Wackelkontakt mit Kurzschluss
Von ©Palandurwen zur Wpd? Aufgabe Juli 2025
Die Texte wurden nicht lektoriert und korrigiert und geben den Einsendungszustand wieder.
Content Notes: angedeutet: People Pleasing, Neurodiversität
„Das kann doch nicht wahr sein!“ Ich starrte auf die Pfütze, die noch vor wenigen Augenblicken mein Coffee to Go hätte sein sollen und sich jetzt mitten auf dem Gehweg ausbreitete. Für einen Moment war alles andere vergessen. Es war mir einfach alles zu viel. Dieser verdammte Wackelkontakt. Mich beherrschte nur noch der wilde, beißende Gedanke, endlich auszubrechen. Und das Frustrierendste daran: Niemand konnte das nachfühlen! Die müde aussehende Verkäuferin am Stand gegenüber schaute bloß ins Leere, sprach schon mit dem Kunden hinter mir, der mich unsanft zur Seite schob, als sei ich nicht wichtig, als sei ich nicht da. Aber das ist eben das Problem, wenn man zwar unsichtbar ist, das jedoch nicht sinnvoll einsetzen kann. Leider kam diese Superkraft nämlich immer nur dann zum Vorschein, wenn ich es gerade am wenigsten brauchen konnte – oder verlor in genauso unpassenden Momenten ihre Wirksamkeit. Schon in der Schule war es so, dass ich nur dann für Lehrkräfte sichtbar war, wenn ich die Antwort auf eine Frage nicht wusste. Später wurde ich ständig übersehen, wenn es galt, Absprachen zu machen. “Ach, an dich hab ich gar nicht mehr gedacht, das wird jetzt schwierig …”, war wohl einer der meistgehörten Sätze in meinem Leben. Wie oft ich einfach nur gesagt habe, es würde nichts machen, ich hätte eh schon etwas anderes vor – hatte ich nicht – oder mir ginge es eh nicht so gut – ich hatte das Immunsystem eines Elefanten –, nur, damit sich mein Gegenüber nicht schuldig fühlen musste. Und das erleichterte Lächeln und wie sie im Wegdrehen mich schon direkt wieder übersahen, nicht wahrnahmen (wollten), wie es mir wirklich ging. Wenn ich für solche Momente jedes Mal eine Münze bekommen hätte, wäre ich wenigstens die wohlhabendste Unsichtbare der Welt. Wenn meine Unsichtbarkeit dann allerdings auch in solchen alltäglichen Momenten zuschlug und die Verkäuferin mir einfach den Becher hinhielt und sofort losließ, obwohl ich noch nicht mal ansatzweise die Hand erhoben hatte – das frustrierte einfach nur. Die einen sagen, es ist Pech und nur Zufall. Ich solle mich nicht so haben, passiert anderen auch. Doch ich seh den Tatsachen ins Auge – meine Superkraft hatte einen Wackelkontakt und brachte damit mein ganzes Leben durcheinander. Ich starrte immer noch auf den nassen, traurig braunen Fleck, dessen Milchschaum sich langsam hässlich mit dem Dreck des Gehwegs vermengte. Ich schaffte es nicht, mich loszureißen, wegzugehen, das alles hinter mir zu lassen. Aber ich störte ja wenigstens niemanden, schließlich war ich unsichtbar. Gerade, als ich mich fragte, wie lange ich wohl hier stehen könnte, ehe ich ohnmächtig umkippte aus Hunger oder Durst, schob sich ein neuer, brauner Pappbecher in mein Sichtfeld, aus dem kleine, gemütliche Dampfschwaden aufstiegen. Ich blinzelte ihnen verwirrt hinterher, dann folgte dem Becher ein freundlich rundes Gesicht, das mich ebenfalls von unten her anschaute. Ich zuckte zusammen, machte zwei kleine Schritte zurück, wurde von Passanten angerempelt und wieder gen Bordstein geschubst. Dieser ungraziöse Tanz wurde mit staunenden Augen von der vor meinem Kaffeefleck hockenden Person mit einem To-Go-Becher in ihrer Hand beobachtet. Sie trug eine dicke Strickjacke, obwohl es eigentlich zu warm dafür war, und ihre Haare waren zu einem bonbonrosa-farbenen Bob frisiert, der von zahllosen kleine Haarspangen verziert war. Ihr Gesicht ähnelte einem frischgebackenen Käsekuchen – rund und süß und irgendwie schon beim bloßen Anblick wärmend. Sie stand auf, grinste mich an und entblößte dabei eine herzige Lücke zwischen ihren beiden oberen Schneidezähnen. Mit ausgestrecktem Arm hielt sie mir den Kaffeebecher hin und sagte: “Hier, nimm!” Ich konnte nur starren. Sie war für mich wie aus einem Film entsprungen, eine Art Fabelwesen und einen Augenblick lang schaute ich mich verstohlen um, ob die anderen Leute sie auch sahen oder ich sie mir nur einbildete. Aber vielleicht hatte sie ja auch eine Superkraft? Sie ging einen Schritt auf mich zu, drückte mir den Pappbecher in die eine Hand und legte meine andere darauf. Dann hakte sie sich bei mir unter und zog mich von dem Kaffeestand fort, die Straße runter. Ihre Selbstverständlichkeit war entwaffnend. “Ist ein Karamell-Latte-Macchiato. Ich hoffe, du magst ihn.” Ich inhalierte die kleinen Dampfschwaden. Sie dufteten vanillig und ein wenig nach gebrannten Mandeln. Vorsichtig nippte ich an dem Getränk. Es war mir eigentlich zu süß – aber irgendwas machte das Aroma mit mir. Wir gingen noch ein paar Schritte völlig vertraut miteinander und schweigend untergehakt. Dann erinnerte ich mich an meine guten Manieren. “Danke. Aber das wäre nicht nötig gewesen.” “Ach was, wie oft ich schon gesehen habe, wie diese trübe Tasse vom Kaffeewagen die Bestellungen verhauen hat – ich hab mich schon beim Inhaber über sie beschwert. Und du standest da so verloren, das tat mir richtig in der Seele weh, da wollte ich dich gern aufmuntern.” “Aber du kennst mich doch gar nicht?” “Muss ich Leute kennen, um mich freundlich zu verhalten? Das wäre ja mehr als trist!” Ich schwieg einen Moment und ließ zusammen mit dem nächsten Schluck des Kaffees diesen Gedanken auf der Zunge umherrollen. Sie hatte sicher Recht. Aber das galt normalerweise dennoch nicht für mich. Ich war doch unsichtbar. Wie vom Donner gerührt blieb ich stehen und starrte sie an. “Du hast mich gesehen?!” Sie guckte mich, milde gesagt, verwirrt an und brach dann in lautes Lachen aus. So laut, dass sich die Passanten schon umguckten und ich am liebsten wieder in meiner Unsichtbarkeit verschwunden wäre. Doch Wackelkontakt sei Dank, war die natürlich gerade nicht verfügbar. “Wieso sollte ich dich nicht sehen? Du bist ja ein Spaßvogel!” Sie zerrte mich immer noch glucksend weiter voran, wir bogen in einen Park ein und sie steuerte zielsicher eine kleine Bank an, die direkt unter zwei großen, schattenspendenden Platanen stand. Dort drückte sie mich auf die Holzplanken, pflanzte sich neben mich und holte aus ihrer großen Korb-Tragetasche, die bis dahin über ihrer mir abgewandten Schulter gebaumelt hatte, ein, zwei, gleich drei Plastikdosen heraus. Alle mit niedlichen Mustern, Erdbeerchen, Häschen, zarte Blumen. In ihnen verbarg sich ein Buffet aus Leckereien: helle Kekse, liebevoll dekoriert. Ausgestochene Obststücke in Herz- und Sternenform. Spießchen mit Käsewürfeln. Ein Mix aus verschiedenen Nüssen. Zwei dreieckig geschnittene Sandwiches, von denen sie mir eins reichte. Ich fasste verdattert zu und starrte aber weiter ungläubig abwechselnd auf das Parkbank-Picknick und die junge Frau neben mir. War sie einfach nur wunderlich? Vielleicht sogar gefährlich? Oder – ein Engel? “Warum machst du das? Wieso bist du so nett zu mir?” Sie hielt sich die Hand vor den Mund, da sie gerade einen Happen des Sandwichs abgebissen hatte, und antwortete trotzdem, bemüht, nicht zu schmatzen: “Ich hab beschlossen, dass wir Freunde sein könnten.” “Einfach so?” “Einfach so.” “Aber – warum?” “Warum nicht?” “Weil –” Wie sollte ich einer Wildfremden von meiner unkooperativen Superkraft erzählen? “Weil du ‘unsichtbar’ bist?”, kam sie mir zuvor. “Ja.” “Na, ich hab dich doch aber gesehen. Vielleicht ist das ja einfach anders bei mir. Freut dich das nicht?” Ich schwieg. Ich wusste nicht, wie ich das fand. Da hörte sie auf zu kauen und fixierte mich. Ihre Freundlichkeit und Offenheit flackerte. “Oh. Entschuldige. Ich wollte mich nicht aufdrängen …” Sie begann umständlich, die Deckel den Döschen zuzuordnen. Ohne nachzudenken legte ich meine Hand auf ihre und sie hielt inne. “Nein! Tust du nicht! Ich bin es nur nicht gewohnt, gesehen zu werden.” “Wie meinst du das?” Ich seufzte und ergab mich dieser völlig surrealen Situation. Mit knappen Worten beschrieb ich ihr den zweifelhaften Segen meiner Superkraft. Und während andere, denen ich davon früher erzählt hatte, mich nur auslachten oder mich als Spinnerin titulierten, hörte sie mir einfach nur zu. Stellte ab und an Fragen. Sah mich. “Das ist ulkig. Ich glaube, dann habe ich auch einen Wackelkontakt.” “Ach so?”, stieß ich zwischen zwei Keksbissen hervor und verschluckte mich an einem Krümel. “Ja. Oder vielleicht sind es eher Kurzschlüsse. Bei mir ist es die Distanz. Ich verschätze mich oft. Ich sehe jemanden und denke, ich könnte die beste Freundin von dieser Person sein. Dann erzähle ich ihr einfach alles und überfahre sie damit. Ich bin ihnen zu anhänglich, zu mitteilsam, ich ‘overshare’, sagen sie dann. Und wollen mehr Distanz zwischen uns. Weil ich zu intensiv bin. Zu viel.” Ihre letzten Worte waren sehr leise und klingelten doch in meinen Ohren. Einem Instinkt folgend beugte ich mich über das Picknick und zog sie in meine Arme. “Ich finde dich ziemlich richtig.” Da war es, als klackte in ihr ein Schalter um und ihr Strahlen blendete mich wieder. Wir grinsten uns einander an und machten uns über die nächsten Häppchen aus ihren wundervollen Dosen her. “Vielleicht müssen wir unsere Wackelkontakte und Kurzschlüsse irgendwie verdrahten, damit sie sich gegenseitig aufheben!”, philosophierte sie vor sich hin. Ich nahm einen weiteren Schluck des Karamell-Latte-Macchiatos. Und ich glaube, noch nie schmeckte mir ein Kaffee so gut.
Links zu den Videos:
Twitch: https://www.twitch.tv/videos/2529010038
YouTube: https://youtu.be/rkNTHO_mx8I
Alles zur Was passiert danach? Anthologie
Teamvorstellung: Kommafalter, Nadine Föhse, Carolin Summer, J. Gipfelbasilisk
Autor*innen: Andreas Röger, Asteria Rabenfeder, beschaulich, Christina Brühl, Inge SaintLaurent, Katharina Jörn, Palandurwen, Stef Helmel


