Symphonie der Stille
Von ©Flourish zur Wpd? Aufgabe August 2025
Die Texte wurden nicht lektoriert und korrigiert und geben den Einsendungszustand wieder.
Content Notes: wechselnde Lichtverhältnisse, Dunkelheit, Andeutung multipler Persönlichkeiten
Die Straßenlaternen warfen lange Schatten, während die Nachtluft kühl auf der noch warmen Haut lag. Er trat langsam an den Straßenrand und sah den wenigen Wagen hinterher, die sich wie träumende Lichterketten in der Ferne verloren. „Wenn ich es wirklich durchziehe, gibt es kein Zurück“, murmelte sie. Ihre sanfte Stimme hallte leise in seinem Kopf wider, weich und eigenständig, wie ein anderes Ich, aber doch nur ein Teil von ihm. Nicht zu ihm sprechend, doch ihre Worte flossen wie ihre Gedanken durch die seinen und vermischten sich mit ihnen. Die Worte schmeckten vertraut, als gehörten sie zu einem Refrain, den nur er hörte. Hatte er diesen Satz schon einmal gesagt? Seine Hände steckten tief in den Taschen, die fingerlosen Handschuhe boten kaum Schutz. Das Kältebrennen war ihm vertraut, fast lieb. Es erinnerte ihn daran, dass er noch da war. Wo eigentlich? Manchmal hatte er das Gefühl, mehr zu sein als ein Wanderer: Schüler und Lehrer zugleich, ein Träger von etwas, das er nicht benennen konnte. Einer, der gelernt hatte, die Linien der Welt ein wenig genauer zu betrachten. Nur um dabei immer wieder zu sehen, wie sie vor seinen Augen verschwammen. Und manchmal flossen sie wie Tinte durch seinen Geist, ein Muster, das nur er zu entziffern schien. Er überquerte die Straße und betrat die Station. Das Licht hier drin schimmerte fremdartig und wechselhaft. Manchmal erinnerte es ihn an altes Neonlicht – woher kannte er Neonlicht? Zuweilen funkelte es wie ein Kristall, der in sich selbst zu glühen schien. Er erinnerte sich nicht, wann er jemals einen solchen Kristall gesehen haben sollte. Niemand stand an, niemand wartete. Nur er. Und sie. Der alte, verwitterte Automat nahm keine Münzen. Seine eisigen Fingerkuppen strichen über das kantige, harte Plättchen in seiner Tasche. Er erinnerte sich nicht, woher er es hatte – nur, dass es immer da war, wenn er es brauchte. Vielleicht schon immer. Mit geübtem Griff zweier Finger entließ er es aus der Dunkelheit in das flackernde Dämmerlicht, nur um es Bruchteile eines Augenblicks später wieder in der Schwärze verschwinden zu lassen. Eine kurze Bewegung, beinahe rhythmisch, wie ein Zauber, als wüsste er instinktiv, wie es reagieren würde, noch bevor es überhaupt berührt wurde. Ohne zu merken, dass und wie er es tat, wie in einer automatischen Abfolge gewohnter Handlungen, war er eingestiegen. Er wurde sich dessen erst bewusst, als er bemerkte, wie sich sein Untergrund in Bewegung setzte, während sie einen Platz am Fenster suchte. Das einsetzende Rattern war vertraut und neu, als wäre es die erste und tausendste Fahrt. An einer leeren Sitzgruppe angelangt, ließ er sich am Fenster nieder und den Blick hinaus auf die gleitende Landschaft schweifen. Die Landschaft war fremd und weit, vertraut und nah zugleich. Die Welt dort draußen nebelig, ein trübes Spiel aus Licht und Schatten, das sein Herz schneller schlagen ließ und eine seltsame Ruhe zugleich brachte. Er sah Veränderungen in ihr, die anderen verborgen blieben, als stünde er gleichzeitig am Rand der Welt und in ihrem Zentrum. In der Sitzgruppe neben ihm, saß auf der ihm gegenüberliegenden Seite ein Fremder. War er schon die ganze Zeit über dort gewesen? Ein schmaler Körper, eine Haltung, die fast zu aufrecht war, als würde er ein unsichtbares Gewicht schultern. Das Gesicht war jung, aber die Augen… die Augen trugen ein Alter, das sich nicht fassen ließ. Seine Kleidung schimmerte in wechselnden Nuancen, mal wirkte sie abgetragen, aus einer fast vergessenen Zeit, mal glänzte sie wie neuer Stoff, der zum ersten Mal getragen wurde. Immer wie nicht von dieser Welt. Er musterte ihn lange, vielleicht zu lange. „Er schaut mit dem gleichen Gesichtsausdruck zurück“, bemerkte sie. In seinem Blick lag Frage und Erkennen. Etwas in diesem Fremden gefiel ihm: die stille Selbstverständlichkeit, mit der er dort saß, die Art, wie er den Blick nun wieder ins Leere richtete, als sähe er weiter als andere. Aber zugleich lag darin etwas Beunruhigendes. Ein Spiegel fast, in dem er sich selbst zu erkennen glaubte. War das Zuversicht, die von ihm ausging? Oder Warnung? Das Schweigen zwischen ihnen spannte sich wie ein unsichtbares Band, eine unhörbare Melodie. Das Rattern auf der Strecke wiederholte sich wie ein Echo, das ihn gleichzeitig vorwärts trieb und zurückhielt. Jeder Herzschlag im ratternden Takt schien die Grundlage zu bilden für die Partitur ihrer Reise. Ein leises Surren im Rhythmus ihrer Fortbewegung bildete den Klangteppich für die stille Symphonie der Fahrt. Je länger sie andauerte, desto mehr traten die rhythmischen Klänge in den Hintergrund, bis die Stille in einem ohrenbetäubend zu werden drohenden Widerhall erklang. „Wenn ich es wirklich durchziehe, gibt es kein Zurück.“ Schon wieder? Sein Refrain, der die Stille durchbrach, die Symphonie von neuem beginnen und ihn sich fragen ließ, wohin sie ihn auf dieser Reise führte. Unvermittelt tauchten sie in einen Tunnel. Und was vorhin noch trüber Nebel gewesen war, erschien von einem Moment auf den anderen wie gleißendes Licht. Dunkelheit umhüllte sie, lautlos, endlos. Ein Moment, in dem er nicht wusste, ob er noch atmete. „Kein Zurück!“ halte es in ihm. Er sprang auf in die Dunkelheit, suchte sie, tastete hektisch nach ihr, für einen Wimpernschlag, der ihm wie eine Ewigkeit vorkam. Als er sie schließlich fand, kehrte das Licht zurück. Sein Blick ging hinaus. Die Landschaft war fremd und weit, vertraut und nah zugleich. Die Welt dort draußen nebelig, ein trübes Spiel aus Licht und Schatten, das sein Herz schneller schlagen ließ und eine seltsame Ruhe zugleich brachte. Die Straßenlaternen warfen lange Schatten. Er lehnte die Stirn ans Fenster, schloss die Augen und hörte den eigenen Atem. Heute war es noch nicht soweit. Morgen würde ein neuer Tag sein. „Morgen ziehe ich es wirklich durch!“ Doch wie viele Male hatte sie das schon gesagt? „Wenn ich es wirklich durchziehe, gibt es kein Zurück.“
Links zu den Videos:
Twitch: https://www.twitch.tv/videos/2557155002
YouTube: https://youtu.be/iBkS0bUlkmc
Alles zur Was passiert danach? Anthologie
Teamvorstellung: Kommafalter, Nadine Föhse, Carolin Summer, J. Gipfelbasilisk
Autor*innen: Andreas Röger, Asteria Rabenfeder, beschaulich, Christina Brühl, Inge SaintLaurent, Katharina Jörn, Palandurwen, Stef Helmel


