Die Botschaft

Text: Palandurwen
CN: Schmerz

Kassandra stöhnte. Jeder Knochen in ihrem Leib tat ihr weh. Alle Muskeln waren in Streik getreten und verweigerten den Dienst. Und in ihrem Kopf herrschte ein schlimmerer Watte-Zustand als nach ihrem letzten Kater durch den unerwartet heftigen Punsch zum Midsommar-Fest vor zwei Jahren. Sie war völlig zerstört. Und das, obwohl sie bereits wie ohnmächtig mehrere Stunden Schlaf hinter sich gebracht haben musste.
Aber wer mit mächtigen, magischen Artefakten spielt, der muss auch den Preis bezahlen. Das wusste sie.
Und die Almanach-Zwillinge wurden dieser Einstufung mehr als gerecht. Dessen war sie sich nach der vergangenen Nacht endgültig sicher.
Es war gut gewesen, dass Lupinja den Schutzkreis um sie errichtet hatte. Aber eigentlich weniger, um die Bücher vorm Ausbrechen zu schützen, als eher um etwas vom Einbrechen abzuhalten.

Kaum dass Kassandra die Finger auf den dicken Ledereinband eines der beiden – natürlich des bösartigen – Buches gelegt hatte, spürte sie schon wieder diese Hitze in ihr hochsteigen. Sie hatte beherzt zugegriffen und ihn aus ihrem Beutel gezogen. Das Zittern war eindeutig – er schien das nicht zu begrüßen. Mit der einen Hand presste sie den Band auf dem Tisch fest, mit der anderen griff sie wieder in die Tasche, um den freundlicher gesinnten Teil herauszuziehen. Diesen legte sie daneben.
Dann ließ sie beide Bücher los und wartete ab.
Auch Lupinja starrte gebannt auf den Tisch.
Beide Frauen spitzten die Ohren.
Sie fuhren ihre magischen Sinne hoch.
Bereit, jederzeit zu reagieren.
Doch es geschah – nichts.

“Hau mir keine rein, aber ich bin irgendwie ein bisschen enttäuscht …”, wagte die Formwandlerin irgendwann in die Stille hinein zu murren.
Kassandra kannte das Gefühl.
Aber sie traute dem Frieden nicht. Irgendetwas war im Antiquariat mit ihr geschehen. Und sie wusste, dass es mit diesen beiden Zauberbüchern zusammenhing.
“Bleib wachsam!”, ordnete sie an.
Dann beugte sie sich vor und schlug zunächst den sanften Bruder wahllos auf einer Seite auf: Kräuter zum Stärken der Sinne. Das passte ja.
Kassandra konzentrierte ihre Magie in den Fingerspitzen und legte ihre rechte Hand auf das gelbliche Papier mit den hübschen botanischen Zeichnungen und handschriftlichen Ergänzungen der kleinen, gedruckten Erklärtexte. Mit ihrer linken Hand glitt sie sachte über den Einband des bösen Zwillings, der zwar zitterte, aber weniger aggressiv wirkte. Es war, als würde die Anwesenheit seines Bruders ihn beruhigen. Darum wagte die Sucherin es und schlug ihn auf. Ein leiser Windstoß, geleitet durch Kassandras Kräfte, blätterte die Seiten zügig um, während ihre Hand angespannt darüber in der Luft hing. Sie verfolgte ein unsichtbares Band, welches von dem einen Almanach zum anderen führte und sie schließlich an einer bestimmten Stelle stoppen ließ. Die Seiten sanken aprupt nach rechts und links glatt hinunter und die Hexe begann interessiert zu lesen.
Zauber zum Benebeln der Sinne. Kurzzeitige Störung. Mittelschwere Beeinträchtigung. Dauerhafter Verlust.
“Na, das ist ja freundlich …” Kassandra zuckt zusammen. Sie hatte Lupinja neben sich fast vergessen und schreckte von dieser, mal wieder wenig hilfreichen Aussage hoch.
“Sie bilden eine Balance”, versuchte sie ihren Schreck zu überspielen.
“Was in dem einen Buch begonnen wird, findet in dem anderen sein Ende. Sie arbeiten zusammen, ohne dass sie aufeinander angewiesen sind.”
Während ihrer Analyse legte die Windmagierin gedankenverloren ihre linke Hand ebenfalls auf das raue Papier des zweiten Almanachs.
Und da war es wieder. Das Prickeln in ihren Fingern, der Anstieg ihrer Kraft. Auch die Formwandlerin schien es zu spüren. Ihre Augen sprangen nervös zwischen den beiden Büchern und der Frau neben sich hin und her.
Kassandra wollte sich lösen. Doch es war, als krallten sich die Buchstaben auf beiden Seiten in ihre Haut. Fast schon empört über den Verrat des freundlicheren Bandes wollte sie gerade etwas sagen, als beide Hexen gleichzeitig von einem lauten Donnern aufschreckten.
Etwas war gegen den Schutzzauber geprallt. Sie sahen es nicht, doch fühlten die Macht. Es war, als würden sie unter einer Glocke sitzen und von außen schlug jemand dagegen. Das Dröhnen war schmerzhaft und ging durch alle Glieder.
Und es hörte nicht auf.
Auch kleinere Schläge gesellten sich dazu. Mit jedem Moment, in dem Kassandra die Verbindung zwischen den beiden Büchern aufrecht erhielt, fühlten sich scheinbar immer mehr unsichtbare Mächte davon angezogen. Lupinja war aufgesprungen und griff sich die Teetasse vom Tisch. In ihr befand sich noch ein kleiner Schluck der Flüssigkeit, mit der sie nun an mehreren Stellen auf dem Boden gewundene Symbole zeichnete. Schutzzeichen, die den Bannkreis zusätzlich stabilisieren sollten.
“Lange wird das hier nicht mehr halten!”, rief sie über ihre Schulter, als sie bemerkte, dass die ersten Symbole bereits wieder verblassten.
“Lass dir irgendwas einfallen!”
Kassandra biss die Zähne zusammen. Was glaubte diese verflohte Hexe bitte, was sie die ganze Zeit hier tat? Schmökern?!
Inzwischen war die Hitze bereits über ihre Schultern langsam in ihren Brustkorb gekrochen. Die Sucherin fürchtete sich davor, was geschehen würde, wenn sie ihr Herz erreichte. Doch sie konnte im wahrsten Sinne des Wortes die Finger nicht von den Seiten lassen.
Da hatte sie nun diese ganze Kraft und konnte nichts damit anfangen?
Wie ein kleiner Funken, der eine Lunte unerwartet entzündete, kam ihr der Gedanke, dass das die Lösung war.
Sie konzentrierte sich auf die Hitze in ihrem Körper und stellte sich vor, wie sie sie erst abbremste. Als würde eine Sturmflut sich an einem Deich brechen, als träfe ein Lavastrom aufs Meer. Und dann schob sie mit aller Kraft diese Hitze – diese Magie – wieder den gleichen Weg zurück, den sie genommen hatte.
Es fühlte sich quälend langsam an und jeder Millimeter war schmerzhaft, kräftezehrend und gleichzeitig – berauschend. Noch nie hatte sie diese Menge an Energie in sich getragen, geschweige denn mehr oder weniger kontrolliert.
Lupinja meinte allerdings, dass es nur einige Sekunden gedauert hatte, bis Kassandra plötzlich mit einem inbrünstigen Schrei aus ihrer Kehle aufgesprungen war und dabei endlich ihre Hände von den Büchern losriss.
Keuchend stand sie da, ein irrer Blick, der nach wie vor den Almanachen galt. Wie lange sie so verharrte, wusste sie nicht.
Irgendwann legte aber die Formwandlerin ihr die Hand auf die Schulter, was sie schmerzhaft endgültig zurück in die Realität holte. Instinktiv schnellte ihre Hand an die nur sachte berührte Stelle. Doch auch diese Bewegung rief ein unfassbares Stechen hervor. Tränen liefen ihr über die Wangen. Ein nicht sich bändigen lassen wollendes Zittern schüttelte ihre überempfindlichen Glieder durch und verursachte noch mehr Schmerzen. Kassandras Zähne schlugen aufeinander. Sie hatte jegliche Gewalt über ihren Körper verloren.
Das einzig Gute war, dass endlich das Dröhnen aufgehört hatte.

Wie lange die Windmagierin noch den kalten Magieentzug erleiden musste, wusste sie nicht mehr. Irgendwann war sie dankbar in die Arme der Erschöpfung gesunken und hatte ihre missliche Lage eine Weile hinter sich gelassen. Nun kämpfte sich etwas durch ihren dichten Nebel zu ihrem Bewusstsein hervor. Es war unwillkommen, denn es holte sie zurück ins Jetzt, in dem noch immer alles weh tat und ihr Körper nicht gerade zuversichtlich vermuten ließ, seinen Dienst wieder aufzunehmen. Und doch – ausblenden konnte sie es nicht länger.

Es war ein Geräusch. Fast wie das nächtliche Dröhnen der Magie gegen den Schutzzauber, nur viel leiser, viel feiner. Ein helles “tick, tick, tick!” gegen Glas. Mit aller Willenskraft, die sie wieder angesammelt hatte, schlug Kassandra die Augenlider auf. Sie brauchte einen Moment, bis sich ihr Blick wieder scharf stellte. Die Reste der Kerzenstümpfe – Lupinja hatte sie lieber brennen lassen – waren eigentlich nur noch unförmige Wachsklumpen auf dem Boden. Ansonsten sah aber alles aus wie zuvor. Einzig die Almanache lagen nicht mehr auf dem kleinen Couchtisch. Mühsam hob die Hexe ihren Kopf an, der sich direkt mit einem unangenehmen Stechen dafür revanchierte. Sie sah sich einen Moment um und fand die beiden Bücher aber nirgends. Also versuchte sie ihre Sucherin-Fähigkeiten zu mobilisieren. Als seien diese über Nacht völlig eingerostet, kamen sie nur schwer in Gang und schienen auch nur, wenn überhaupt, mit halber Kraft zu laufen. Doch es reichte, damit sie die Schwingungen der beiden Bücher wahrnehmen konnte. Sie lokalisierte sie in einer schweren Kiste, die mit einem zusätzlichen Vorhängeschloss gesichert war und am anderen Ende des Raumes stand.
Gute Idee, lobte Kassandra die Formwandlerin in Gedanken.
Dann drängelte sich wieder das helle Klopfen gegen Glas in ihr Bewusstsein. Es schien hinter ihr seinen Ursprung zu haben. Ein verzweifeltes Stöhnen kämpfte sich aus ihrem Mund. Das bedeutete, sie müsse sich wirklich bewegen.
Als wäre es das Anstrengendste, das sie jemals vollbracht hatte, konzentrierte sie sich mit aller noch in ihr steckenden Kraft darauf, sich mit einem Ruck aufzusetzen. Kaum, dass sie senkrecht war, kämpfte sie gegen das intensive Bedürfnis, sich zu übergeben an.
Immerhin mit Erfolg.
Langsam, in schierer Zeitlupe begann sie ihren Körper seitlich zu drehen, sodass sie über die Rückenlehne des alten Sofas gen Fenster schauen konnte. Dieses begleitete ihre Bewegung im Übrigen mit einem überdramatischen, langgezogenen Quietschen. Im Nebenzimmer hörte sie sich etwas regen. Ihr graziler Dialog mit der Couch hatte wohl Lupinja geweckt. Doch das war ihr nur recht, denn auch wenn sie nun die Quelle des Geräusches endlich ausgemacht hatte – sie fühlte sich absolut nicht in der Lage, weitere Schritte diesbezüglich einzuleiten.

“Wie geht es dir?”, fragte Lupinja, für ihre Verhältnisse fast schon einfühlsam.
“Ich bin das blühende Leben, siehst du das nicht?”
Kassandra grinste ein wenig scheel. Lupinja quittierte es mit einem ihrer typisch bellenden Lacher.
Mit einer kleinen Bewegung ihres Kinns wies die Sucherin auf die Fensterscheibe.
“Wir haben Post.”
Die Formwandlerin zog skeptisch eine Augenbraue hoch und trat an die Scheibe heran. Auf der anderen Seite des Glas tippte stetig und unerbittlich eine altmodische Schreibfeder gegen die Oberfläche, was das inzwischen durchaus nervtötende Geräusch verursachte. Während Kassandra mit grimmiger Miene sich in Schneckentempo schon begann wieder umzudrehen, durchschritt die andere Hexe den Raum, um vom Kühlschrank einen kleinen Notizblock zu holen. Diesen legte sie vorsorglich auf den Couchtisch, dann ging sie zurück zum Fenster.
“Bereit?”
“Nur zu.”
Mit einem Knarzen öffnete sich der erste Flügel des Doppelfensters, als sich die Feder bereits ungeduldig durch den kaum ausreichenden Spalt zwängte und zielsicher auf den Notizblock zuhielt.
Die Formwandlerin folgte ihr und schon sahen die beiden Hexen gebannt dabei zu, wie eine scheinbar unsichtbare Hand zu schreiben begann.
Ausdrucksstarke Letter fügten sich zu einer kunstvoll anmutenden Handschrift zusammen. Wort für Wort ließ die animierte Feder aufs Papier fließen, ganz gemäß ihres Auftrags. Als auch der letzte Punkt gesetzt war, zitterte sie kurz, erstarrte mitten in der Luft und fiel dann wie tot auf den Tisch. Der Zauber hatte seinen Zweck erfüllt, das Schreibwerkzeug war wieder ganz das Alte.

Kassandra griff – wieder höchst behäbig – nach dem Zettel und las die Worte.

“Meine Damen, unsere Fehde hat zwar gerade erst begonnen, doch für meinen Geschmack dauert sie schon viel zu lange an. Wir müssen eine Klärung finden. Ansonsten werden zu viele Außenstehende in diesen Zwist verwickelt. Ich verlange, dass Ihr mir schnellstmöglich einen Ort und eine Zeit nennt, um das Ganze aus der Welt zu schaffen. Ihr habt etwas, das mir gehört und das ich hiermit zurückfordere. Solltet ihr euch weigern, wird dies schwere Folgen haben, fürchte ich. Geht also besser auf dieses Angebot ein. Gezeichnet – Laurent.”