Gipfelbasilisk

Frühjahrsputz

Von Gipfelbasilisk

Der Jahreswechsel war vor kurzem vollzogen worden. Marietta schaute sich in ihrer Wohnung um. Es war Zeit, endlich einmal von Grund auf auszumisten.
Mutig nahm sie sich einen Müllbeutel und fing an.

Sie ging an den großen Schrank von einer bekannten Möbelhauskette und öffnete die erste Schublade. Bilder quollen aus ihr heraus. Warum hatte sie ausgerechnet diese Schublade gewählt, um anzufangen? Sie ließ ihren Müllbeutel sinken. So viele Erinnerungen lagen in dieser Schublade. An die gemeinsame Zeit mit Marius, an ihre Eltern, ihre Schulzeit. Sie schob die Schublade wieder zu. Wenn sie mit dieser Schublade anfinge, würde sie auf der Couch enden und in Erinnerungen schwelgen und das wollte sie nicht. Insbesondere die an Marius waren noch zu frisch, als dass sie sich ihnen nun stellen konnte. Andererseits, wenn sie nicht jetzt damit anfinge, würde sie dieses große Haus nie entmistet bekommen. Schließlich hatten sie das Haus vor zwei Jahren gemeinsam gekauft und alles in diesem Haus schrie seinen Namen.

Bedröppelt schaute sich Marietta im Wohnzimmer um. Eben war sie noch so motiviert und nun wollte sie sich auf die Couch setzen und heulen. Da klingelte das Telefon und riss sie aus ihren düsteren Gedanken.

Sie ließ es einmal, zweimal klingeln, bevor sie den Anruf entgegennahm.
„Marietta Uhlbricht, guten Tag?“
„Ahh hallo Marietta. Gut, dass ich dich erreiche.“
„Mutter?“, fragte Marietta ungläubig ins Telefon. Sie hatte sich schon bestimmt seit einem Jahr nicht mehr bei ihr gemeldet und auf ihre Anrufe hatte sie nie reagiert. Seit ihre Mutter mit ihrem neuen Liebhaber nach Australien abgehauen ist, hatten sie nur noch sporadisch Kontakt.

„Jetzt mach aber mal halblang meine Kleine! Womit habe ich so einen vorwurfsvollen Ton verdient?“, fragte ihre Mutter leicht gereizt.
„Das war kein vorwurfsvoller Ton, ich war nur überrascht, dass du mich anrufst. Ich habe einfach nicht mit deinem Anruf gerechnet.“

„Na dann ist ja gut“, sagte ihre Mutter besänftigt und fügte hinzu: „Ich wollte eigentlich auch gar nicht lange stören. Du weißt ja, wie beschäftigt ich immer bin. Ich wollte eigentlich nur fragen, was du nächste Woche machst? Wir sind zur Zeit in Deutschland und kommen nächste Woche in deine Gegend. Georg hat dort Geschäftliches zu erledigen.“
„Georg? Hat sich dein Lover umtaufen lassen?“
„Was? Nein und er ist nicht mein Lover, sondern mein Mann. Wir haben letzten Monat geheiratet.“

„Und was ist mit Dirk? Bist du nicht mit dem damals nach Australien gegangen, nachdem du Charles abserviert hattest?“
„Australien? Schatz, also, du bist ja gar nicht mehr auf dem Laufenden. Dirk habe ich in Australien für Egon sitzen lassen. Mit dem bin ich dann nach Indonesien gegangen. War super da. Sollten du und Marius auch Mal unbedingt hinreisen, ist ein hinreißendes Land. Als ich aber Ferdinand traf, war es um mich geschehen. Mit dem bin ich dann nach Bali gereist, dort traf ich dann Georg und wir sind so ineinander verliebt, dass wir dann gleich geheiratet haben. Aber Schatz, du sagst ja gar nichts … Ist alles gut?“

„Mama, Marius und ich sind schon seit über einem Jahr nicht mehr zusammen.“
Am anderen Ende der Leitung wurde es kurz still. Marietta hörte, wie ihre Mutter jemandem zuflüsterte: „Nein, nicht jetzt, ich telefoniere mit meiner Tochter. Nein, sie ist nicht mehr mit diesem Marius zusammen. Ich sagte dir doch, dass diese Beziehung niemals halten wird. Aber da sie ja offensichtlich alleine ist, wird sie bestimmt Zeit haben.“
Marietta schluckte die aufkommende Wut herunter. „Mutter?“
Ein Räuspern, dann sagte ihre Mutter mit zuckersüßer Stimme: „Ein Jahr und du hast noch keinen neuen Kerl, also ich könnte das ja nicht. Aber egal. Hast du denn nun nächste Woche Zeit oder nicht?“

Marietta tat so, als würde sie in ihrem Kalender blättern. Die Seiten waren alle leer. Sie hatte ein Sabbatjahr zusammen mit Marius machen wollen und hatte es nicht übers Herz gebracht, in der Schule, in der sie als Deutsch und Mathe Lehrerin arbeitete, zu sagen, dass dies ausfällt. Und nun hatte sie noch sechs Monate, bevor sie wieder zur Arbeit konnte. Sie postete täglich Bilder aus dem Internet auf Instagram. Sie zeigte die Orte, die sie und ihr Marius erkundet hätten, damit niemand mitbekam, wie es um ihre Beziehung stand.
„Nein Mum, ich habe nächste Woche nichts vor. Ihr, du und dein Georg, könnt sehr gerne vorbei kommen“, sagte Marietta und fügte noch schnell ein zuckersüßes: „Ich freue mich. Wirklich“, hinzu.

„Ach schön mein Schatz, dann kommen wir nächste Woche Dienstag vorbei. Wir freuen uns. Ach, wir haben uns ja so lange nicht mehr gesehen. Naja, ich muss jetzt weiter, Sachen packen. Bis nächste Woche also.“
Marietta wollte noch Tschüss sagen, aber da hatte ihre Mutter schon aufgelegt.

Verzweifelt schaute Marietta sich in ihrem Wohnzimmer um. Jetzt auch das noch. Sie kannte ihre Mutter, sie würde überall rumschnüffeln und wegen heute Nacht musste sie sowieso ausmisten. Also ran an den Speck. Sie schluckte ihre Gefühle herunter, wann immer sie etwas von Marius in die Hand nahm, um es wegzuwerfen. Der Arsch. Er hatte bekommen, was er verdiente. Aber sie hatten eben auch schöne Zeiten. Zuletzt war er allem, was einen kurzen Rock trug, wie ein läufiger Hund hinterhergestiegen. Hund. Ja, das war der passende Begriff für ihn. Ein räudiger Straßenköter, der alles rammelt, was nicht bei drei auf’m Baum ist. Marietta wusste von mindestens drei Affären, die er hatte. Wütend stopfte sie seine Kleidung in den Kleidersack, den sie später zur Kleiderspende bringen würde. Wenn die Zeit rum war und sie wieder zur Schule musste, würde sie sagen, er hätte sie in Katalonien sitzen lassen und wäre abgehauen.
Ja, das war eine gute Idee, das würde sie sagen. Katalonien war der letzte Ort, den sie in ihrer Reise angepeilt hatten. Bis dahin postete sie noch Bilder auf seinem und ihrem Instagram-Feed. Später würde er dann weiterhin Bilder aus Katalonien posten und dann nichts mehr posten. Sie hatte online alles vorbereitet.Die Bilder würden ganz ohne ihr Zutun auf Instagram auftauchen. Und für alle wäre er dann plötzlich so verschwunden, wie für sie.
Naja nicht ganz. Endgültig verschwinden wird er erst heute Nacht – und zwar für alle. Niemand würde sich mehr an ihn erinnern, wenn alles glattging. Aber sicher ist sicher.

Das Wesen hatte es ihr versprochen, dass es so sein würde. Aber damit es wirklich so sein wird, muss sie jetzt endlich alle Spuren vernichten. Sie durfte nichts mehr behalten, was sie an ihn erinnerte, sonst würde er zurückkommen. Nach weiteren drei Stunden Arbeit war es dann endlich geschafft und sie hatte den letzten Sack zur Mülldeponie gebracht. Das Haus war nun zwar noch leerer als zuvor, aber sie brauchte auch nicht viel. Ihre Couch und Netflix reichten ihr vollkommen zum Leben. Ein leeres Haus lässt sich leichter putzen und irgendwann, spätestens in neun Monaten, würde das Haus dann eh wieder mit Leben gefüllt sein. Außerdem, lag Minimalismus nicht gerade im Trend? Nur noch heute Nacht.

Die Sonne ging unter. Sie ging in ihr Schlafzimmer. Den Gestank nach verwesendem Fleisch nahm sie schon gar nicht mehr wahr, als sie das Zimmer betrat. Nun war das letzte, was sie noch an ihn erinnerte, er selber und ihre Erinnerungen. Aber die wollte das Wesen heute Nacht mitnehmen und ihr dafür ein Kind in ihrem Leib hinterlassen. Sie wünschte sich sowieso ein Kind und da sie das von Marius nun nicht mehr bekommen konnte, war ihr jeder andere Weg auch recht. Das Wesen erschien in der Tür, sie hatte seine Ankunft gespürt und hatte sich stumm in ihr Bett gelegt.
Das Wesen trat an ihr Bett und knurrte. „Bist du dir sicher?“
Marietta dachte an die schöne Zeit und dann an die letzte schlimme Zeit. Sie dachte daran, wie er sie auslachte und schlug, als sie ihm eine Szene machte, wie er es nannte. Und dann daran, wie sie mit der Pfanne ausholte und zuschlug.
Kurze Zeit später erschien das Wesen und sagte ihr, was sie zu tun hatte, und sie tat bereitwillig, wie ihr geheißen wurde. Sie wollte für diesen Ausrutscher nicht zahlen müssen. Er hatte ihr wehgetan und nun hat er dafür bezahlt. Nein, was sie tat, war das Richtige.
„Ja, ich bin mir sicher“, antwortete sie.
„Und? Du hast alles von ihm in deinem Haus entfernt? Jeden letzten Rest, bis auf seinen Körper?“
„Ja, das habe ich“, antwortete Marietta wie betäubt.
„Dann werde ich dich heute Nacht von ihm und all den Erinnerungen an Ihn befreien. Aber wenn du nicht alles entsorgt hast, wird er wiederkommen, um dich und mein Kind zu holen.“ Als das Wesen zu ihr ins Bett stieg, war ihr so, als ob sie eine letzte Nacht mit ihrem geliebten Marius verbringen würde, so wie er war, bevor er ausrastete.

Am Morgen stand sie auf. Sie wusste nicht warum, aber sie freute sich.
Sie ging in die Küche und wollte ihr Handy prüfen, erinnerte sich aber daran, dass sie es im Urlaub verloren hatte. Hach, der Urlaub war einfach wundervoll. Sie hatte sich lange nicht mehr so entspannt. Es klingelte an der Tür.
„Hallo Marietta! Ach schön, dass das geklappt hat“, Marietta war wie vom Donner gerührt als ihre Mutter mit einem Kerl, den sie nicht kannte, in die Wohnung drängte. Dann fiel es ihr brühend heiß ein. Der Anruf ihrer Mutter vor einer Woche, als sie … Was hatte sie denn nochmal gemacht? Aber da brabbelte ihre Mutter schon wieder los und stellte ihr ihren neuen Mann vor.
Der Vormittag verging wie im Flug. Am Abend saßen die Drei bei einem Glas Wein auf der Terrasse am Lagerfeuer.
„Und du, so ganz allein in diesem großen Haus? Ist dir das nicht ein wenig zu einsam?“, fragte Georg, der ihr gegenüber saß, als ihre Mutter gerade austreten war.
„Ich bin nicht einsam“, antwortete Marietta lächelnd und fügte hinzu: „Ist es dir mit deiner Frau denn nicht manchmal viel zu laut? Ich meine, du musstest warten, bis sie zur Toilette geht, um auch einmal zu Wort zu kommen. Ich dachte bis eben, du kannst nur: Hm, Ja, Hallo ich bin Georg, der neue Mann deiner Mutter, sagen.“
Als er grinste, fingen beide an, laut zu lachen.
„Was ist denn da so lustig?“, fragte ihre Mutter, die gerade wieder hinaus trat.
„Nichts, nichts“, sagten beide und lachten noch frenetischer.
„Ach Marietta, was ich dich noch fragen wollte. Es ist mir etwas unangenehm, denk jetzt bitte nicht, ich hätte rumgeschnüffelt, aber diese eine Schublade in deinem Wohnzimmer stand halb offen und du weißt, wie sehr mein innerer Monk sowas verabscheut. Auf jedenfall ist mir da ein Bild ins Auge gefallen. Wer ist denn dieser wahnsinnig putzige Kerl, mit dem du hier auf dem Bild so eng umschlungen am Strand liegst?“

Die Erinnerungen an Marius trafen Marietta wie ein Laster mit hundert Sachen. Plötzlich hatte sie den Geruch von verwesendem Fleisch in der Nase. Oder bildete sie sich das ein?