Der letzte Gefallen
Von ©Palandurwen zur Wpd? Aufgabe Juni 2025
Die Texte wurden nicht lektoriert und korrigiert und geben den Einsendungszustand wieder.
Content Notes: Sterben, Verletzungen, Schmerz, Mobbing, Burnout
Die Stadt vibrierte unter der Sommerhitze und irgendwo in der Ferne spielte eine leise Melodie. Das Brückengeländer lag kalt in ihrer Hand. Eigentlich ungewöhnlich, immerhin herrschten trotz fortgeschrittener Abendstunde noch immer 25 Grad. Aber so war das nun wohl, bei einem Wesen wie ihr, das nicht mehr so richtig hier war, hierher gehörte. Unter der Brücke rauschte der breite Fluss. Gedankenverloren schaute sie auf die kleinen Wellen, die sich immer wieder übereinander türmten, brachen, in kleine Strudel zerfielen, kaum da, schon weg, immer weiter gen Meer. Fort von hier. „Vielleicht ist es Zeit, einfach abzuhauen.“ “Das wäre aber schon etwas feige.” Sie schreckte nicht zusammen, als der zur Stimme gehörende Körper sich ebenfalls gegen das Gestell lehnte. “Du lässt mir ja keine andere Wahl!” Die Worte sollten bissig klingen, doch ihre Stimme schlug Haken wie ein Hase auf der Flucht. “Deine Interpretation.” Jetzt drehte sie den Kopf doch zur Seite und schaute ihren Gesprächspartner zornig an. Sie war sicherlich vieles. Unentschlossen. Zerrissen. Aber feige? Sie mochte Veränderungen ganz und gar nicht und wusste doch, dass sie um diese nicht herumkommen würde. Wozu das Ganze also noch herauszögern? Als hätte er ihre Gedanken gelesen, drehte er seinen Kopf ihr zu und sie konnte sich einen Moment in seinen Augen, die eigentlich silberne Spiegel waren, selbst erkennen. Schnell wandte sie sich jedoch ab. Sie wollte das nicht sehen müssen. “Es ist kein Herauszögern, wenn du dich hier noch deiner letzten Aufgabe stellst. Du weißt genau, wenn du jetzt keine Entscheidung triffst, wird es dich ewig verfolgen und heimsuchen. Sogar dahin, wo du dich jetzt gern hin wünschen würdest.” “Ich würde vor allem gerne dich jetzt irgendwohin wünschen …”, murmelte sie. Sein leises Lachen war in unfairer Weise melodisch und ihre Härchen auf dem Arm machten ihm zu Ehren eine kleine Laola. Verräter. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie – er hatte leider Recht. Sie stützte die Unterarme auf das Geländer und legte ihre Stirn darauf ab. Durch die Metallstreben hindurch, an ihren Füßen vorbei, sah sie wieder sehnsüchtig dem Spiel des Wassers zu. “Da wirst du deine Antwort nicht finden.” Sie rollte mit den Augen, richtet sich abrupt auf, schlug mit der Hand auf die oberste Stange und ließ ein entnervtes “Gnaaah!” aus ihrem Mund entweichen. Dann trat sie mit Wucht gegen den Pfahl, der die Streben trug und schrie dem Abendhimmel zu: “Ich hasse das!” Dem Echo ihrer Stimme konnte sie noch einen Moment lang lauschen und schämte sich sofort für diesen Ausbruch. “Besser?” “Nein.” Sie seufzte und schlug die Augen nieder. Mit geballten Fäusten und hochgezogenen Schultern drehte sie sich langsam zu ihm um. Sie kam sich vor wie eine Footballspielerin, die sich darauf gefasst machte, wohl oder übel gleich heftig getackelt zu werden. “Bringen wir es hinter uns.” Die Entscheidung war gefallen. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf. Immerhin musste sie ihm zugutehalten, dass er sich weder gehässig noch herablassend ihr gegenüber verhielt. “Du weißt noch, was ich dir erklärt habe?” “Ich schau dir in deine Augen und erkenne, wem ich noch einen letzten Gefallen schulde. Und wenn ich den erfüllt habe, nimmst du mich mit ins Totenreich.” Er schwieg, nickte einmal. Sein Gesicht blieb neutral. So lange sie es konnte, vermied sie es in diese eiskalten, glatten Oberflächen zu sehen, die gleichzeitig wie Abgründe erschienen, wenn sie nur flüchtig an ihnen vorbei schrammte. Doch dann hob sie den Blick und sah direkt in seine Augen. Es war beklemmend. Sie erkannte zunächst sich selbst, so wie sie gerade vor ihm stand. Die Haare zu einem völlig zerfledderten Zopf gebunden, die Kleidung staubig, einige Schrammen an Armen und Kinn. Sie wollte gar nicht so genau wissen, wie elend sie aussah, auf der Schwelle zum Sterben. Also versuchte sie im silbrigen Nichts hinter ihrem Spiegelbild etwas zu entdecken. Doch da war nur Leere. Die Veränderung an ihrem Spiegelbild bemerkte sie erst, als sie bereits erfolgt war. Sie saß in einem dunklen Raum, schmuddelige Kacheln umgaben sie, sie hatte die Knie angezogen und die Arme drumherum geschlungen. Ihre Haare waren deutlich kürzer, wirkten aber nicht geschnitten, sondern verkohlt, in der Luft der beißende Geruch von süßlichem Schwefel. Da fiel es ihr ein – 9. Klasse, als ihre Mitschülerinnen es besonders witzig fanden, ihr ein Feuerzeug an den Kopf zu halten. Sie schluckte gegen die schlechten Erinnerungen an, doch sie brachen gewaltsam ein. Wie sie über eine Stunde in einer Kabine des Mädchenklos auf der geschlossenen Toilette saß, damit niemand sie fand, unbeweglich in Schockstarre, sodass sogar das Licht bereits erloschen war, weil selbst der Bewegungsmelder sie vergessen hatte. Wie sie in kreisenden Gedanken sich das Hirn zermarterte, warum sie ihr das angetan hatten und schließlich mit der Sicherheit zurückblieb, das wohl verdient zu haben, wenn doch alle mitgemacht hatten. Was war sie nur für ein furchtbarer Mensch? Dann verwandelte sie sich wieder. Etwas älter, äußerlich weniger ramponiert, aber sie sah die viel zu kurz abgekauten, blutigen Nägel. Sie sah, wie die Schatten unter ihren Augen fast schon violett waren. Ihr Gesicht war fahl beleuchtet, ein flackernder Bildschirm und sie in feinster Shrimp-Haltung davor, die Nase fast schon auf der Tastatur, aber sich doch zwingend weiterzuarbeiten. Irgendwas musste fertig werden, die anderen verließen sich auf sie und hatten doch aber Familie, Freunde, ein Date, den Hamster zu Hause – sie war ohnehin allein, da konnte sie ja mal einspringen, nicht so schlimm, auch mehrmals und immer und kein Problem. Dass es ein Problem war, das hatte sie zu spät erkannt, das wollte sie selbst jetzt noch nicht wahrhaben. Denn immerhin hatte ihr schon länger niemand mehr die Haare angezündet – also war doch alles gut? Noch einige weitere Wandlungen beobachtete sie. Es sprang in den Zeiten, mal nah, mal fern, doch immer deutlicher wurde der Umriss, der sich ganz am Ende wieder mit ihrem gegenwärtigen Ich füllte. “Ich schulde mir selbst einen Gefallen?” Die Stirn ihres Spiegelaugen-Ichs zog sich in Falten, bevor er blinzelte und der Zauber brach. Er atmete ein paar Mal schwer und lehnte sich wieder ans Geländer, wirkte unendlich erschöpft. Sie stellte sich neben ihn, sodass sich ihre Oberarme fast berührten. “Du siehst alles, was ich sehe?” “Ich fühle es auch.” “Oh.” Ein kleiner Laut für eine große Erkenntnis. Das Wissen, dass sie ihm nichts vormachen konnte. Dass sie ihm nicht erklären konnte, dass das doch alles nicht so schlimm war, dass sie nur ein bisschen erschöpft war, dass ein kleiner Urlaub an der frischen Luft das fixen könnte. Das warnen Lügen, die sie allen anderen und vor allem auch sich selbst aufgetischt hatte. Und diese zerbrachen nun mit einem grässlichen Scherbeln in tausend Stücke, als hätte jemand einen Spiegel umgestoßen. “Alles okay?” Nun, da ihr Lügenpanzer zerbrochen war und sie nicht mehr zusammenpresste, ergriff ein Zittern aus den Tiefen ihrer Seele heraus ihren Körper. Als hätte sie Angst, selbst zu zerspringen, krallte sie sich wieder ins Geländer, um irgendeinen Halt zu haben. Ihre Stimme war erstickt und klang furchtbar jämmerlich in ihren Ohren. Dennoch quetsche sie eine Antwort aus sich heraus. “Nein.” Da hörte das Zittern und Beben so unverhofft auf, wie es begonnen hatte. Stattdessen brachen Tränen aus ihren Augen. Eine nach der anderen kullerte über ihre Wangen und schwang sich mit Freude von ihrem Kinn hinab zu ihren Füßen, nahm Staub und Schmerz mit sich und vereinte sich wohl bald schon mit dem rauschenden Fluss unter ihr. Weit weg, gen Meer. Er schlang seinen Arm um sie. “Na endlich.” Verwirrt versuchte sie die Tränen wegzuwischen, hielt aber mitten in der Bewegung inne und schaute ihn dann an, direkt ins Gesicht, befreit von der Angst, was sie in seinen Spiegelaugen sehen könnte. “Ich schuldete mir selbst den Gefallen?” Er lächelte und drückte ihr sanft einen Kuss auf die Stirn. “Komm.”
Links zu den Videos:
Twitch: https://www.twitch.tv/videos/2505151295
YouTube: https://youtu.be/AWx0oupAr28
Alles zur Was passiert danach? Anthologie
Teamvorstellung: Kommafalter, Nadine Föhse, Carolin Summer, J. Gipfelbasilisk
Autor*innen: Andreas Röger, Asteria Rabenfeder, beschaulich, Christina Brühl, Inge SaintLaurent, Katharina Jörn, Palandurwen, Stef Helmel


