Zufall
Von ©christinchen zur Wpd? Aufgabe Juli 2025
Die Texte wurden nicht lektoriert und korrigiert und geben den Einsendungszustand wieder.
Content Notes: verletztes Tier (Katze)
Die Sonne brannte heiß auf sie herab, ließ ihre Kleidung unangenehm an ihrem Körper kleben. Dabei war es nicht einmal viel, was sie anhatte. Noch weniger und ihr spießiger Nachbar von gegenüber würde wieder sein Gejammer über den Untergang der zivilisierten Frauenwelt starten. Mae rollte mit den Augen und zupfte ihr Tanktop zurecht. Der Typ konnte sie mal, dachte sie entschlossen. Bei über dreißig Grad im Schatten weigerte sie sich mehr als Hotpants und ein bauchfreies Top zu tragen. Zusätzlich bot ihr der rasierte Undercut genügend Luftzug auf ihre überhitzte Kopfhaut. Ja, sie passte echt nicht in diese etepetete Gegend mit den weißen Steinvillen und den perfekt manikürten Vorgärten, alle in ähnlichem, langweiligen Stil gehalten. Wer brauchte schon exakt die gleichen Buchsbäume wie das Haus nebenan? Der Vorgarten des Hauses, in dem sie wohnte, war mit wundervoll duftendem Lavendel überwuchert, der nicht nur im gleichen Farbton wie ihre Haare strahlte, sondern auch noch jede Menge Schmetterlinge und Hummeln anzog. Herrn Antias, der Besitzer, schien mit seinen siebenundachtzig Jahren keinerlei Interesse mehr an Wohntrends zu haben. Und sie war dankbar, denn das Haus war ein echter Zufluchtsort für die geworden. Ihre Sandalen trafen mit einem rhythmischen Flap-Flap-Flap auf den heißen Asphalt als sie die Straßenseite wechselte, um weiter im Schatten laufen zu können. »Das darf doch nicht wahr sein!«, entfuhr es ihr. Entsetzt war sie stehen geblieben und starrte sie auf das, was mitten auf dem Gehweg lag. Fast hätte sie es übersehen, so unscheinbar wirkte es: ein graues Etwas, auf den gleichfarbigen Waschbetonplatten. Eine kleine Katze. Reglos lag sie da. Maes Herzs klopfte, als sie das Tier betrachtete, das fettig, zerrupfte Fell, die vier braunen Pfoten und die dunklen Öhrchen. Für einen Moment hatte sie alles um sie herum vergessen, dann sah sie das seichte Heben und Senken des Brustkorbs unter viel zu sichtbaren Rippenbögen. Pure Erleichterung durchfloss sie, ließ sie selbst tief durchatmen. Sie fiel auf die Knie direkt vor der Katze und ihre Hände griffen nach ihr. Sie stoppte sich im allerletzten Moment. Durfte man verletzte Tiere anfassen? Sie überlegte nur kurz, dann streifte sie ihr Oberteil über den Kopf und wickelte die Katze darin ein. Die Geste erntete ihr ein Ohrenzucken. Vorsichtig packte sie zu und hob an. Sie presste das kleine Bündel gegen ihren sehr nackten Oberkörper, aber das war ihr nun auch egal. Ihre Nachbarschaft konnte mit dem Skandal ihrer Nippel leben, wenn sie dafür die Katze retten konnte. Damit drehte sie sich um und lief so schnell sie konnte zur Tierklinik, die zu ihrer unendlichen Dankbarkeit nur ein paar Straßen weiter lag. Alles ging ganz schnell. Mae war durch die Praxistür gestürmt und der TFA hatte ihr panisches Gestammel irgendwie in akuten Notfall übersetzt. Nun stand sie seit über einer halben Stunde vor der geschlossenen Tür des Behandlungsraums. Die Ärztin hatte ihr noch einen Kasack gebracht bevor sie sie mit einem aufmunternden Lächeln und dem Versprechen ihr Möglichstes zu tun, alleine gelassen hatte. Mit einem Zittern, das mehr Nerven als Kälte war, atmete Mae aus und ließ sich schließlich auf dem schmalen Plastikstuhl des weiß-grauen Flurs nieder. Er war unbequem, wie es nur Krankenhäuser und Arztpraxen vermochten. Alles um sie herum war trist und kalt und sprach von einer sterilen Umgebung. Selbst ihr grüner Kasack bot keine aufmunternde Farbe. Die kleine Katze braucht einfach nur ein bisschen Glück, sagte sie sich. Ihr selbst war Fortuna noch nie hold gewesen. Wie oft hatte sie sich schon darüber geärgert, dass alle anderen scheinbar immer so viel Glück hatten. Mit nervösen Fingern strich sie über das Amulett, das kalt um ihren Hals lag. Es sollte ihr Glück bringen, hatte die alte Frau in ihrem letzten Griechenlandurlaub versprochen, als sie es gekauft hatte. Bisher hatte es nichts als ein Unglück nach dem nächsten angezogen. Ihre Beziehung von über zehn Jahren war von einem Tag auf den nächsten in die Brüche gegangen. Sie hätten unterschiedliche Ziele im Leben, hatte ihre Ex gesagt und sie gebeten bis Ende des Monats eine neue Wohnung zu finden. Mae wusste nicht einmal was ihr Ziel im Leben war. Dann hatte sie ihren Job in der Bäckerei verloren und ohne Zuhause, ohne Arbeit und single in der Welt gestanden. Die Anstellung als Haushaltshilfe bei Herrn Antias war vielleicht das einzige bisschen Glück, dass sie in den letzten paar Jahren gehabt hatte. Die Bezahlung war nicht sonderlich, aber reichte, vor allem, da sie kostenlos bei ihm wohnen konnte. Nur ein bisschen Glück für die Katze, dachte sie eindringlich und umklammerte den Anhänger fest. Die Tür des Behandlungsraums öffnete sich und Dr. Heine trat vor sie und lächelte: »Ihr Top konnten wir nicht retten, aber der kleinen Miez geht wieder hervorragend. Sie hatte nichts außer ein paar Zecken und eine schwere Dehydrierung mit Erschöpfung.« Mae atmete erleichtert aus. »Wir haben sie versorgt, alle Impfungen verpasst, inklusive einer sehr notwendigen Wurmkur und sie an einen Tropf angeschlossen. Sie wird die Nacht bei uns bleiben müssen. Wollen Sie sie sehen?« Vollkommen überfordert nickte Mae. Sie folgte der Tierärztin durch den Behandlungsraum in einen schmalen abgedunkelten Gang, in dem sich dutzende Käfige aneinander reihten. Die meisten waren leer. Ihre kleine Katze fand sie auf Anhieb. Ein unglückliches Fauchen begrüßte sie als sie an das Gitter trat. Das graue Fell stand noch immer in alle Richtungen ab, um den Kopf hatte sie einen Plastiktrichter und ein feiner Schlauch kam unter einem Klebeverband um ihre rechte Vorderpfote hervor und lief in einen mit durchsichtiger Flüssigkeit gefüllten Beutel, der außen am Käfig hing. »Oh, du arme«, flüsterte Mae leise und kniete sich herab. Der Finger, den so vorsichtig zwischen die Gitterstäbe schob, wurde ignoriert. Ein weiteres Fauchen war zu vernehmen. »Sie ist nicht gechippt, aber mindestens zur Hälfte eine reinrassige Siam. Das sieht man leider häufiger: Eine Hauskatze büxt aus, kommt schwanger wieder und die Kitten werden dann einfach vor die Tür gesetzt, weil sie als Mix nicht genug Geld bringen.« Mae betrachtete den traurigen Blick auf dem Gesicht von Dr. Heine, der sich sofort lichtete als sie ihre nächsten Worte sprach: »Ich kann sie also behalten?« »Erstmal zur Pflege«, antwortete sie. »Wir müssen natürlich abwarten, ob sich ein Besitzer meldet, aber dann spricht nichts dagegen.« Eisblaue Katzenaugen beobachteten sie neugierig bevor sie sich wieder schlossen und sich die Schnauze in ihrem von Krallen zerrupften Top vergrub. Nein, das Schicksal meinte es wirklich selten gut mit ihr. Ihr Lieblingsoberteil war wohl Geschichte, das wenige Glück, dass sie hatte, gab sie nur allzu bereitwillig an andere ab. Die Kleine hatte es deutlich nötiger als sie, beschloss Mae. Ihre Finger schlossen sich um ihre Kette als sie sich wieder auf die Füße stemmte. »Ah, Tyche: die Göttin des Zufalls.« Mae sah Dr. Heine unsicher an. »Ihre Kette«, erklärte sie. »Das Symbol daran steht für die griechische Göttin des Zufalls.« »Zufall?« »Ja, die alten Griechen glaubten, dass unser gesamtes Leben und die Welt von verschiedenen Gottheiten gesteuert wird. Von großen Kriegen bis Naturgewalten oder eben auch die kleinen Zufälle des Alltags. Der Sage nach werden diejenigen von Tyche mit Glück belohnt, die sich auf ihre Zufälle einlassen. Die, die sich ihr verweigern, haben eher unglückliche Zufälle.« »Oh«, flüsterte Mae. Das erklärte ja mal so einiges. Ein leises Fauchen ließ sie wieder zu ihrer Katze herumfahren. »Nun, dann bleibt zu hoffen, dass du ein guter Zufall bist, nicht wahr, Tyche«, sagte sie zu ihrem Fellknäuel. »Nun, Sie haben sich auf sie eingelassen, dann muss es gut werden«, lächelte Dr. Heine. Dann räusperte sie sich. »Hier haben Sie meine Karte, melden Sie sich jederzeit, wenn Sie Fragen haben. Die untere Nummer ist meine private, da können Sie mich immer erreichen.« Mae glaubte ein leichtes Erröten auf den Wangen der Tierärztin zu sehen. »Mein Assistent wird Ihnen alles Weitere erklären. Jetzt muss ich aber zu meinem nächsten Patienten.« Damit war sie verschwunden und Mae blieb alleine vor dem Käfig zurück. Im Hintergrund hörte sie das Klappern und Scheppern des TFA, der wohl immernoch am Aufräumen und Desinfizieren des Behandlungsraums war. Mae ließ sich wieder vor Tyche nieder. Die kleine Katze grüßte sie mit einem Fauchen. Die Gesellschaft von Menschen war sie eindeutig nicht gewohnt. Vorsichtig schob sie erneut einen Finger zwischen die Gitterstäbe und in das weiche Fell zwischen ihren Ohren. Diese zuckten leicht, doch dann blinzelte Tyche nur langsam und zufrieden und ließ Mae gewähren. »Vorsicht, sie beißt!«, schoss es von hinter ihr. »Oh!« Der Assistent betrachtete sie überrascht. »Okay, sie beißt scheinbar nur Tierarztpersonal«, lachte er dann. Mae verabschiedete sich mit einem weiteren Kraulen bei Tyche und stand dann auf. »Ich bringe Sie noch nach vorne«, bot er ihr an. »Melden Sie sich auf jeden Fall, dann lassen wir Sie wissen wie es der Kleinen geht.« Mae nickte. »Dr. Heine hat mir ihre Telefonnummer gegeben.« Er lachte: »Oh, das glaube ich. Eine halbnackte Frau, die auch noch kleine Kitten rettet, hat bei unserer Chefin Eindruck hinterlassen.« Mae spürte wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. »Keine Angst, das war ein Kompliment meinerseits für ihren Einsatz und Sie sollten Melanie, also Dr. Heine, definitiv anrufen.« Mit einem letzten Blick auf die kleine graue Katze, die ihren Tag komplett verändert hat, schritt Mae aus dem Behandlungsraum. Der Visitenkarte in ihrer Hosentasche war sie sich mit jedem Schritt bewusst. Tyche, griechische Göttin des Zufalls, dachte sie und griff an ihre Kette. Wenn man sich auf ihre Spiele einließ, würde einem Glück widerfahren. Nun dann. Sie zog ihr Handy aus der Tasche.
Links zu den Videos:
Twitch: https://www.twitch.tv/videos/2529010036
YouTube: https://youtu.be/SJgmOo1uXw8
Alles zur Was passiert danach? Anthologie
Teamvorstellung: Kommafalter, Nadine Föhse, Carolin Summer, J. Gipfelbasilisk
Autor*innen: Andreas Röger, Asteria Rabenfeder, beschaulich, Christina Brühl, Inge SaintLaurent, Katharina Jörn, Palandurwen, Stef Helmel



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