Hexenwinter
Von ©Stef Helmel zur Wpd? Aufgabe November 2025
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Content Notes: keine
Der erste Frost legte sich wie ein weißglitzernder Schleier über die Dächer der Stadt. In den vielen Fenstern flackerte das Licht unzähliger Kerzen, während Sophie sich über den großen Holztisch beugte. „Ob diesmal alles rechtzeitig fertig wird?“ Frieda band sich die Schürze um und grinste breit. „So oft wie Margarita uns den Plan hat durchgehen lassen, sind wir bestimmt schon gestern fertig.“ Die drei sahen sich erwartungsvoll um. Vielleicht würden ja tatsächlich gleich gefüllte Brotkörbe, Tabletts, Schüsseln und Keksteller erscheinen. Die konzentrierten Blicke der Schwestern waren kurz davor Löcher in die abgenutzte Oberfläche des alten Tisches zu brennen, als ein verhaltenes Räuspern ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihr Geschwister Bran lehnte mit dem Hintern an der Wand, die Arme verschränkt und lächelte verschmitzt. „Ihr wisst doch, dass unsere Magie leider nicht die Zeit manipulieren kann.“ „Nur, weil wir es noch nicht versucht haben!“, verkündete Sophie und band sich das weiße Kopftuch um. Margarita, die Älteste, klatschte in die Hände. „Unsere Art der Magie ist bodenständiger. Bran, du kümmerst dich um den Karren, Frieda…“ „Wissen wir alles Rita! Auf geht’s!“ Frieda warf ihr den dicken, vielgeflickten Wintermantel zu. Margarita seufzte ergeben, schlüpfte hinein und nickte ihren Geschwistern mit schiefem Grinsen zu. Die Hexen überquerten den Tannen geschmückten Stadtplatz und lenkten ihren Wagen zum Seiteneingang des Palastes. „Ah, die zauberhaften Geschwister!“, grüßte der Torwächter schmunzelnd und rieb sich die fäustlingbewehrten Hände. „Pasteten-Nachtschicht?“ „Kekse, Morgen muss schließlich alles fertig sein.“ Margarita klopfte ihm auf die Schulter und holte eine Tonflasche aus dem Korb. „Hier, teilt euch die auf. Heute Nacht wird es eisig.“ Die Augen des Wachmannes leuchteten auf. „Euer Selbstgebrannter?“ „Kriecherl Schnaps mit Salbei, damit ihr Morgen keine Halsschmerzen habt. Aber nur ein Stamperl pro Nase, der hats in sich!“ Die zweite Wächterin legte ihrem Kumpanen den Arm um die Schulter und nahm sich die Flasche. „Ihr seid die Besten. Komm Bert, lass unsere Hexen schon passieren. Reicht wenn wir uns den Arsch abfrieren.“ „Haha, ja. Geht schon rein.“ Bert pochte gegen das Gesindetor „Mach auf Miriam, wenns schnell geht bekommen wir vielleicht sogar Kekse!“ Sophie kicherte fröhlich. „Natürlich bekommt ihr die Morgen.“ Bran nickte den Wachleuten freundlich zu und trieb die gute Mimmi an. Die Haflingerstute setzte sich in Bewegung und der Karren rollte an. Sie hielten neben dem Lagergebäude das direkt an den Küchentrakt anschloss. Zwei der Köche standen im Windschatten und schmauchten ihre Tonpfeifen. „Abend die Da…“ sein Blick fiel auf Bran, „ähm die Hexen. Sollen wir euch beim Abladen helfen?“ Frieda winkte ab. „Nein danke. Wir holen uns die Kräuter später, wenn wir sie brauchen. In der Küche ist bei dem Trubel ohnehin kein Platz.“ „Bei uns im Lager ist noch ein Eckchen…“ setzte der Ältere an. Frieda trat der kalte Angstschweiß auf die Stirn. Sie durften nicht sehen was unter der Plane des Karrens war. Ein leises Knurren drang unter der Ladung hervor. Die rauchenden Männer sahen auf. „Was war das?“ Bran sprang vom Karren in den Schnee und rieb sich den Bauch. „Hier riecht es so lecker nach Essen, da wird der Wolf in meinem Magen wach.“ Margarita ergriff die Gelegenheit und legte den Jungs die Hände auf die Schultern. „Seht lieber zu, dass ihr nach Hause kommt. Heute Nacht frierts, das spür ich in den Knochen.“ „Würden wir ja, aber Vater kocht heute Steckrübeneintopf und mal ehrlich, wir würden die verdammten Dinger lieber roh essen.“ „Ach, seid froh, dass ihr was Warmes zu Essen bekommt. Viele in der Stadt haben nicht so ein Glück.“ Margarita seufzte traurig. „Da ist leider was dran. Steckrübenschleim wirkt nur sehr bitter, wenn man sieht was hier seit Tagen für Köstlichkeiten angekarrt und gekocht und gebacken werden, für das Fest der Obrigkeit.“ „Es heißt, die Königin ist selbst kein Freund von all dem Pomp des hohen Rates, aber gutes Essen weiß sie schon zu schätzen,“ kicherte der Jüngere der Beiden. „Mal ehrlich, wer tut das nicht?“, scherzte Sophie. „Haha, ja. Das stimmt. Komm, gehen wir heim zum Rübenschleim.“ Die beiden klopften ihre Pfeifen aus und stapften los. Margarita atmete erleichtert aus. „Gut gerettet Bran.“ Brans Magen knurrte. „War nichtmal gelogen. Es riecht hier wirklich verdammt lecker.“ „Das stimmt. Bring Mimmi in den Stall, wir gehen schon vor in die Küche.“ Margarita schob sich die klammen Finger in die Manteltaschen und machte sich auf den Weg über den festgetrampelten Schneepfad zur Küche, dicht gefolgt von ihren Schwestern. Bran spannte Mimmi ab, klopfte kurz gegen die Seitenwand des Karrens und raunte: „Bleibt leise und schlaft Freunde, wir wecken euch wenns los geht,“ ehe dey das Pferd wegführte. Margarita zog die schwere Eichentür der Küche auf und prallte gegen eine beinahe physische Wand aus Dampf, Hitze und Essensdüften. Einen Moment strauchelte sie, trat zur Seite und hielt ihren Schwestern die Tür auf. „Haltet euch an den Plan,“ raunte sie ihnen im vorübergehen zu und erntete ein Nicken von Frieda und ein, von Augenrollen begleitetes: „Jahaaaa!“ von Sophie. Drinnen herrschte emsiges Treiben. Väterchen Gerfried scheuchte die Köche und Köchinnen herum, wie ein alter Feldwebel Truppen über das Schlachtfeld. „Fritz, Bernd, hört auf zu schnattern und versiegelt die Töpfe mit der eingekochten Sauce, dann ab in den Keller damit!“ „Ja Kommandant!“, witzelte Fritz mit einem Tölpel-Salut und half Bernd die befüllten Gefäße ab zu flammbieren und mit Deckel und Wachs zu versiegeln. „Kitty, schnapp dir vier Leute und tragt die Gläser mit der Preiselbeermarmelade in den Keller. Wir brauchen die Arbeitsflächen gleich wieder! Ihr da, was steht ihr so… Ah! Die Nachtschicht. Kommt, kommt!“ Väterchen Gerfried winkte die Hexen mit dem Stock zu sich. „Wie laufen die Vorbereitungen Väterchen?“, fragte Sophie. „Ach, ihr kennt das ja. Jedes Jahr derselbe Stress, aber diesmal gebiete ich dem Chaos Einhalt! Wenn nur die Schmerzen nicht wären!“ „Wieder der Rücken?“ „Ja, Hexenschuss…“ der alte Mann linste unter seinen buschigen Augenbrauen hervor und sah Margarita schuldbewusst an. „Entschuldigt. Man nennt es nun mal so.“ Sophie kicherte vergnügt. „Alles Gut, wissen wir. Er heißt nur so, weil man eine kundige Hexe braucht, um ihn zu heilen. Ich habe die Salbe dabei, kommt, ich bringe euch auf euer Zimmer und reibe euch ein.“ Der alte Mann neigte dankbar das Haupt und humpelte mit Sophie los. „Leute, Rita macht die Übernahme, alles hört auf ihr Kommando!“, rief er. „Danket dem Schöpfer!“ Dabei wies er grinsend mit seinem Stock an die Wand, an der eine einzelne, riesige Schöpfkelle aus Holz hing, die sie für den großen Kessel verwendeten. „Danket dem Schöpfer!“, antworteten alle Umstehenden amüsiert und widmeten sich wieder ihrer Arbeit. Die nächsten Stunden halfen die Hexen dabei, das Tagewerk der ersten Schicht zu Ende zu bringen, die traditionell mit dem Abendessen der hohen Würdenträger endete. Rita packte selbst mit an, darauf bedacht, die ohnehin schon müden Kolleg*innen rasch nach Hause zu schicken. Sie mussten unter sich sein, damit der Plan funktionieren würde. Sobald die Diener mit den Resten der Speisen zurück in die Küche kamen, ergriff Rita das Wort: „So ihr Lieben. Geht nach Hause, schlaft euch aus, Morgen ist der Große Tag.“ „Sollen wir nicht helfen die Reste wegzupacken?“, fragte ein Küchenjunge. „Nein, schon gut. Wir machen das schon. Seht zu, dass ihr die Beine hochlegt.“ Sophie nahm ein Stück Käse von einem der Tabletts und reichte es dem Jungen, der mit großen Augen hineinbiss und sich trollte. Dankbar verließen auch die übrigen Küchenbediensteten die Kochstatt und die Hexen waren unter sich. Hurtig verstauten sie die Überreste des Abendmals, teilweise in den eigenen Mündern. Zeit in Ruhe zu essen hatten sie heute keine. Rita klatschte in die Hände. „Lasst uns anfangen! Bran, hast du das Werkzeug?“ Dey nickte und ließ die Hose zu Boden gleiten. Um deren Beine waren Stoffstreifen gebunden. Sophie half dabei, sie zu lösen und die Geheimwaffen hervorzuholen. Zufrieden betrachteten sie die zwanzig nachgemachten Keksausstecher. Die größeren Originale räumten sie sorgfältig beiseite. Sie würden dieselbe Anzahl Kekse backen wie jedes Jahr und dabei heimlich Zutaten einsparen. Sophie hatte alles berechnet und maß nun mit den angepassten Rezepten die Teigmengen ab. Die Hexen machten sich ans Werk: Mischen, kneten, rasten lassen, rollen, ausstechen, backen. Bran arbeitete am Hoffenster. So konnte dey um ein Uhr Nachts den Wachwechsel verfolgen. Unauffällig schloss Bran den hölzernen Fensterladen wieder. „Kann los gehen!“ Dey huschte zu Sophie, die bereits die eingesparten Lebensmittel abgezählt hatte. Dey schleppte alles zu dem winzigen Fenster im hinteren Vorratsraum der Küche, das zur Burgmauer hinaus zeigte und öffnete es. Kaum, dass dey die Zunge schnalzen ließ, waren entfernte Flügelschläge zu hören. Elegant wie die Schatten der Nacht, glitt ein Rabe nach dem Anderen durch die kleine Öffnung und landete auf dem Boden. Alsbald war Bran eingekreist von deren Seelentieren. „Gut gemacht,“ lobte dey sie. „Also, wie wir‘s geübt haben. Ihr bringt alles zu uns in den alten Stall. Das Tor steht offen und Georgia und Johanna stehen bereit. Es wird nichts genascht, damit wir morgen alle ein Festmahl haben, klar?“ Die Raben tapsten von einem Bein aufs Andere und krächzten leise. „Auf geht’s!“ Bran füllte die winzigen Beutelchen die sie in mühevoller Kleinstarbeit die letzten Monate lang genäht hatten mit Zucker, geriebenen Nüssen sowie einzelnen Eiern und schickte die Raben los, die ihren lautlosen Diebeszug begannen. Rita schnappte sich die zweite Tonflasche Schnaps, die sie mitgebracht hatte. Diese war ein spezielles Gebräu das schon von Urgroßmutter‘s Urgroßmutter verwendet worden war, um Schlaflosen Linderung zu verschaffen. Ein feiner Kräuterliqueur mit Baldrian, Hanfblüten, Melisse und Johanniskraut. Selbst der hartneckigste Schlaflose schnarchte damit nach spätestens fünfzehn Minuten. Sie flitzte über den verwaisten Innenhof, rüber zum kleinen Gesindetor. Ob der späten Nachtzeit und der Eiseskälte, hatten die Wachen sich in das kleine Torhäuschen zurückgezogen. Sie Klopfte und trat ein um die Wächterinnen zu begrüßen, die kartenspielend am kleinen Tisch saßen. „Abend, ihr habt mir bei der Kälte so leidgetan. Da habe ich was für euch. Der Liqueur wärmt euch von innen auf. Altes Familienrezept und ein paar frische Kekse.“ Verschwörerisch neigte sie sich zu den beiden über den Tisch. „Aber verratet mich nicht.“ Die Wächterinnen grinsten sie breit an. Mit einem verschwörerischen Schmunzeln auf den Lippen machte sie kehrt. Zu ihrer Zufriedenheit hörte sie das leise „Plopp!“ eines herausgezogenen Korkens bevor sie die Tür ins Schloss zog. Sie sah sich um, aber wie erwartet trieb sich niemand auf den Mauern herum. Die Festung mit dem Palast lag mitten in der Stadt, weit entfernt von der Stadtmauer. Ein Angriff war undenkbar, somit fühlte sich auch niemand genötigt, bei der klirrenden Kälte auf der Mauer zu stehen, wo einem der eisige Wind um die Ohren pfiff. Sobald die Uhr der kleinen Burgkapelle halb Zwei zeigte, ging Rita zurück zum Wachzimmer. Die beiden Wächterinnen schliefen tief und fest, in ihre Umhänge gehüllt, auf den Stühlen am Tisch. Zufrieden trat Rita an das kleine Seitentor, öffnete die Manntür einen breiten Spalt und spreizte sie an. Zurück in der Küche trommelte sie die anderen Zusammen. „Los, Päckchen packen und Bran, geh die Fellbrigarde holen!“ Während drinnen flink Bündelchen geschnürt wurden, eilte Bran zum Wagen und zog die Plane zurück. Hunderte Augen blickten ihm erschrocken entgegen. „Hey Leute, los geht’s, folgt mir!“ Dey warf sich einen großen Seesack auf den Rücken und huschte zurück zur Küche. Dicht gefolgt von deren Regiment aus Fellknäueln. Die Créme de la Créme der städtischen Straßenkatzen, Hinterhofsköter und Hausmausfamilien. Während Brans Schwestern wieder die Keksproduktion befeuerten, belud dey Hunde und Katzen mit Bündeln und kleinen Tragetüchern, gefüllt mit Speck, Kartoffeln, Zwiebeln, großen und kleinen Käsestückchen und jeder Menge Butterstücken. Die Mäuse machten sich über eine große Schüssel mit Wallnusskernen her, die sie behutsam in ihre Mäulchen nahmen. Sobald alle beladen waren, führte Bran sie zu der offenen Tür im Tor. „Ab nach Hause in den Stall! Morgen gibt’s ein Festmahl!“ Die Tierchen flitzten los. Die lautlose Prozession der Diebe der Nacht. Bran schloss die Tür hinter ihnen, eilte zurück in die Küche und verkündete: „Raus ist die Maus.“ Dey blieb wie angewurzelt stehen, als dey Ritas scharfen Blick bemerkte. Der zerzauste Lockenkopf einer jungen Pagin wandte sich gähnend Bran zu. „Hier gibt’s auch Mäuse? Kein Wunder, ihr habt den ganzen leckeren Käse.“ Sophie drückte ihr ein Kekstellerchen in die Hand. „Ja, diese kleinen Schlawiner. Hier sind die Kekse für ihre Hoheit.“ „Danke. Gute Nacht.“ Die Pagin schlurfte mit dem Keksteller davon. Die Hexen stießen erleichtert den angehaltenen Atem aus. „Die Königin hat wohl die Kekse gerochen und Appetit auf ein Betthupferl bekommen,“ bemerkte Frieda. Um Drei Uhr holten sie die letzten Bleche Kekse aus den Öfen. „Bindet euch die Mehlbeutel um, für den Fall, dass die Frühschicht eher kommt,“ befahl Margarita. Eilig wickelten sie sich die mit Mehl und Kernen gefüllten Stoffschläuche um die Bäuche und schlossen das Rabenfenster. Kaum war der Fensterladen dicht, tönte ein „Morgen werte Hexen.“ Aus der Küche. „Wo steckt ihr denn?“ Väterchen Gerfried öffnete die Tür zum hinteren Vorratsbereich der Küche. Verwundert blickte er auf die Vier mit den leeren Schüsseln in den Händen. Frieda reagierte als erste. „Ah, ihr seid ja früh wach Väterchen. Wir räumen gerade noch auf.“ Sophie trat verstohlen auf eine schwarze Feder die verräterisch auf dem Boden glänzte. „Ihr wisst, ja, alte Leute brauchen nicht mehr so viel Schlaf in der Nacht, aber wehe man verwehrt uns das Mittagsschläfchen.“ Die gutmütigen Augen des Alten funkelten schelmisch. Dreiviertel einer Stunde später, rollten sie auf ihrem Wagen zum Tor, wo zwei gut ausgeschlafene Wächterinnen halbherzig ihren Wagen absuchten, der vorbildlich leer war. Während am nächsten Abend das kulinarisch-kalorienreiche Fest bei Hofe in vollem Gange war, fanden sich im Haus der Hexengemeinschaft die Armen, Invaliden und Einsamen ein, um bei einem herzhaften Kartoffelauflauf, Keksen Und Tee das Mittwinterfest zu feiern. Zufriedenes Schmatzen, rascheln und Krähen drang aus dem Stall als Bran mit einem Sack Sonnenblumenkörnern rüber ging. Dey tätschelte Mimmi den Hals und hielt ihr eine Karotte an die Lippen. „Es ist schön, wenn man so viele Leben glücklich machen kann, mit etwas, das den Reichen kein bisschen fehlt.“
Links zu den Videos:
Twitch: https://www.twitch.tv/videos/2633353132
YouTube: https://youtu.be/YuxZsEke0w4
Alles zur Was passiert danach? Anthologie
Teamvorstellung: Kommafalter, Nadine Föhse, Carolin Summer, J. Gipfelbasilisk
Autor*innen: Andreas Röger, Asteria Rabenfeder, beschaulich, Christina Brühl, Inge SaintLaurent, Katharina Jörn, Palandurwen, Stef Helmel


