich nicht so, das landet alles im gleichen Magen!”, kam, hatte ich auch dieses Gefühl in den Vorratsschrank meiner mentalen Küche weggesperrt. Doch dazu hatte sie mir ein Glas Mineralwasser eingegossen. Weil es im Angebot war im Supermarkt und ich mich mal beruhigen soll, alle Kinder lieben Sprudelwasser, was würde denn nicht mit mir stimmen, sie habe doch nun alles getan, was möglich sei und nie sei ich zufrieden und jetzt auch noch die Zahnarztkosten und da konnte ich die Vordertür in meinem Kopf einfach nicht mehr zuhalten. Sie sprang auf und ergoss alle aufgestauten Gefühle in einem Schwall aus Zorn und Impulsivität, die sich als eine Hand voll Erbsen manifestierte, die ich vom Teller raffte und meiner Mutter ins Gesicht schmiss, gefolgt von Chicken-Nugget-Saucen-Matsch und einem prickelnden Schwall aus meinem Glas. Ich schrie sie an, dass sie mich doch einfach in Ruhe lassen und wenn ich so eine Zumutung sei, sie mich doch bitte wegschicken sollte. Ich knallte ihr alle schlimmen Vorwürfe an den Kopf. Unzusammenhängende Dinge, die eben so aus meinem Haus im Kopf herauspolterten, die Treppe runter und sich im Vorgarten ergossen, bis ich sie schließlich aussprach. Ab und an brüllte ich sogar einfach nur laut den Schmerz der vergangenen Jahre heraus. Und alles, was meine Mutter tun konnte, vergraben in meinem geistigen Unrat, war mich fassungslos anzustarren. Noch heute bin ich dankbar, dass sie in diesem Moment in der Küche keine Widerworte gegeben hatte. Als mein Ausbruch vorüber war und ich mich keuchend und mit tränennassem Gesicht in der Ecke zwischen Spüle und Kühlschrank sitzend wiederfand, zog ich mich empor und begann das veranstaltete Chaos aufzuräumen. Meine Mutter stand ebenfalls wortlos auf und verließ den Raum. Es war mir egal. Ich zog mir Einmal-Haushaltshandschuhe an, um das Essen mit etwas Küchenkrepp wegzuwischen, statt einen nassen Schwamm anpacken zu müssen. Meine Mutter hatte das immer Verschwendung genannt. Aber es war mir egal. Dann holte ich eine kleine Schüssel samt Putzlappen unter der Spüle hervor. Ich ließ warmes Wasser ein und gab etwas von dem Aloe Vera Spülmittel hinzu. Damit schrubbte ich die Oberflächen blitzblank. Meine Mutter hätte mich getadelt, wieso ich nicht das richtige Putzmittel nahm. Aber das hatte einen so schlimm beißenden Geruch, dass ich es nicht ertrug. Und es war mir auch egal. Mir war fortan alles egal, was meine Mutter betraf. Ich wünschte ihr nichts Schlechtes, im Gegenteil. Sonst hätte ich mir nicht so lange solch Gewalt angetan. Aber jeder Mensch hat seine Grenzen. Und meine waren nun erreicht. Wortlosigkeit bestimmte unsere nächsten Wochen und bald schon packte ich meine Koffer – die echten und die mentalen – und zog zu meiner Tante. Auch an ihr hatte meine Mutter kaum ein gutes Haar gelassen, sie an guten Tagen als schwierig bezeichnet, an schlechten als Nervensäge. In dieser Beschreibung glaubte ich, eine verwandte Seele zu erkennen und war froh, als meine Idee Gehör fand. Inständig hoffte ich, dass es so für alle Beteiligten am besten wäre. Leider brauchte es nicht nur die Ermunterung meiner Tante und die mit der veränderten Wohnsituation einhergehende Zwanglosigkeit, um mein inneres Gerümpel zu sortieren. Es war auch viel Zeit und viel Sprechen mit Menschen, die davon Ahnung hatten, nötig. Personen, die wussten, wie sie ein solches Chaos im Oberstübchen ausmisten und neu ordnen könnten. Und wie Aschenputtels Tauben schmiss ich die Guten wieder ins Köpfchen, die schlechten ins Gröpfchen und irgendwann stand ich dann vor meinem inneren Haus, aufgeräumt und sauber. Alle Räume hatten ihre Zwecke, alle Dinge, die darin waren, durften dort sein. Ich hatte endlich Platz für Schönes. Ich liebte es zum Beispiel, wie der Nebel im Herbst noch dicht über den Straßen hing, während aber schon die ersten Sonnenstrahlen in goldenen Streifen hindurchbrachen. Dann stand ich oft einfach nur da, fühlte das Gras des Vorgartens und lauschte. Auf die Stille des Morgens und die Stille in meinem Kopf. Und nur ganz selten schreckte ich noch hoch, weil etwa die Verandatür knarrte – doch in den meisten Fällen war es nicht mehr die im Kopf, sondern weil der Wind mit der echten sein Spiel trieb. Und manchmal weil da wirklich jemand war und mich sah. Und das war mir nicht egal. Es war schön.
Links zu den Videos:
Twitch: https://www.twitch.tv/videos/2620779915
YouTube: https://youtu.be/cXOWQHHS0oI
Alles zur Was passiert danach? Anthologie
Teamvorstellung: Kommafalter, Nadine Föhse, Carolin Summer, J. Gipfelbasilisk
Autor*innen: Andreas Röger, Asteria Rabenfeder, beschaulich, Christina Brühl, Inge SaintLaurent, Katharina Jörn, Palandurwen, Stef Helmel


